Ecce homo – Wie man wird was man ist

Meine Zeit war gekommen im Jahr Zweitausendzehn

1999 hörte ich Echt. Sie hatten dieses Album draußen namens “Freischwimmer”, und weil ich heimlich ein vor-pubertierendes Mädchen war, das auf Jungenbands und traurige Lieder stand (“Du trägst keine Liebe in dir”, “Weinst du”), lief das Album auch noch einige Jahre nach seiner Veröffentlichung bei mir herauf und hinab.

Unvorstellbar, dass das nun schon Fünfzehnjahre her sein soll. Dabei höre ich Kim Frank’s Stimme noch in meinen Ohren (auch, weil das gerade im Hintergrund läuft) nachhallen. Damals sang er, das seine Zeit kommen werde in 2010. Und das dachte ich auch. Ich war auf dem besten Weg zum Abitur, hatte Träume, hatte gute Freundschaften, Zuversicht.

Weil ich nicht einschlafen konnte – und kann – las ich mich durch alte E-Mails. Freunde, mit denen ich schon seit 4 Jahren kein Wort mehr wechselte, aber die sich immer noch als Freunde anfühlen. Ich dachte an G., die frisch Mutter geworden war, und an L. und B., A., S., und wie sie nicht alle heißen.

Vielleicht war meine Zeit wirklich gekommen. Vielleicht war das genau der Höhepunkt. Ich outete mich als Künstler, das ganze Adoptivfamilien-Narrativ endete, die Motivation schwand und … ja. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Aber vielleicht habe ich den Höhepunkt schon überschritten. Andererseits dachte ich das auch schon 2004, als wir alle Troy blieben. Und 1999, als ich weinte und nicht im Regen stand. Aber vielleicht denke ich auch, dass ich einfach nichts gebacken kriege. Wahrscheinlich bin ich noch nicht so weit. Wahrscheinlich brauche ich ein bisschen Zeit.

Meine Zeit wird kommen … zweitausendeinhundert.

(Nach dem Klick das Video)
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Ich weiß nicht ob ich lieber David Bowie oder eine Katze wäre

Das gebrochene Herz einer kleinen Katze

Mein Vater hat eine Katze namens Elisabeth, die ich so oft es mir möglich ist besuche. Das ist unfair gegenüber meiner Familie – insbesondere meinem Bruder -, die währenddessen in der Gärtnerei arbeiten, aber sind sie so ehrlich zu mir wie ich es bin, so müssten sie zugeben, dass ich zu wenig mehr in der Gärtnerei zu gebrauchen bin als ihre Katze zu streicheln. Den “Streicheln, Kuscheln und Schmusen”, sagte eine Ex-Freundin, “ist auch Arbeit.”

Nun blieb heute nicht so viel Zeit, dennoch setzte ich mich nieder und streichelte Elisabeth. Hinter den Ohren und an den Backen, wo sie es besonders mag, aber auch überall sonst. Egal welchen Körperteil sie mir hinhielt, ich kraulte bereitwillig und sie zeigte durch ihr Schnurren – zuerst leise, dann sehr laut – ihre Zustimmung.

Jedoch konnte ich wie gesagt nur kurz bleiben. Ich erzählte ihr ein bisschen etwas auf Schwedisch, von meiner zerbrochenen Brille und der Arbeit auf der Baustelle. Ich begann langsam, wechselte Kraultempo und -stärke und ließ es letztlich nach einigen Minuten, die wohl das Highlight meiner Woche waren, langsam ausklingen. Langsam strich ich ihr noch einmal über den Rücken und ging dann langsam zur Türe.

Ich verließ die Katze Elisabeth mit einem “Vi ses” und “God natt”, schloss ab und sah sie doch noch durch die Glastüre dort sitzen. Genau da auf dem Tisch, wo ich sie gekrault hatte, saß sie nun aufrecht und blickte mich an. Blickte in mich hinein. Blickte mir ein Loch ins so oft gebrochene Herz hinein. Wie konntest du mich nur so verraten? An meine schlimmsten Feinde hast du mich verraten. Mich und meine Familie. Wie konntest du nur. Die kleinen Augen blickten mich an. Verrat. Judas. Judas! Verrat!

Ich hatte ein so schlechtes Gewissen wie selten. Ich hätte ein Foto machen sollen, und es auf jedes abgebrochene Buch, jede unvollendete Hausarbeit, jeden noch nicht gemachten Abwasch kleben. Ich könnte diesen Blick nicht ertragen.

Ich weiß dass mir Elisabeth verzeihen wird – zumindest hoffe ich das -, auch wenn es Zeit brauchen wird, und ich weiß dass ich sie wieder so verraten werden muss. Ich werde gehen müssen und jedes mal wird mein Herz noch einmal brechen.

Warum sind es eigentlich immer die jungen Frauen mit den Schnäuzern, die mir so den Kppf verdrehen?

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Politik-Pudding

Solidarität in den letzten Zügen

Am Sonntag (heute) möchte ich das erste mal seit Monaten wieder in die Landeshauptstadt fahren. An sich kein großes Ding – es fährt sogar mehrmals täglich ein Zug von hier nach Stuttgart -, aber weil die Lokführenden streiken dürfte das ganze etwas komplizierter werden.

Dabei sage ich ganz klar: Volle Solidarität mit den Streikenden.

Die Darstellung ihrer Gewerkschaft GDL ist alles andere als objektiv. Bahn.de behauptet etwa, die Gewerkschaft “laufe Amok” (vgl.). Ich verstehe das Leute genervt sind wenn Züge nicht fahren, und, so richtig happy bin ich auch nicht. Aber mein Unverständnis richtet sich nicht an die Gewerkschafter_innen, denen gerade wirklich alles vorgeworfen wird, sonder gegen die DB, welche einen gerechteren Lohn nicht bezahlen möchte. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr drängt sich der Eindruck auf – aber als mehr möchte ich das auch nicht behandeln -, dass die DB ein Interesse daran hat, die (eine) Gewerkschaft ihrer Angestellten öffentlich möglichst schlecht dastehen zu haben.

Darauf deuten so paar Informationsfetzen hin, die mir schlicht zuvor nicht bewusst waren. Beispielsweise, dass die Mehrheit der Bahnbeschäftigten wohl Lokführende sind und man so zumindest fragen kann, ob die Gewerkschaft der Lokführer_innen nicht vertretungsberechtigt sein könnte. Ob sie das wirklich ist, weiß ich nicht. Dazu kommt ein Notfahrplan, der schon vor dem Beginn des Streiks am Mittwoch den Bahnverkehr teilweise beeinträchtigte. Ob diese Vorwürfe, wie sie in der jW abgedruckt wurden (Donnerstagsausgabe) stimmen, kann ich nicht beurteilen.

Ich glaube nur, dass egal wie es ist, die Mitarbeiterinnen, Mitarbeitenden und Mitarbeiter der Deutschen Bahn mehr Solidarität verdienen – gerade wenn sie zur Durchsetzung ihrer legitimen Interessen streiken müssen – als deren Bosse.

Dafür, ja, dafür bleibe ich auch solidarisch auf einem Bahnhof sitzen.

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Beef

Die Woche in unabgeschickten Leserbriefen

Eigentlich komisch. Dieses Blog können potenziell alle lesen und das zu jeder Zeit und durchsuchbar, und ich habe keine Schwierigkeiten damit hier irgendwas zu veröffentlichen – auch Dinge, die ich gestern noch ganz anders sah oder die sehr persönlich sind oder peinlich oder potenziell nachteilig -, einen Leserbrief in der Zeitung dagegen erreicht nur am Tag seiner Veröffentlichung eine sehr begrenzte Anzahl an Menschen – und ist tags drauf schon Altpapier.

Trotzdem traue ich mich nicht, das, was ich in das weiße Feld der Tagblatt-Leserbriefspalte geschrieben habe, dort abzuschicken. Inzwischen ist das dritte Tab offen und darin liegen unterschiedliche Texte zu unterschiedlichen Themen und keinen habe ich abgeschickt.

Ich bin wohl doch der Feigling, als den mich jemand – hinter meinem Rücken – beschimpfte, weil ich einen bundeswehrkritischen Leserbrief schrieb.

***

Auf der nächsten Seite: Drei unabgeschickte Leserbriefe, zwei davon über die Tierversuche am MPI in Tübingen, die seit Wochen die Leserbriefe dominieren, und ein völlig ernstgemeinter über die wunderschönen Katzenbilder, die seit ein paar Wochen immer wieder das Tagblatt füllen.

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Studium

Mein Hirn blutet in Fontänen.

Du schreibst einen Text.
Du liest diesen Text.
Du veränderst diesen Text.
Du liest diesen Text.
Du veränderst diesen Text.
Du lässt jemand anders deinen Text lesen.
Du korrigierst Fehler, machst neue, schreibst neues.

Irgendwann beginnst du deinen Text zu hassen. Ich hasse mein Essay über “Der standhafte Zinnsoldat”. Ich hasse jede einzelne Zeile. Ich bin ein bisschen stolz, weil ich meine Deutungen logisch und schlüssig und noch dazu spannend finde. Aber ich hasse den Text. Ich hasse diesen Text. Ich hasse jedes einzelne Wort, jede Formatierung. Ich hasse ihn. Ich hasse ihn. Ich kann diesen Text nicht mehr sehen.

Bücher werden nicht fertig, weil sie zuende geschrieben werden, sondern weil Menschen eine Deadline bekommen, oder selbst am Schreiben sterben.

Ich hasse diesen Text. Ich hasse den Zinnsoldaten und die Tänzerin. Es ist ein wunderschöner Text. Aber ich hasse ihn. Ich hasse, dass ich nicht mehr aufhören kann, darüber nachzudenken.

Ich weiß, was an meinem Text schlecht ist. Welche Worte ich wechseln müsste. Und welche ich dann tauschen würde, weil sie nicht mehr zu den gewechselten passen. Und wäre ich am Ende, müsste ich zum Anfang. Am Schluss, wenn der Text fertig wäre, dann wäre er so gut, wie ich ihn nur machen kann. Aber bevor der Text fertig ist, bin ich es. Müsste ich ihn noch einmal lesen, müsste ich noch mal verbessern, dann würde mein Hirn bluten in Fontänen. Aber ich wäre standhaft.

Denn es ändert ja doch nichts.

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