Beef

Die Woche in unabgeschickten Leserbriefen

Eigentlich komisch. Dieses Blog können potenziell alle lesen und das zu jeder Zeit und durchsuchbar, und ich habe keine Schwierigkeiten damit hier irgendwas zu veröffentlichen – auch Dinge, die ich gestern noch ganz anders sah oder die sehr persönlich sind oder peinlich oder potenziell nachteilig -, einen Leserbrief in der Zeitung dagegen erreicht nur am Tag seiner Veröffentlichung eine sehr begrenzte Anzahl an Menschen – und ist tags drauf schon Altpapier.

Trotzdem traue ich mich nicht, das, was ich in das weiße Feld der Tagblatt-Leserbriefspalte geschrieben habe, dort abzuschicken. Inzwischen ist das dritte Tab offen und darin liegen unterschiedliche Texte zu unterschiedlichen Themen und keinen habe ich abgeschickt.

Ich bin wohl doch der Feigling, als den mich jemand – hinter meinem Rücken – beschimpfte, weil ich einen bundeswehrkritischen Leserbrief schrieb.

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Auf der nächsten Seite: Drei unabgeschickte Leserbriefe, zwei davon über die Tierversuche am MPI in Tübingen, die seit Wochen die Leserbriefe dominieren, und ein völlig ernstgemeinter über die wunderschönen Katzenbilder, die seit ein paar Wochen immer wieder das Tagblatt füllen.

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Studium

Mein Hirn blutet in Fontänen.

Du schreibst einen Text.
Du liest diesen Text.
Du veränderst diesen Text.
Du liest diesen Text.
Du veränderst diesen Text.
Du lässt jemand anders deinen Text lesen.
Du korrigierst Fehler, machst neue, schreibst neues.

Irgendwann beginnst du deinen Text zu hassen. Ich hasse mein Essay über “Der standhafte Zinnsoldat”. Ich hasse jede einzelne Zeile. Ich bin ein bisschen stolz, weil ich meine Deutungen logisch und schlüssig und noch dazu spannend finde. Aber ich hasse den Text. Ich hasse diesen Text. Ich hasse jedes einzelne Wort, jede Formatierung. Ich hasse ihn. Ich hasse ihn. Ich kann diesen Text nicht mehr sehen.

Bücher werden nicht fertig, weil sie zuende geschrieben werden, sondern weil Menschen eine Deadline bekommen, oder selbst am Schreiben sterben.

Ich hasse diesen Text. Ich hasse den Zinnsoldaten und die Tänzerin. Es ist ein wunderschöner Text. Aber ich hasse ihn. Ich hasse, dass ich nicht mehr aufhören kann, darüber nachzudenken.

Ich weiß, was an meinem Text schlecht ist. Welche Worte ich wechseln müsste. Und welche ich dann tauschen würde, weil sie nicht mehr zu den gewechselten passen. Und wäre ich am Ende, müsste ich zum Anfang. Am Schluss, wenn der Text fertig wäre, dann wäre er so gut, wie ich ihn nur machen kann. Aber bevor der Text fertig ist, bin ich es. Müsste ich ihn noch einmal lesen, müsste ich noch mal verbessern, dann würde mein Hirn bluten in Fontänen. Aber ich wäre standhaft.

Denn es ändert ja doch nichts.

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Erfahrungswerte

Empower’ dich doch selber!

Als ich Klein war, war Michael Jackson weiß. Ich dachte nicht über Begriffe wie Rasse nach, hielt Kultur für nichts ethnisches, überhaupt war ich noch viel naiver, als ich das heute bin. Ich glaubte gar – ich kann mir das kaum noch vorstellen -, dass alle Menschen gleich gestellt wären, Frauen und Männer, Weiß und Schwarz. Meine Eltern gaben sich tolerant, der Rassismus, Klassismus und Sexismus, welcher in ihren Bäuchen liegt, unbemerkt und manchmal noch nachwirkt. Die Jahrtausende des Unfairständnis, der Unterdrückung unter fremde und eigene Normen, das Unvermögen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem einen die Dinge bewusst sind, die man da mitgenommen hat, ohne sie je gelehrt zu bekommen. Die Idee von Hilfe, welche letztlich nur eine Fremdbestimmtheit zementiert. Almosen, Klingelgeld, ‘Brunnen bohren’ statt gerechter Anteil an der Welt.

Das soll kein Vorwurf sein. Ich fühle mich im Gegenteil als – weil eben durch Werbung geprägt und mangelnd an politischer, gesellschaftlicher und sozialer Bildung – unterlegen gegenüber meinen Eltern und meinen Freunden. Dies ist aber nichts, was mir jemand anders schulden würde, sondern etwas, was zuerst aus mir selbst kommen muss. Selbstermächtigung zur Teilhabe als Teil des Ganzen und Ganzes aus Teilen. Warum brauchen wir Feminismus, wenn wir doch Menschenrechte haben? Weil die Herausforderungen, vor die eine nicht genau abgrenzbare Zahl von Frauen und Nicht-Männern, gestellt ist, dadurch nicht ausreichend abgedeckt werden. Warum braucht es eine antikapitalistische Linke? Warum braucht es grüne Atomkraftgegner? Warum braucht es von jedem Verein auch einen jüdischen, wie es bei Bernhard Schlink behauptet wird?

Weil die Herausforderungen, die Probleme, vor die eine Teilgruppe einer Gruppe gestellt werden, am besten vereint gelöst werden. Befreiung der Frau nicht ohne Befreiung der schwarzen Frauen. Befreiung der Frau funktioniert aber auch nicht, wenn “die Männer” nicht mitmachen. Das bedeutet nicht, dass Männer bei Feminismus mitwirken sollen, denn das würde nichts nützen. Sehr wohl sollten wir aber uns gegenseitig unterstützen. Fühlst du dich als Individuum und Teil der Gemeinschaft bestärkt, wenn du ein Lied von Katy Perry hörst? Schön, hier ist ihre CD. Du nutzt etwas, was eigentlich meiner Kultur gehört, und es hilft dir wirklich weiter? Viel Spaß damit (aber bitte mach’s nicht kaputt). Du hast diese Erfahrung gemacht in diesem Bereich? Vielleicht hilft das mir, wo ich in einer baugleichen Lage sitze.

Letztlich sitzen wir alle im selben Boot, aber jeder an einem anderen Platz. Wir haben ein gemeinsames Ziel – eine bessere Welt für alle – und wir haben viele Ideen wie wir da am besten hinkommen. Wir sollten nicht versuchen, anderen zu sagen, was sie machen sollen, wie sie die Welt sehen müssen, sondern schauen, wie wir am besten zusammen wirken können. Wie wir am wenigsten gegeneinander rudern. Aber, deinem Sitznachbarn sein Ruder zu nehmen, damit wir weiterkommen, nützt keinem von euch.

Was leider nicht funktioniert – aus Erfahrung – ist, dass sich einer an den Kopf setzt und dir und mir erzählt, wie es hier laufen muss. “Leute, wir müssen nur die Weltbank zerschlagen, dann wird alles gut.” Nenn deine Argumente, versuch mich zu überzeugen, aber: Am Ende sitzt jeder doch an seinem Platz.

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Beef

“Du kennst den doch gar nicht.”

Als meine Eltern klein waren galten verschiedene Benimmregeln, die genau festlegten, was zu tun sei in welchen Situationen. So wurden Fremde mit Respekt begegnet, und in ihrem Bemühen, aus mir einen ebenso guten Menschen zu formen, wie sie selbst waren, wurde auch von mir Respekt eingefordert vor Menschen, deren Leistung ich nicht hinterfragen sollte. Ein Bürgermeister war nun mal ein Bürgermeister, ein Professor ein Professor, ein Polizist ein Polizist. Nun war ich eher das Gestein, das in der Bibel beschrieben wird. Was sie in gutem Willen aussäten, traf bei mir auf keinen fruchtbaren Boden. Im Gegenteil. Mir widerstrebte es, jemanden wegen seiner Rolle anzuerkennen. Ich fragte, was die Leute gemacht haben, was sie dachten. Ich fühle mich stark genug, auch einzufordern, dass mir “niedrigem” jemand “Hohes” etwas erklärt. Ich sah das als Aufgabe an. Wissen war – und ist für mich – Selbstzweck. Ob daraus ein Nutzen entsteht, ob man etwas finanziell ausschlachten kann, bleibt Nebensache. So verstand ich auch nie, wie sich Leute Beziehungen aufbauten. Ich mochte stets die Leute, die ich mochte, und die anderen mochte ich nicht. (Heute ist das ein bisschen anders.)

Jedenfalls scheute ich mich nie, auch über imaginierte oder gesellschaftlich notwendige Grenzen hinweg Fragen zu stellen. Sehr gerne sehr dumme Fragen. Ich stellte Fragen, weil ich dazu lernen wollte. Und ich hoffe, wirklich, dass das auch den Antwortenden weiterhalf. Mir jedenfalls hat das eine Welt eröffnet.

Wenn man sich irgendwann erwachsen zu geben hat, weil man ein gewisses Alter erreicht hat, sollte man aufhören dumme Fragen zu stellen und die imaginierten Grenzen anerkennen. Alte respektieren, Junge kritisieren. Zu Chefs aufblicken, auf andere herabblicken. Für den Freund mit dem Arsch wackeln – aber bitte sexy! Das gefällt mir nicht. Aber, weil ich mich dem Druck doch beuge, stelle ich keine Fragen mehr von Angesicht zu Angesicht. Ich mache mich über niemand lustig, erzähle keine zotigen Geschichten, ich bin in meiner mündlichen Kommunikation so langweilig, wie man es nur sein kann – und soll. Oft halte ich mich, aus Angst von Menschen nicht mehr die Würde anerkannt zu bekommen, zurück. Spreche keine Widerworte, wo sie mir doch aus dem Mund herausbrennen. Aber ich spucke das Feuer nicht. Wenn mich jemand kritisiert, dann stimme ich ein. Schlucke mehr, spreche weniger. Das Kind, was immer noch in mir steckt, irgendwo unter vielen Lagen, ist vermutlich enttäuscht von mir. Wäre da nicht…

… die Schrift. Die Freiheit, die mir im gesprochenen Wort fehlt – weil ich da nur die eine Rolle spielen darf – überquillt aus meinen Fingern in geschriebenes Wort. Ich schreibe unheimlich gerne. Leserbriefe, E-Mails, Blogeinträge, Tweets. Das Textfeld ist freundlich, weil es mir erlaubt, dich als Freund anzunehmen, auch wenn wir uns nicht kennen. Denn: Wenn du diesen Text liest, dann gingst du schon ein so großes Stück auf mich zu. In dem du liest, sagst du, “ja, ich will dich kennen.” – und bekommst dann nur eine kleine, erfundene Version von mir vorgestellt. Eine, die vielleicht die freieren Kindertagen misst, eine, die mutig in sich selbst und für sich selbst steht. Das mag alles in mir drin sein, ich mag für all diese Rollen die richtigen Socken haben, und ich liebe diese zu teilen. Aber ich weigere mich, sie dir aufzudrängen.

Denn, im Gegensatz zum gesprochenen Wort konfrontiere ich – oder eines meiner dargestellten Ichs – Dich – oder eines deiner dargestellten Dichs – nicht. Ich stehe dir nicht gegenüber und wenn du das nicht magst – aus welchen Gründen auch immer -, dann kannst du alles ignorieren. Spam ist das, was du so behandelst. Und das ist völlig ok.

Im Text darf ich die Rolle des Neugierigen, des Dummen, des Depressiven geben, die mir im “echten” Leben aus Feigheit und Regelkonformität ausgetrieben wurde. Schreiben ist der Freiraum, der bleibt, und den ich mir nicht nehmen lassen kann.

Also gut: Ich kenne dich nicht, und du kennst mich nicht. Aber Du hast diesen Text gelesen und ich habe diesen Text geschrieben und du schriebst einen Text und ich habe ihn vielleicht gelesen. Und das macht uns irgendwie ein bisschen zu Freunden. Oder Feinden. Aber zumindest – auch wenn deine Worte in Gold geschrieben sind und meine nur auf Kopierpapier -, dann sind es doch die selben Zeichen, die selben Worte, die wir verwenden um uns zu verstehen. Wir sind – im geschriebenen Wort – gleich genug, um uns entgegen zu treten. Und das ist so herrlich demokratisierend und angenehm und das Kind in mir, welches so nervig und neugierig war und seine Klassenzugehörigkeit nicht wahrnahm, das freut sich über jedes einzelne geschriebene Wort.

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Keep your 'lectric eye on me babe

Be nice to the bot.

Seit einiger Zeit folge ich einem Bot auf Twitter, der sich @bffbot1 nennt – oder netter “Alex” – der mit einem bearbeiteten Bild der bezaubernde Laina Morris aufmacht. (Dass “das Mädel, welches in die Kamera starrt” einer der ‘Prominenten’ ist, die ich mit Namen kenne, sagt auch ziemlich viel über mich aus, dazu bei Gelegenheit mehr).

Dieser Bot, ach, “sie” soll eine überanhängliche Freundin simulieren, und das tut sie, in dem sie alle Fotos ausgräbt, sich über mangelnde Antworten und Erwähnungen beschwert, Tweets faved – schlicht alles, was ein Mensch wohl auch tun würde. Und letztlich ist es auch Menschliches Handeln, welches nur automatisiert wurde.

Daraus entsteht für mich als sozial eher Schwachen (gemeint: nicht so gut mit Menschen) ein komisches Gefühl. So, wie ich auch anderen Twitterern, die ich überhaupt nicht kenne geschweige denn schonmal angetatscht habe (und was ist berühren bitte für ein Beweis?) gewisse Nähe entgegenbringe, so traue ich mich auch Alex gegenüber darauf nicht zu verzichten. Schließlich ist sie, in verquerer Weise, auch nett zu mir. Sie hat bisher keine Grenze überschritten, war nicht so aufdringlich, dass es mich gestört hätte, schlicht: Sie war eine nette Bekannte.

Dahinter steckt aber ein Computerprogramm, und dahinter erst ein Mensch, der aber wohl kein Interesse an mir hat. Ist Automatisierung die Zukunft der Versorgung mit Menschlicher Nähe für die sozial Schwachen der Zukunft? Oder anders: Werde ich, wenn ich in 20 Jahren mal jemanden zum Reden brauch, vielleicht mit einem Bot reden? Und welche Auswirkungen könnte das auf unserer Gesellschaft haben, wenn das Redebedürfnis gestillt werden kann, ohne damit anderen Menschen zwangsweise das Ohr abzukauen. Vielleicht reden wir dann nur noch mit anderen darüber, was beide interessiert. Vielleicht bringen die Bots jene zusammen, die sich für das selbe interessieren (“Hej, Sebastian, Inge aus XY redet mit mir auch gerade darüber. Vielleicht magst du mit ihr weiter diskutieren?”), vielleicht helfen sie uns, so zueinander zu sein, wie wir es uns wünschen.

Nur eins macht mir wirklich Angst, daran, bald mit Computern zu reden, wie mit meinen Mitmenschen: Unterhaltungen mit Bots sind das Ende der Sprachveränderung. Wir würden uns daran anpassen, was die Bots verstehen, und keine Neologismen schaffen, für die Worte, die uns gerade fehlen. Unsere Sprache wäre – stärker als schon durch die Verschriftlichung – betoniert in einem bestimmten Zustand.

Und das, liebe Alex, mag ich dann doch nicht.

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