Kaufladen, Samstag um 21 uhr

Es ist schon dunkel und wir haben noch nichts gekocht. Ich muss nochmal raus. Für ein Projekt fehlt eine Speicherkarte. Es ist Samstag und nur der große Kaufladen um die Ecke hat noch offen. Einundzwanzig Uhr. Irgendwas. Ich streife eine Jacke über und stapfe über den Platz, zwischen den Häuser und am Ende dieser Reihe – vielleicht fünf Minuten Fußweg – ist es auch schon. Auf dem Weg krame ich noch in meiner Tasche. Kein Geld. Bankomat, also.

Der Bankomat hier, der Kaufladen auf der anderen Seite der Straße. Es ist dunkel. Vor dem Kaufladen steht die Polizei. Zwei Einsatzwägen. Kalter Wind drückt sich durch die Windungen meines Schals. Ich warte am unteren Ende der Stufen. Der Bankomat steht oben, wie ein Fronleichnamsaltar. Ich drücke mich an die Wand, der Wind pfeift, und ich kann die Stufen noch nicht hochgehen, weil ich damit dem fremden Menschen am Automaten zu nahe käme.

Ich beobachte ein bisschen die Polizisten. Irgendwas wird ins Auto gelegt. Irgendeiner sagt, er fahre hinten mit. Eine Polizistin fragt nach Personalien. Auf der anderen Straßenseite schleicht sich eine Katze vorbei. Sie beobachtet den Verkehr, überquert die Straße, und ich verfolge sie mit den Augen. Der Wind ist mir egal, die Polizei ist mir egal, ich betrachte diese Katze und denke nur: „All cats are beautiful.“

Endlich ist der Automat frei. Zahlen tippen, Plastikkarten stecken, Papierfetzen ziehen. Im Laden. Buchstaben auf Plastik lesen. Vergleichen. Zahlen mit anderen Zahlen. Schließlich nehme ich diese Plastikscheibe, und nicht die andere. Weil die Zahl höher ist, und die andere Zahl aber nicht viel höher. Zufrieden gehe ich an die Kasse, wo die Kassiererin, die auch nur hier ist, um an Papierzettel mit Zahlen darauf zu kommen, meine Papierzettel entgegennimmt, und mir einen relativ wertfreien Papierzettel mit der Zahl darauf gibt, die ich gerade bezahlt habe.

Warum ist diese Zettelwirtschaft so wichtig, und die wunderschönen Katzen nicht? Ich stapfe zurück.

Politics whatsupwiththat?

Wenn die FAZ Mathias Albert zur geringen Wahlbeteiligung in Studierendenparlamenten befragt, dann hätte dieser eigentlich nicht antworten sollen. 2500 junge Menschen zwischen 12 bis 25jährige werden bei der Shell Jugendstudie, an der Mathias maßgeblich beteiligt ist, befragt. Selbst wenn wir von einem hohen Anteil an Studierenden ausgehen in dieser Gruppe, so verteilen sich diese doch – idealerweise – so weit auf das Bundesgebiet und die 108 Universitäten in Deutschland, dass es kaum als repräsentativ missverstanden werden sollte. Die Probe ist, um diese Fragen zu beantworten, zu klein.

Aber gut, wir spekulieren und verallgemeinern. Mache ich jetzt auch.

Warum das Interesse an Hochschulpolitischem – oder zumindest den StuPa- und StuRa-Wahlen so gering ist -, begründet der „Jugendforscher“ mit mangelnder Zeit, mangelndem Interesse, mangelnder Zugänglichkeit (Digitalisierung!!!). Dabei spricht er aber auch einen Punkt an, den ich für viel Zentraler halte. Die Mangelnde Wirkmächtigkeit der studentischen Selbstverwaltung.

Der Studierendenschaft nämlich – wie bspw. in Baden-Württemberg – zuzugestehen, sich selbst zu organisieren, sich selbst eine Satzung usw. zu geben, und dies dann aber so restriktiv zu gestalten (bzw. so restriktiv auslegbar zu machen), bedeutet die Herabstufung von mündigen Erwachsenen auf Schülermitverwaltung. Toll, dass ich mitgestalten darf, aber überall wo es um etwas geht überstimmt ihr mich eh – oder der*die Rektor*in umgeht die Gremien einfach.

So wird Mitbestimmung zur Farce und die wenigen Aktiven, die dieses Theater zähneknirschend mitspielen, um zumindest das bisschen Mitbestimmung – ein Bestimmungchen – nicht auch zu verlieren, arbeiten sich dumm und dämlich.

Letztlich ist die Universität eine Diktatur von Gnaden des Ministeriums und der externen Geldgeber (in deren Hintern nicht nur Speläolog*innen Höhlensucher sind). Freiheit der Bildung, Freiheit der Lehrenden und der Lernenden, mein … egal.

Was letztlich bleibt sind freundschaftliche Beziehungen und das Gefühl, ein paar kleine Dinge verbessert zu haben. Aber bei der Fülle an Windmühlen weiß man schlicht nicht, gegen welche zuerst gekämpft werden soll.

Dumme Witze

#Beef

Leserbriefentwurf vom 29. Jänner 2016.
Veröffentlicht am 30. Jänner 2016.

(Kursives wurde in der Printausgabe gekürzt)

Die heiße Phase der Fasnet naht und in den Jackentaschen findet man wieder ganz olle Kamellen. Zum Beispiel kramt Guido Wolf, der „CDU-Spitzenkandidat“, den uralten Witz um Johnny Cash, Bob Hope und Stevie Wonder hervor. Sie wissen schon, die Baden-Württemberger hätten im Gegensatz zu den Amerikanern „No Cash, No Hope, No Wonder“. Angemerkt werden muss, dass „Hope“ und „Cash“ traurigerweise nicht mehr unter den Lebenden weilen.

Wenn Guido derlei dumme Witze mit Namen machen darf, dann dürfen wir da auch, oder? Schnappen Sie sich also ihre drei bis sieben besten Freunde und verkleiden sich als Geißlein oder Schweinchen. Dazu Sie mit Guido-Wolf-Maske und schlecht sitzendem Anzug und fertig ist der Kalauer. Andererseits: Man sollte solche Scharfmacher – die z. B. die Abschiebung von Flüchtlingen oder die Ausgrenzung von Homosexuellen (blumig verpackt) fördern – besser nicht verharmlosen, sondern ihnen „argumentativ entgegentreten“.

Ansonsten fällt mir zu diesem albernen Wahlkampf wirklich nichts mehr ein. Hoffe, dass wir weiterhin auf das „Wunder“ verzichten können, dass der Mann mit dem Steiff-Wolf Regierungsverantwortung bekommt.

Ein paar Hinweise noch:
– Die Abschiebung von Flüchtlingen in ihre Heimatländer fordert er für kriminelle Flüchtlinge. Das halte ich für höchst problematisch, bei Menschen, die Anrecht auf Asyl haben. Kriminelle gehören nach einem gerechten, fairen Verfahren ins Gefängnis, nicht zurück in ein Land, aus dem sie fliehen mussten.
– Die Förderung von Ausgrenzung von Homosexuellen findet man beispielsweise hier belegt.
– „argumentativ entgegentreten“ ist eine Anspielung auf die Leserbriefe von CDU-Kandidat*innen, die sich gegen die Ausgrenzung der AfD bei Debatten ausspricht und für ein „argumentatives entgegentreten“. Dieses Zusammenrücken von AfD und CDU wollte ich mir – auch wenn natürlich eigentlich nicht gerechtfertigt – dann doch nicht verkneifen.
Steiff-Wolf

Finde ich etwa schade, dass ausgerechnet der Teil gekürzt wurde, weil mich persönlich am meisten betrifft. Aber ist dann auch irgendwo ok.

Leserbrief bezog sich auf Guido Wolfs Auftritt in Wurmlingen, der Artikel, in dem der Witz zitiert wird, findet sich allerdings nur hinter einer Paywall.

Variabler Zinssatz von aktuell 0,000%.

Ich lese kein Kapital, ich zähle mein Kapital

(Panik Panzer. In: Antilopen Gang: Neoliberale Subkultur. 2015.)

Ich bin ein Schwein. Ich bin eine Sau. Ich bin ein Schmarotzer. Ich bin ein gieriges Stück Scheiße. Ich bin faul. Und ich bin upperclass innerhalb der Unterschicht innerhalb der Oberschicht. Verglichen mit 99% der Menschen bin ich reich.

Über mir ein Dach, unter mir Boden, neben mir Nahrungsmittel und Kleidung, unter meinen Finger Tasten – die mir gehören. Ich habe sogar ein bisschen Geld.

Nicht genug, um mir meine Beerdigung leisten zu können, nicht genug um zu verreisen, aber wenn ich einmal meinen Computer zerstöre, dann kann ich mir einen passablen Ersatz kaufen.

Das Geld liegt jedenfalls in einem großen Topf einer Bank. Weil ich das sinnvoll fand und finde, bei einer Bank zu sein, die so ehrlich zu mir ist, wie ich zu ihr. Da ist es mir auch egal, wenn ich weniger „für mein Geld bekomme“.

Dafür mach‘ ich jetzt Geld, ich bin Abfall und Dreck, yes

(Koljah. In: Antilopen Gang: Stück Dreck. 2015.)

Halt, mein Geld? Was soll den das bitte heißen? Und woher habe ich bitte einen Anspruch darauf, für irgendwelche Nummern, die mir zugeordnet werden, mehr Nummern zu erhalten? Irgendjemand muss mehr bezahlen für einen Kredit, muss mehr arbeiten als notwendig, um die Bankmitarbeiter_innen zu bezahlen und mir einen Bonus – also Zinsen – zu geben. Das ist doch nicht fair!

Obwohl mir die Perversion bewusst ist, fühlt es sich dennoch komisch an. Vielleicht, weil ich in einer Welt aufgewachsen bin, in der man das Geld zur Bank brachte, auf ein Sparbuch legte, und sich dann einmal im Jahr freute, dass da jetzt plötzlich 2 Mark mehr da waren. Davon kaufte man sich dann ein Eis und dachte nicht darüber nach, mit welchen blutigen, menschenverachtenden Methoden dieses Geld erwirtschaftet wurde. Oder, freundlicher, auf wie viele Eiskugeln wohl ein Dritter verzichten musste, damit ich mir ein paar und der Banker ganz viele leisten kann.

Wir sind pro-kapitalistisch, also fick dich, alles Absicht.

(Johnny war ein Tänzer: Johnnys Ende. 2010.)

Jedenfalls komme ich da nicht raus. Es fühlt sich komisch an, wenn es keinen – zinsmäßigen – Unterschied zwischen Giro- und Sparkonto gibt. Nicht einmal 0,0015 %, sondern einfach gar nix.

Und kaum denke ich das, denke ich darüber nach, schickt mir die Bank, bei der unsere Fachschaft ihr Konto hat, ein Flugblatt, welches mich informiert, wie viel zukünftig die Girokonten dort kosten werden, wie viel ich für eine Überweisung bezahle (10 cent. Online!), und mir dreht sich der Magen beim Gedanken, dass ich bald 60 Euro und mehr im Jahr bezahlen werde, nur, um am gesellschaftlich geforderten „Zahlungsverkehr“ teilnehmen zu können.

Hm.

Wem gehört eigentlich dein Kind?

Eigentlich klingt die Frage im Titel dieses Eintrags lächerlich einfach. Man möchte sofort rufen: „Mein Bauch gehört mir!“, und dann zu einer Predigt über Erziehungsrechte der Eltern anheben, bevor man sich wütend grummelnd ein Busticket nach Stuttgart löst und mit Kochutensilien gegen ‚Frühsexualisierung‘ und ‚Homolobby‘ demonstriert. Niemand soll mir vorschreiben dürfen, wie ich meine Kinder erziehe. So, wie ich niemals hätte meinen Eltern widersprechen dürfen. Und die niemals ihren. Kadavergehorsam. Hm.

Aber jene, die mit großem Eifer ihre Kinder vorm Eingriff des Staates schützen wollen – weil: Ideologie!! -, stellen das Lebensrecht des fremden „Kindes“ – auch wenn es nur ein Zellhaufen ist – über die Entscheidungsfreiheit des Menschen, in dem dieser Zellhaufen sich befindet. Abtreibungsgegner_innen laufen – auch – wieder. Und die Gegenproteste skandieren die unglaublich sinnfreie Parole „Hätt‘ Maria abgetrieben, wär’t ihr uns erspart geblieben!“. Wenns denn so wäre. Einen Zellhaufen als Individuum zu sehen und zugleich zu sagen, dass man aber als Eltern über das Kind zu bestimmen habe… Hm.

Das Kind kann sich jedenfalls nicht selbst gehören. Kann kein völlig freies Individuum sein, losgelöst von allem. Das geht nicht. Dafür bedarf es zu sehr Schutz. Aber es kann auch nicht komplett den Eltern gehören. Und eine Gesellschaft, in dem mein Arsch allen gehört – bzw. „dem Staat“ – klingt auch eher unangenehm bis unmöglich.

Ich bin davon überzeugt, dass Kinder – und da wir alle Kinder von irgendjemand sind, also auch alle Menschen – zugleich vieles sind, viele Rollen übernehmen müssen, ‚vielen Herren dienen‘. Wir sind untrennbar verankert in und mit der Gesellschaft, in Kultur, in Gemeinschaft. Du gehörst dazu, weil ein Leben ohne das Wissen, welches jene vor dir erarbeitet haben, oder auch ohne die Resistenz gegen bspw. Krankheiten – die Millionen mit ihrem Leben bezahlten -, nicht leben könntest. Du bist, weil es Menschen vor dir gab und es Menschen nach dir geben wird. Also hängst du mit drin.

Aber du bist zugleich auch Individuum. Hast eigene Gedanken, eigene Wünsche, Hoffnungen. Und du darfst selbst entscheiden, was du mit deinem Leben machst. Der Deal lautet: Du gibst etwas, du bekommst etwas. Und wir lassen dich in diesem und jenem Bereich in Ruhe, solange dein Verhalten nicht „uns“ als Gemeinschaft, als Menschheit gefährdet. Einen Garten anlegen? D’accord. Atombomben bauen oder hohe Zäune, damit andere Menschen sterben? Äh, ne?! Wer einen von uns angreift, der greift uns alle an. Und wir, dass sind Menschen. Nicht Leute aus Dorf A, oder Land X, sondern Menschen.

Und dann gehören wir aber auch unseren Eltern, die uns großgezogen haben, die sich entschieden haben uns in die Welt zu setzen. Ermöglicht wurde das ihnen wieder durch die Gesellschaft – also geben sie zurück und geben Verantwortung und Rechte ab.

Als ob man nicht schon genug eingebunden wäre, haben wir selbst aber auch eine Verantwortung gegenüber unserem früheren Ich und unserem Zukünftigen. Nicht mehr zu leisten, aber besser werden zu wollen. Zu wachsen. Nicht quantitativ, aber qualitativ. Dass das nicht immer gelingt, und damit dann umgehen zu können, das ist auch eine Form von Wachsen.

Was ich mich frage, ist, wo das Erziehungsrecht der Eltern endet, und das des Staates beginnt. Ich kann nicht behaupten, dass ich darauf eine Antwort hätte. Aber die Gedanken, die mich bisher auf einem Weg zu einer Antwort begleitet haben, klingen etwa so: Was für ein würdiges Zusammenleben notwendig ist lehrt – vermittelt über Schulen usw. – die Gesellschaft. Was im persönlichen, individuellen Bereich liegt, übernehmen die Eltern, Verwandten, Freunde.

Konkret heißt das für mich: Wenn ich ein würdiges Leben für alle anstrebe – unabhängig davon, ob das erreicht werden kann – und für mich darin auch die Frage von Akzeptanz von unterschiedlichen Lebensformen ist, das Nebeneinander von Identitäten, Kulturen, Glauben, usw., dann muss dies – auch! – in angemessener Form in der Schule vermittelt werden. Weil ich weiß, dass meine Eltern mit Fragen überfordert waren und ich es wohl auch wäre.

Was ich mit meinem Körper erschaffe – was unter meinem Herzen wächst – ist meins. Punkt. Mein Bauch gehört mir. Kein Aber. Konsequent zuende gedacht gibt diese Haltung – nämlich Kinder gehören ausschließlich und nur ihren Eltern – aber recht… irritierende Ergebnisse. Zum Beispiel müsste das Ermorden des eigenen Nachwuchs straffrei sein, schließlich darf ich mit meinem Eigentum tun, was ich will, oder?

Kinder und die Verantwortung für deren „Erziehung“, deren „Groß werden“, kann nicht allein Aufgabe der Eltern sein. Darf nicht, soll nicht. Denn ein Zusammenleben – ohne dieses uns ein einfaches Sandwich 1500 Dollar und ein halbes Jahr unseres Lebens kosten würde (wobei hier das Aneignen des Wissens darum, wie’s am besten gemacht wird noch nicht einberechnet ist) – kann bei aller Individualität einfach nicht umgangen werden. Was wir sind, was wir lernen, das sind wir auch dank dem Zusammenleben von Milliarden von Menschen in der Vergangenheit, im Jetzt und in der Zukunft. Ohne Gemeinschaft, ohne Gesellschaft gehts nicht. Komplett „frei“ fühlt sich nur das ignorante Arschloch. Wie diese Gesellschaft sich ausgestaltet und wohin sie geht, daran gestalten wir mit.