Beef

Die Woche in (un)abgeschickten Leserbriefen (19. bis 25. Januar ’15)

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Ich kritisierte, dass von allen Bundestagsabgeordneten sich zu Sprechstunden nur der SPD-Mann in die Region traut. Alle anderen kommen nur zu Demos, in Schulen, Veranstaltungen, Gruppen usw.

Entwurf für einen Leserbrief vom 21. Jänner 2015.
Dass Politiker froh seien, wenn Bürger_innen mit ihren Forderungen auf sie zukämen, sagte Annette Widmann-Mauz wohl bei einer Veranstaltung in der Werkrealschule Ergenzingen. Entweder habe ich die Aufrufe dazu bisher übersehen – gut möglich -, oder der Tübinger SPD-Bundestagsabgeordnete Rosemann (der aus vielerlei Gründen hart kritisiert werden muss, sicherlich für folgenden Punkt aber auch gelobt werden kann) ist tatsächlich der Einzige der vier (!) Tübinger Bundestagsmitglieder, die ab und an in die Region kommen für Bürgersprechstunden. Herr Kühn macht viele Veranstaltungen, Frau Hänsel sieht oft bei Demos und Frau Widmann-Mauz macht eben Besuche. Aber regelmäßige Sprechstunden in der Region sind mir nur von Herrn Rosemann bekannt.

Besonders irritiert hat mich auch die Forderung Widmann-Mauz’, man solle sich “zusammen tun” und auf Demos gehen. Ganz so, als hätten ihre Parteikollegen im Ländle keine Wasserwerfer gekauft. Aber die sind wohl nur zur Straßenreinigung gedacht…

Hab ich dann aber nicht abgeschickt.

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Über den gleichen Bericht vom 21. Januar 2015 (“Tut euch zusammen” von Ulrich E.), schrieb ich noch einen dritten (und zweiten) Leserbrief.

Entwurf für einen Leserbrief vom 23. Jänner 2015.
Es gibt viele gute Gründe, zwecks Reichweite und Mobilisierung auf Facebook und das Internet zu vertrauen, wie es laut Tagblatt-Bericht auch Schüler_innen einer neunten Klasse der Werkrealschule Ergenzingen tun. Es gibt aber auch gute Gründe, wie ich es gerade tue, einen Lesendenbrief zu schreiben und Zeitung zu lesen.
Ich kenne viele Leute, die Leserbriefe lesen (und einige davon sprachen mich schon auf die eine oder andere geäußerte Meinung an). Und es gibt auch viele, die welche schreiben. Nur: Warum? Das würde mich wirklich interessieren.

Für mich ist der Grund schnell erklärt: Leserbriefe sind außerhalb meiner Filterbubble. Im Internet erfahre ich nur, was mich interessiert und leider oft auch nur, was meine Ansichten bestätigt. Und Facebook zeigt Postings nach dem Motto “Wenn dir das gefiel, dann gefällt dir auch das” an. Das ist toll fürs Ego und den Blutdruck, aber: Man predigt da zu den bereits Bekehrten. Und das ist oft sinnvoll, aber eben auch eine verzerrte Realität.
Wenn ich nachlässige Berichterstattung, ungenaue Angaben oder Einseitigkeit hinnehmen muss, damit fremde Meinungen auf meinem Frühstückstisch landen können – und meine Meinungen auf den der anderen Leute -, dann ist das so.

Dafür lese – und schreibe – ich Leserbriefe und abonniere das Tagblatt. Damit ich nicht in meiner winzigen Bubble festsitzen muss. Und was, der Du das gerade liest, ist deine Motivation?

Diesen schickte ich vorläufig nicht ab.

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Abgeschickt habe ich diesen hier. Er behandelt wie die beiden anderen den Artikel von Ulrich E.

Entwurf für einen Leserbrief vom 21. Jänner 2015, eingereicht am 23. Jänner, veröffentlicht am …
“Wir lernen hier nichts fürs Leben. Wir wissen nicht, wie man eine Überweisung ausfüllt oder Verträge abschließt.” kritisiert eine Schülerin das Schulwesen.
Es geht mich ja nichts an, aber: Liebe_r Schulgänger_in, der_die du das liest, erstens: Ein Leben, welches sich auf Verträge und Überweisungen beschränkt, und keine Literatur, keine Mathematik, keinen Sport, keine Kunst, keine Geografie, keine Fremdsprachen beinhaltet, ja davon kocht in deiner Brust, wöllte ich nicht leben und ich rate dir dringend, das auch nicht zu wollen. Es ist am Anfang schwer, ja ich weiß, aber unsere Welt ist so viel schöner und voller und wunderbarer, wenn wir Dinge lernen. Zweitens könntest du es auch so zu betrachten: Die Wissenschaften, wie du sie in der Schule lernst, bieten dir die Möglichkeit in ein anderes Leben einzutauchen, die Welt völlig anders zu sehen. Du kannst – mit Literatur, Mathematik, Geschichte usw. – tausend Leben leben und nicht nur ein ödes aus Verträgen und Überweisungen. Auch wenn das, jaja, auch manchmal hilfreich wäre.
Drittens und am wichtigsten: Es wird besser. Vieles, was einem völlig sinnlos erscheint, erweist sich später im Leben als sehr sehr sinnvoll – oft in völlig unvorhersehbaren Bereichen. Du weißt einfach nicht, was die Zukunft bringt. Und das ist großartig, aufregend und famos. Du darfst deine Welt mitgestalten, mitdenken, erneuern und verbessern, und nicht nur irgendwo deine Unterschrift druntersetzen.

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Ein Kommentar, ein Bericht, ein Interview und vor ein paar Tagen eine Straßenumfrage behandelten die Diskussion um eine Cannabis-Legalisierung. Ich äußerte mich dazu schon vor ein paar Jahren mal – finde das aber aktuell nicht -, fand es aber – da wirklich nur Meinungen für eine Legalisierung abgedruckt wurden – ganz lustig, einmal die völlig entgegengesetzte Ansicht zu vertreten.

Entwurf für einen Leserbrief vom 23. Jänner 2015.
Mit großer Bestürzung nahm ich die Stimmungsmache des Tagblatts für gefährliche Rauschmittel wie Cannabis in den letzten Tagen war. Nicht nur, dass bei ihrer Straßenumfrage die überwältigende Mehrheit der Cannabis-Gegner zensiert wurde – anders ist diese Pro-Kiffer-Koalition im Umfrageteil nicht zu erklären -, nein, nun werden auch Ärzte, Straftrechtsprofessoren und andere Leute, die offensichtlichst keine Experten sind, dazu befragt. Und die sagen natürlich, dass die Argumente der Pro-Kiffer-Koalition durchaus Sinn machen würden. Lügenexperten! Auch, wie die realen Zahlen der Cannabis-Toten in ihrer Zeitung (Lügenpresse!) durch die Vermischung mit anderen Drogentoten verschleiert wird halte ich für unverantwortlichst. Die Wahrheit ist: Wer Cannabis konsumiert, stirbt! (Also, nicht sofort, aber… ja.) Und: Wer kifft ist Super-Duper-Schwerst-Verbrecher-Strafttätiger und sollte mindestens ins Gefängnis. Das hat nichts mit Suchtkrank oder Schmerzpatienten zu tun. Alles Schwerst-Verbrecher-Dings. Denkt denn niemand an die Kinder?

Obwohl… eine Legalisierung schadet jenem Teil der Bevölkerung, die nicht im legalen Arbeitsmarkt Beschäftigung finden und sich daher der illegalen Selbstständigkeit zuwenden. Doch… Machen wir. Legalisierung ist ne richtig gute Idee.

Da aber wohl nicht ausreichend rüber kommt, das ich das nicht so denke, sondern mich versuche darüber lustig zu machen, und eine völlig andere, zunehmend differenzierte Meinung habe, wurde dieser Leserbriefentwurf nicht abgeschickt.

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Schreiben schreiben

Raufaserdeckentapete, 2m, hellweiß

Langeweile saß in einem der kartoffelgrünen, unbequemen Uni-Stühle, futterte Mensa-“Essen” in sich hinein und plauderte, laut schmatzend – denn das war ihr Stil – mit einem Kommilitonen. “Die Leute wollen nicht alleine sein”, sagte sie – schmatz-schmatz – “dabei ist man nie allein.” Ihr Gegenüber, ein dürrer doch hochgewachsener junger Mann, vielleicht Erstsemester, vielleicht schon seit Jahren hier, jedenfalls konnten seine Augenringe entweder von zu-ernst-nehmen oder endlich-ernst-genug-nehmen des Studiums stammen, nickte. “Bakterien, WhatsApp und so” sagte er gebeugt über einen beinahe leeren Teller Spülwasser, der eigentlich “Suppe” sein sollte. “Du verstehst nicht.” Langeweile blickte ihm direkt in die Augen. Nun flüsterte sie. “Wir. Sind. Nie. Allein.” Sie blickte sich – verschwörerisch, wie als wöllte sie, da die dortigen Speisen ja nicht zum Essen geeignet waren, eine Bombe daraus bauen – um. “Wir sind ni-?” “Schhhht!” unterbrach sie ihn. “Du musst mir jetzt sehr genau zuhören.” flüsterte sie weiter. Ihr schlaksiger Kommilitone beugte sich vor um besser zu hören. Langeweile näherte sich seinem Ohr mit ihren Lippen, als wöllte sie ihm die Weltformel erklären, ganz ihm Geheimen des großen Speisesaals. Ihre Lippen ruhten nun kurz vor seiner Ohrmuschel, und sie setzte an etwas zu sagen – und küsste seinen Tragus. Ohne ein Wort des Abschieds verschwand sie.
Ihr Kommilitone saß da und war irritiert. Niemand hatte es gesehen, und doch war es passiert. Langeweile war kein Mädchen, dem man betrunken Kurznachrichten schicken konnte. Sie war ein Mädchen, die man nicht so einfach erreichte.

Beliebtsein hatte das gewusst. Sie redete immer Unsinn, wenn sie verknallt war – und Langeweile war stets verliebt -, und er spürte, tief drin, dass es dieses mal klappen könnte. Dass dieser junge Mensch, von dem sie ihm mit keinem Wort erzählte und doch alles sagte, vielleicht passen könnte. Mitten in einem Satz – sie erzählte gerade, wie sie plane mit Lebensmittelfarbe und einer grünen Laterne die Salatbar des Nachbarortes unsicher zu machen – legte er einfach auf. Es war alles gesagt. Sie war glücklich, und wenn sie es war, so war er es auch.

Vermutlich hatte sie vor lauter Freude gar nicht mitbekommen, dass er aufgelegt hatte. Und wenn doch, so redete sie einfach trotzdem weiter. Das war halt ihr Stil.

Der Kommilitone, noch im ersten Semester seiner Bekanntschaft mit Langeweile, lag in seinem Zimmer und betrachtete die Decke.

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Publikumsbeschimpfung

Wir können so viel.

Generation ‘Kein Bock’ auf Politik
Das Internet war für euch Neuland
Doch für uns gilt das nicht
Wir können recherchieren, aufklären und bewegen
Also gleich, erst schauen wir Epic-Fail-Compilations

[Edgar Wasser in: Juse Ju (u.A.): Übertreib nicht deine Rolle.]

In meiner Heimatstadt wurden zwei Frauen aus Gambia, die in einer Flüchtlingsunterkunft leben, angegriffen. Am Tag vor dem Heiligen Abend solidarisierten sich deshalb jede Menge Bürgerinnen und Bürger gegen diese Gewalt. “Rottenburg gegen Rechts” lautete der Titel der Kundgebung, zu der angeblich 2000 Leute kamen. Der Bürgermeister und die Kirchen und Parteien hatten dazu aufgerufen. [Ich schrieb darüber bereits.]

Irgendwie hatte ich ein komisches Gefühl. Zum einen dabei, wie ich im Nachhinein Facebook-Kommentare las, die sich über die Anwesenheit der Antifa Tübingen-Reutlingen beschwerten. Extremisten würden hier gegen Extremisten demonstrieren. Dabei hatten sie nur ein Banner dabei, das daran erinnerte, dass der Rassismus nicht im Kopf eines irren Einzeltäters steckt, sondern in vielen Köpfen, vielleicht auch in meinem und deinem, und dass auch der Staat und die Stadt rassistische Tendenzen aufweisen können. Das wöllten sie bekämpfen, stand da, sinngemäß, und jene, die an einem Tag im Jahr auf einem Marktplatz ganz ohne Gefahr sich ein bisschen anhörten, was so gesagt wurde, die störten sich an jenen, die jeden Monat, jede Woche, vielleicht sogar jeden Tag ohne Bezahlung aktiv werden gegen die Rechten und Rechtsradikalen. Die Demos blockieren, die nicht in der warmen Jacke sich das Friedenslicht aus Bethlehem weitergeben lassen, sondern teilweise unter Lebensgefahr sich für etwas einsetzen. Natürlich sollte man vieles davon völlig zurecht kritisieren, aber wenn friedlich Antifa-Anhänger_innen dort dabei sein wollen, dann kann ich daran nichts falsches finden.

Oberbürgermeister Neher erzählte eine Geschichte davon, wie an einem Adventskranz eine Kerze nach der anderen erlischt. Jede Kerze steht für etwas anderes. Und als dann nur noch die letzte brennt, kommt ein Kind, und entzündet mit der letzten Kerze wieder die anderen. Vielleicht gab sie anderen Leuten Mut, dass es nicht vorbei ist, dass man auch im scheinbar verlorenen Posten immer noch was reissen kann. Mir persönlich stieß die Geschichte übel auf.

Zum einen hasse ich die Vorstellung, auf eine höhere Macht warten zu sollen. Es ist gut, Vertrauen haben zu können, zu wissen, dass da jemand ist. Aber es kann nicht im Sinne einer Mutter oder eines Vaters – und das ist ja das Bild von der Beziehung, die wir zu Gott haben -, dass das Kind ewig abhängig bleibt. Ja, die Beziehung bleibt, Gott mag da sein, aber ich glaube fest, dass er_sie nicht will, dass wir blind ihm_ihr folgen. Ich bin fest überzeugt, dass er_sie auch jene liebt, die nicht an ihn_sie glauben, die Atheisten und Agnostiker sind. Wenn das Kind alleine klar kommt, dann hat man alles richtig gemacht.

Zum anderen mag ich nicht das Implizierte dieser Geschichte. Dass der letzte Moment reicht. Dass wir die Welt noch retten können, wenn es schon kurz vor dem Schluss ist.

Wir sollten nicht ein Lichtchen anzünden und damit zufrieden sein, wir sollten brennen für eine gute Idee. Wir sollten gemeinsam stehen, das Feuer in uns selbst sollte uns und andere Wärmen. Wir brauchen kein Licht im Dunkeln, das uns den Weg leuchtet, wenn wir nicht alleine sind. Wenn wir gemeinsam den Weg gehen können.

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Schreiben schreiben

Kein Augenblick mehr ohne das Gefühl von heute Morgen

Wann hattest du das letzte mal ein Gefühl, das du festhalten, tief in dir drin haben wolltest, von dem du dachtest: Das will ich jetzt immer spüren?

Ich will hier gar nicht von “Schmetterlingen im Bauch” erzählen – ob ich dazu überhaupt fähig wäre werden ehemalige Partner_innen sicherlich verneinen -, sondern von kleineren, nicht jedoch unwichtigeren, Dingen.

Wann z.B. wolltest du eine Serie, ein Buch, einen Text in einem Zug lesen? Konntest nicht erwarten, weiter zuschauen, weiter mitzuleben? Vieles, was ich heute sehe oder lese, ist nicht dafür optimiert, geliebt zu werden, sondern für andere Dinge. Dafür, dass sich daraus weiteres Kapital schlagen lässt – Actionfiguren, T-Shirts, Teetassenbriefbeschwerer, Laserkanonen -, oder fürs Reden darüber oder Twittern dabei. Popkultur knuddelt dich nicht mehr, reicht dir keine Hand mehr. Sie ist statt dessen jetzt “social”.

Vielleicht verbittere ich gerade etwas. Ich lese immer noch gerne, aber es gibt nur noch wenig von dem ich mich gerade begeistern lasse. Gerade auch nicht von Uniangelegenheiten. Aus Gründen begeistert mich auch kein Diskurs mehr, keine Lesendenbriefe, kein guter Tweet – und wenn doch wäre er doch eh viel zu schnell vorbei.

Nichts konnte mich abseits der Realität wirklich zum Denken bringen. Das Fiktionale enttäuscht mich. Jetzt gerade. Auch das, was ich selbst schreibe. Auch das, was ich rein aus Freude lese. Meine Ansprüche sind zu hoch? Vielleicht. Ja, es kann sein, dass ich etwas zu vermissen glaube, was nie war. Dass ich Sehnsucht habe nach einem nicht existierenden Ort oder einer nicht existierenden Zeit.

Vielleicht ist es aber auch genau das, was ich misse aber ohne das ich keinen Augenblick mehr will. So eine Art Begeisterung… eine .. Liebe?

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Nietscheentchen komm!

Was noch kommen mag. (3)

57 Eintragsentwürfe. Du kennst das ja entzwischen. Diesmal habe ich es dummerweise – kranksheits- und unibedingt – nicht geschafft, alle Entwürfe rechtzeitig zu veröffentlichen, weshalb nun viel Nachdatiert wurde. Dabei ist vieles, was ich eher so meh finde, aber auch ein paar Einträge, auf die ich hier kurz hinweisen möchte.

Weit zurückdatiert ist der zweite Teil einer Eintragsreihe über Selbstzensur: Wenn ich sag was ich denk’ bekomm ich Post von den Bull’n. (2) (Hier Teil 3.)

Der Eintrag mit dem Titel Schrieb mir wirklich der Chefredakteur der Katzenfachzeitschrift? ist eine abgetippte Notiz aus meinem Block und behandelt die Frage, wie weit ich meinen eigenen Erinnerungen trauen darf.

Paint it black. ist ein klischeebeladener Text über das Nichts.

Mehr habe ich hier eigentlich nicht zu sagen.

(Oh, doch, mit den Tasten j und k kannst du auf allen Seiten mit mehreren Beiträgen zwischen denen springen. Erleichtert das ganze ungemein.)

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