Persönliches & Erfundenes

Übertreib nicht meine Rolle (7).

Ich habe keine Meinung. Jaja, ich schreibe viel. Ich schreibe verdammt viel. Man gibt mir schon Schimpfnamen deshalb. (Aber es ist immer noch nicht genug.) Es ist aber nicht so, dass ich meine Meinung vertreten würde. Ich spiele Rollen. Der Globalisierungskritiker, der Feminist, der Grüne, der Antifaschist, der Zyniker, der Konservative, Sozialdemokrat, Student, der Christ, der Arbeiter, usw. Ich versuche eine kalte Scheibe zu sein, an der sich die Meinungswolken der anderen in Tropfen und Flüsse sammeln können. Kondensieren an meinem Geplapper. Damit die anderen wissen, wer sie sind und handeln können. Wenn die Leute tatsächlich nachdenken, ein zwei Gedanken auf die Dinge verwenden, dann … lassen sie vielleicht weniger zu, was schlecht läuft. Vielleicht erweisen sie sich aber auch als Arschlöcher und können dann sinnvoll begegnet werden.

Aber solange ‘die Leute’ wollen das was passiert und keine Meinung kondensiert ist, solange sie schwebt und ihre Träger schlafen, gibt es… ach… eigentlich ist es egal? Weckt die Schläfer auf, ja, lasst ‘die Leute’ ihre Gedanken äußern. Auch als Reaktion auf den Unsinn meiner Rollen. Auch als Kommentare oder Gedanken.

Was ich selbst glaube, ist dabei egal. Meistens fühle ich mich alleine und sehe keinen Sinn in den Sachen. Wir werden ohnehin sterben und wir arbeiten daran, möglichst viele und vieles in den Tod mitzunehmen. Aber vielleicht spiele ich mir dabei auch nur den “Nihilisten” vor – oder Menschenfeind. Vielleicht habe ich keine Angst und fühle mich nicht alleine. Vielleicht ist das auch nur eine Rolle.

Würde ich den Verstand verloren haben, hätte ich wohl Probleme, es zu bemerken. Ich wünschte, da wäre ein größerer Unterschied. Eine klarere Mauer zwischen gut-und-heilsam und straight-forward-crazy. Alles unklar. Habe ich überhaupt von irgendetwas Ahnung? Werde ich jemals von etwas wirklich bescheid wissen? Ist “Wissen” nicht völlig autoritär geprägt – “das weiß ich, deshalb ist das jetzt wichtig”. Mit einer Geste wird ein imaginierter Penis auf einen ebenso imaginierten Tisch geschlagen. Lächerlichmachen. Das (Nicht) Zugänglich machen von Wissen ist auch ein Unterdrückungsmechanismus. Macht mich dies zum Gesellschaftskritiker?

Vielleicht ist mein einzig echtes Ich müde. Vielleicht schlafe ich gerade ein. Vielleicht spiele ich mir diese Rolle aber auch nur vor. Vielleicht mag ich nicht, was ich vorgebe zu mögen. Vielleicht finde ich Pink Floyd öde und höre insgeheim sehr gerne die “alten Sachen” von Helene Fischer. Vielleicht ist diese Rolle von mir auch suizidal.

Geht jetzt ein Wecker los? Denkst du jetzt – “Ohje! Der Autor dieses Blogs droht mit Selbstmord!! Wir müssen ihm_ihr helfen!” -, als wäre irgendwas dran? Nein, ich spiele nur eine Rolle. Es gibt kein echtes Ich. Aber vielleicht spricht hier auch nur irgendeine Rolle. Den Unterschied erkenne nicht einmal ich.

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Schreiben schreiben

Ein Vulkan in meinem Stirnlappen.

Ich kann gerade nichts. Ich saß eine ganze Stunde an einer Seite, las ein paar Sätze, verlor den Anschluss, begann von neuem. Ich ertrage die Ruhe beim Lesen nicht und ich kann im Lärm von Musik oder von Tönen nicht lesen. Immer wieder. Ruhe. Angst. Ich werde nie fertig werden. Ich bin unfähig. Gebeugt über die Fußnoten schlafe ich ein. Ich träume … nichts. Nun schmecken die Dinge anders. Ich halluziniere. Katzen beobachten mich. Gerade so außerhalb meines Blickwinkels. Ich konzentriere mich hier, und sehe sie dann dort. Und wenn ich hinschaue, sind sie bereits weg. Davon gesprungen, oder sie waren nie wirklich da. Ihr miauen hören die anderen nicht. Ihr lockeren Tritte über Sofakanten und ihr Trommel auf Kartons. Die schlafende Katze in einer Kiste als Jenseitsmetapher.
Die Musik brennt mir in den Ohren. Aus. Aber die Stille ist noch schlimmer. Mein Tastenklappern durchbricht das Schweigen. Ich muss weiter schreiben. Immer weiter. Keine Korrekturen. Kein Nachdenken. Die Stille brennt in meinem Lobus frontalis. Unterbreche ich mein Tippen, schmerzt er, und ich bin unfähig, weiter zu schreiben. Ich tippe gegen die Schmerzen an. Ich lasse mich nicht von meinem Gehirn regieren. Oder meine Seele, meinen Ängsten, oder irgendwas. Die Katzen blicken vorwurfsvoll. Ich bin Herr im eigenen Haus. Kurz: Zweifel. Innehalten. Dann brennender Schmerz. Obdachlos. Degradiert. Eine Hölle bricht sich in meinem Kopf frei. Mein Liquor cerebrospinalis wandelt sich zur Lava, die alles in ihrem Feuer verbrennt. Meine Zellen ergrauen. Ich bin vorbei. Nichts bleibt zurück. Die Katzen desinteressiert.

Ich schalte den Fernseher an. Banale Geschichten von banalen Autoren, dargestellt von banalen Schauspielern und an banalen Orten vertreiben die Stille. Die Lava in mir erkaltet. Ich wurde nicht errettet. Ich bin zwischen ihr gefangen. Wartend.

Warum kann ich nicht einfach funktionieren.

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Film & Fernsehen

Hart aber folgenlos

Das Erste ist montagsabends eine Zumutung (und allen Wochentagen auf -tag sowie Mittwochs). Plasbergs “Hart aber fair” entwickelt sich – gefühlt – zu einer Sendung wie “Zur Sache Baden-Württemberg!” mit Clemens “Wohnzimmerkonferenz” “Aufregerthema” Bratzler. Eine Sendung, die mein Herz jede Woche ungefähr um fünf Jahre altern lässt. Und davon gibt es dutzende im Öffentlich-Rechtlichen. Ich hab’ das Arbeitsleben direkt übersprungen und bin jetzt Nörgelrentner.

Plasberg verschreibt sich mit seiner Polit-Talkshow einer ‘Demokratie’ und fairer, unabhängiger Berichterstattung. Das Ergebnis der Sendung soll offen sein – und wird doch durch die Filmbeiträge, die regelrecht zwanghaft durchexerziert werden, vorbestimmt. Das hat mit fair nichts zu tun. Es ist nur hart dabei zuzuschauen.

Plasberg bietet auch völlig abwegigen “Meinungen” eine Bühne. Dabei wird aber niemand eingeladen, der ausreichend Substanz besitzt für eine Diskussion. Niemand “vom Fach”. Nur Leute, die sehr laut sprechen. Anhand der Gäste – und oft dem Fehlen von echten Wissenschaftlern, echten Themenkennern – wird er Ausgang der Sendung vorweggenommen. Zwei Impfgegner, drei Impfbefürworter. Ich muss mir die folgenden Minuten gar nicht mehr ansehen. Die Impfgegner werden medial hingerichtet, die Impfbefürworter als Unterdrücker einer legitimen Meinung diffamiert. Es gibt kein Ergebnis bei solch einer Sendung. Die verfeindeten Lager gehen unverrichteter Dinge auseinander. Ich habe Kopfschmerzen.

Am nächsten Tag dann ein “Faktencheck”. Bei der Sendung zu “Genderwahn” lässt sich der nach der medialen Hinrichtung der beiden Feminist_innen und dem Geschrei eines FDP-Politikers, einer Schauspielerin und einer Frau, die daran verdient, Angst und Polemik über den “Genderwahn” zwischen Pappdeckel zu erbrechen (ja, ich polemisiere), erschiene “Faktencheck” (dort) ungefähr so zusammenfassen: Die Feminist_innen haben recht, die anderen haben im Grunde nichts überprüfbares (also keine Argumente) genannt. Liest das irgendjemand? Ich bezweifele es. Und wenn ändert es doch nichts. Die Gegner_innen, die solche “Fakten” nicht glauben, verschwörungsschwirbeln einfach von den politisch-korrekten Öffentlich-Rechtlichen. So muss sich niemand blamieren – außer dem Zuschauer, der diesen Unsinn sich ansieht und den Kreaturen, die darüber polemische “rundfunkkritische” Texte in die Klickfarmen der ehemals lesenswerten Tageszeitungen sch…reiben.

Politik findet nicht in Talkshows statt. Plasberg bewirkt nichts, außer dass ich mich nicht mehr wohlfühlen kann in diesem Land. Keine ehrliche Diskussion. Kein ernsthaftes, ergebnisoffen diskutiertes Thema – sondern Krawall. Ja, schön, Plasberg macht Quote. Aber er verändert damit nichts. Es sind nur jede Woche neue Leute, die sich gegenseitig nicht ausreden lassen, bewusst missverstehen wollen oder gelogene Zitate abgeben. Es ändert nichts. Es ermüdet mich nur. Es macht mich depressiv. Es zeigt mir, wie viele von den Irren schon die Welt, in der ich auch lebe – das Internet – bevölkern (bei der “Genderwahn”-Sendung war das am ungemütlichsten).

Noch besser erklären? Noch genauer, noch ehrlicher sein? Bessere Argumente als die anderen bringen? Und dann doch von irgendeinem Schreihals in der Sendung niedergebrüllt werden. Das beste Argument setzt sich nicht durch. Es ist das, welches die beste Quote bringt. Dafür schäme ich mich, Herr Plasberg. Dass ich es auch anschaue und angeschaut habe und mich aufregte und – online – mitdiskutierte. Weil es nichts ändert.

Und deswegen mach ich jetzt hier diesen Tisch mal kaputt.

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Informationen

SAOL bald mit Warnhinweisen für kränkende Worte.

Die Svenska Akademien gibt regelmäßig eine Wortliste (Svenska Akademiens Ordlista, kurz: SAOL) heraus, die nicht nur von Schwedischlernern wie mir dankbar angenommen wird, sondern auch eine mindestens so hohe Bedeutung für Schwedischsprechende weltweit hat, wie für die Deutschen der Duden.

In der 14. Ausgabe stehen nun unter Begriffen wie “lapp” (Lappe) oder “eskimå” (Eskimo) Vorschläge, welches Wort man stattdessen verwenden könnte. In den genannten Fällen wären das: “same” (Same) und ”inuit” (Inuit).

In Deutschland dürfte über solch eine Meldung (eine Nachricht ist es ja nun nicht gerade) die üblichen wehleidigen und hasserfüllten Klagen über die angebliche “Political Correctness” wiedergekäut werden. Dabei geht es hier nicht um Politische Korrektheit. Die SAOL soll helfen beim richtig verstehen und verstanden werden. Dass heute “zigenare” (Zigeuner) eine andere, nämlich herabsetzende, Bedeutung hat wissen vielleicht einige Menschen nicht. Diesen zu helfen, in dem man sagt, vielleicht könntest du ja stattdessen “Rom” (Roma) schreiben, soll nur zum richtigen Verständnis beitragen.

Die SAOL reagiert damit letztendlich auf Sprachwandel. Sven-Göran Malmgren, Chefredakteur der neuen Auflage, sagte bei SVT Kultur, dass diese Umstellung schon früher hätte kommen dürfen. Die doch vielen Diskussion über Rassismus und Ähnliches würden andauern. Die Diskussion werde intensiver und die Redaktion der SAOL würde davon beeinflusst. “Es ist wunderbar, dass diese Wörter sensibler sind als einst. [Gemeint ist wohl: Dass wir für Wörter sensibler sind als früher.]” Als Beispiel führte Sven-Göran an, wie Stefan Löfven kürzlich für das Verwenden des Wortes “Zigeuner” um Entschuldigung bat.

Wie genau die Umsetzung sein wird, dürfte interessant werden. Gerade die sehr pointierten, kurzen Erklärungen – wenn ein Wort überhaupt eine Erklärung bedarf – zeichnen die SAOL aus. Ich selbst nutze aktuell vor allem die – sehr ausführliche – SAOL-App und die gedruckte 12. Auflage. Außerdem kann man die SAOL auch online durchsuchen.

[Quelle: SVT Kultur]

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The Spiders from Mars

Interesse an Kennen-Knuddeln-Knutschen kann nur beidseitig sein.

Neulich sagte mir ein*e Freund*in, nach dem sie*r festgestellt hatte, dass ich nicht sein*ihr Typ bin, dass sie*r wohl auch nicht meiner sei.

Da fühlte ich plötzlich einen Laster über mir Erde abladend, und ich konnte erstmal nichts sagen. Ich habe keinen Typ, dachte ich trotzig in meinem Hügel schmollend. Jaja, ich versuche keine emotionale, enge Bindung zu Nazis, Truthern und Maskulinisten aufzubauen, aber ich will ja auch nicht mit diesen befreundet sein. Zu sagen, sie*r sei sicherlich auch nicht mein Typ fühlte sich an als ob sie*r mein Freundschaftsangebot nicht nur ablehnt – was völlig ok ist -, sondern es auch zerknüllt. Und mich gleich mit. (Was auch ok wäre, trotzdem schmerzt die Vorstellung.) Ich war dort in meinem Erdhügel sauer – auf mich selbst -, weil ich nichts hatte sagen können und das Thema nun schon vorbei war. Nach ein paar Tagen wurde mir aber klar, dass sie*r recht hatte. Den wichtigsten und selbstverständlichsten Punkt hatte ich vergessen. Ich stehe auf Consent. Alles andere – jemanden mehr zu mögen, als die Person möchte oder kann – fühlt sich schleimig, falsch und übergriffig an. So fühle ich mich nicht gerne. Ja, ich habe diese Grenzen sicherlich schon einmal übertreten, aber es war stets zum Nachteil aller Beteiligten und noch heute fühle ich mich schlecht dafür. Wenn sich der Consent aber nicht herstellen lässt – man nicht zusammen gleichberechtigt funktioniert -, dann ist wohl dieser andere Mensch nicht “mein Typ”. Oder konkreter: Wenn ich nicht sein*ihr Typ bin, ist sie*r auch nicht meiner. (Klingt im ersten Moment ein bisschen nach Kindergarten, aber Früher war nicht alles schlecht™)

[…]

Gleichzeitig wird mir durch diese Regel, die ich unterbewusst immer versuchte zu befolgen, bewusst, dass es niemande*n gibt, der*die gerade “mein Typ” wäre. Nur Schmerzen und Schuldgefühle. Nur “Schwärmereien” (igitt!). Großartige Freundschaften, aber niemand zum Kennen-Knuddeln-Knutschen.

Ich habe kein Recht auf eine Beziehung. Ja. Niemand schuldet mir das – so wie ich das niemand schulde. Es ist völlig ok, alleine zu bleiben. Ja. Ein Gedankengang daran macht mich aber dennoch sehr traurig. Die (bessere?) Alternative zum Ewig-Single-Sein, die Alternative zu Kennen-Knuddeln-Knutschen ist der (andere?) K-Klub. Katzen ein Zuhause bieten, um selbst zuhause zu sein. Aber mit Katzen gibt es keinen Consent, also auch keine Möglichkeit für eine Freundschaft oder auch nur ein Zusammenleben. (Jajaja, Bob, blah.) Ich wäre immer “der Mensch” und sie immer abhängig von mir. Mit Freiräumen, ja, aber doch in einem Abhängigkeitsverhältnis. Und das geht halt nicht, wenn man versucht auf allen Beziehungsebenen sich nicht wie ein Arsch zu verhalten…

(Undatierter Notizzettel.
Letzte zwei Absätze hinzugefügt. Gender angepasst.)


Anm.: Das Thema Consent hat Laci Green in ihrem YouTube-Dings ausreichend ausführlich und verständlich erklärt. Dass ich den Begriff hier eher als “Konzept” verwende, also Einwilligung gegeben, auf der selben Seite sein, Vertrauen haben können, nichts ausnützen…, und nicht nur als “Zustimmung” – das klingt nämlich doch sehr sehr nach Ungleichberechtigt -, dürfte aufgefallen sein. Auch, dass ich durch die Formen sie*r, ihn*sie, usw. versuchte eine geschlechtliche Festlegung der Beteiligten zu vermeiden. Ich hoffe, es war trotzdem verständlich.

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