Mach alles neu

Akzeptieren, dass man nicht verstanden wird.

Ein Ladengeschäft, ein Café bei einem Date, die Uni in irgendeinem Eck ihrer Gelehrsamkeit, in jedem Fall stehst du gerade im Kontakt mit einem Menschen, und irgendwie ist das nicht gut. Ja, du kannst inzwischen reden und machst auch ab und an einen Scherz, und mit manchen Leuten klappt das ganz gut. Hier, gerade, mit diesem Menschen… irgendwie nicht.

Du sagst etwas, sagst es laut genug, mit der wahrscheinlich richtigen Betonung… aber dein Gegenüber missversteht es. Vielleicht, weil du es nicht geschafft hast, auch den Kontext mitzuliefern, den deine Aussage zur richtigen Bedeutung bedarf. Vielleicht muss man dich auch ein bisschen näher kennen um zu verstehen, wie du etwas meinst.

Möchtest du diesen Menschen besser kennen lernen? Oder einfach akzeptieren, missverstanden zu werden? Ja, natürlich kannst du erklären, was du meintest. Aber das meiste was du sagst hat keine tiefere Bedeutung – das hast du dir abgeschaut von den anderen, die besser kommunizieren können – und würdest du es erklären, müsste man dich nur als eine_n versagende_n Introvertierte_n erkennen, die_r du ja eigentlich bist.

Wenn man dich nicht versteht oder vielleicht sogar genau umgekehrt, dann kannst du dir die Mühe machen, dich zu erklären. Aber nein, es kommt keine Rechtfertigung. Es ist einfacher, wenn du akzeptierst, dass dieser Mensch dich gerade nicht verstanden hat. Punkt. Weiter im Text.

Denk nicht darüber nach. Es kümmert dich, ja, es tut vielleicht sogar weh. Aber die Welt wird nicht besser, wenn du dich erklärst. Denn eigentlich will niemand zuhören. Eigentlich will es niemand wissen. Die, die wirklich Interesse haben, wollen dich nicht missverstehen. Jene fragen nach. Bleib bei diesen. Es wird besser.

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We've got five years my brain hurts a lot

Router in die Waschmaschine, Kochwäsche, Vollwaschmittel. Einmal Weißwaschen, bitte.

Fanpost nennt mein Schreibe eine “gewisse egozentrische Selbstdarstellung”. Eine andere Mail einer uralten Freundin erzählt davon, dass sie sich nun bewerben müsse und dass die kümmerlichen Reste, die noch von ihr im Internet zu finden sind – und auf die ich Zugriff hätte (näh?) – verschwinden sollen.

4639 Einträge gibt es von mir in diesem Internet (alle Blogs, die ich verantwortet habe, eingerechnet). Tendenz steigend. Dazu weit über 3000 Tweets, vermutlich tausende von Kommentaren, über 2000 Fotos bei Flickr, Milliarden von Datensätzen bei diversen Firmen, Geheimdiensten, Behörden, Privatleuten. Ich existiere in den Archiven irgendwelcher Dozenten, bei denen ich irgendein Seminar belegt habe zu irgendeiner Zeit – und der unabgeholte Schein liegt wohl auch noch irgendwo. Die Anstrengungen, das “ungeschehen” zu machen, ist beinahe nicht zu schaffen. Datensparsamkeit, my ass. Ich existiere auch in der Erinnerung meiner Mitmenschen – und kann nichts dagegen tun.

Ist es interessanter, ein unbeschriebenes Blatt zu sein, ogooglebar, oder ist es nicht auch ganz ok, in dieser Welt zu existieren und gelebt zu haben? Ich fühle mich heute nicht mehr wie ein Buch voller leerer Seiten. Nicht wie eines dieser ekligen Notizbücher, in das die Leute irgendwelche Wichtigkeiten schreiben wollen – und sich dann nicht trauen. Viel mehr sehe ich mich als ein mittelalterlicher Roman. So oft beschriebene Seiten, abgekratze Tinte, ohne Sicherheit, ob eine Aussage wirklich so gemacht wurde, beabsichtigt war. Ich finde meine Schreibe nicht wichtig, oder sinnvoll, sie ist halt da. Notiert auf einem Einkaufszettel, weggeworfen, wiederverwertet.

Ich will nämlich kein langweiliges Fotoblog machen, damit ich irgendwelchen Arbeitgebern gefalle, ich will nicht die “beste Version meines Selbst” nach außen darstellen. Rotzig und verwirrt, vertippfehlert, das gehört auch dazu. Gelogen, verschleiert, ungenau, das will ich sein. Ich will rauschen. Das Sample in deinem Kopf werden, auf den du deinen ersten Hit schreibst. Los. Ich warte hier.

Damit lassen sich neue Dinge formen. Wenn du jetzt gerade da sitzt und denkst, “Scheiße, na so könnte ich auch schreiben”, dann mach’s. Shit, wir sind hier nicht zum Spaß. Das hier ist harte Arbeit. Schlechtes Schreiben, rotziges, widerliches Wort-Reihen ist auch Arbeit. Ich schreibe in der Hoffnung, dass du das auch tust. Alleine ist das nur Geplapper, zusammen ergeben wir das schönste Rauschen, dass die Welt kennt.

Und ja, deine Mutter findet diesen Eintrag doof. Ich ja auch.
Und ja, vermutlich wird mir jemand irgendwann etwas vorwerfen, was ich vor Jahren schrieb. Aber davor habe ich keine Angst mehr. Denn in den Meeren, die ich schrieb, findet sich zu allem etwas, das man zu meinen Ungunsten auslegen kann. Das ist völlig ok.
Und ja, wer dich mit Scheiße bewerfen möchte, der nimmt diese zuerst einmal in seine eigene Hand.

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Die fröhliche Wissenschaft

Fremder Leute Bahngespräche.

Im Zug kam ich heute nicht umhin zwei 20-jährigen zuzuhören, wie sie darüber redeten, wie früher™ alles besser war und wie reif sie nun seien und so weiter. Vermutlich habe ich selbst schon tausende solcher Unterhaltungen geführt. Ich habe dieses Stück zusammen mit dutzenden Protagonisten allerlei Geschlechts aufgeführt und immer ging es um das gleiche. Eigentlich haben wir uns nichts zu sagen, haben nichts gemeinsam, und das Wetter gibt nicht genug her um damit die Zeit zwischen den Pausen zu überbrücken, die nicht peinlich sind. Also bekämpfen wir die unangenehme Stille mit nebensächlichem Geplapper. Mit Erfahrungen, die jede_r kennt.

Früher war alles so einfach und besser. Heute schickt man keine Blumen mehr, man schreibt Nachrichten, also WhatsApp’t. Man liest keine Bücher, man kindle’t die neustem Romane. Kaufst du noch Alben, oder spotify’st du schon? Ich backe keine Pfannkuchen, ich waffel’e. Wir facebook’en nachher? Ne, sorry, ich muss noch hausaufgab’en. Oh, ein Klavier, ein Klavier. Palim Palim, ich hätte gerne eine Flasche Social Media. Ja, 140 Zeichen reichen.

Die Sache ist die: Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Es gibt keine äußere Macht, die uns etwas aufdrängt, sondern nur wir und die Konsequenzen unseres Handelns. Bleibst du im Bett und nennst deinen Chef einen Arsch, dann verlierst du möglicherweise deinen Job. Das Leben ist nicht schwieriger geworden, nur anders. Und wenn du deine Welt früher™ als einfacher, angenehmer oder besser wahrgenommen hast, dann liegt das daran, dass du dümmer warst oder die Welt schlechter werden hast lassen.

Ich möchte deshalb dieses Stück nicht mehr aufführen. Früher™ war nichts besser, und wenn es das doch war, dann sollten wir dringend etwas daran ändern. Denn eigentlich, eigentlich möchte ich eine bessere Welt™ hinterlassen. In der wir nicht zwangsweise darüber reden müssen, wie das Wetter ist oder die Vorlesung bei jener Dozentin, die noch niemand so richtig kennt, sondern das, was uns bewegt. Und ich spreche dabei nur teilweise von Öffentlichem Personennahverkehr.

[...]

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Menschliches Allzumenschliches

Gelesenwerde-Blockade.

Es gibt keine Schreibblockade. Ich schreibe. Und schreibe.

“Es gibt keine Schreibblockade. Du schreibst doch.” sagt mein eingebildeter Freund.

Er streicht sich durch die gegelten Haare. Ich hasse das, denke ich.

“Ich hasse das.”, sage ich.
“Dass wenn ich dir die Hand gebe, es sich anfühlt, als würde man einem 14jährigen die Hand geben, der gerade ein Spielzeug an sich entdeckt hat?”
“So würde ich das nicht nennen -”
“Aber du meinst das. Darum geht es.”

Mein eingebildeter Freund hat nicht nur gegelte Haare, er hat auch noch in einer CSU-Kandidat-ichkeit gerne Recht, dass einem davon übel werden könnte.

“Du schreibst doch.” sagt er.
Ich schmolle.
“Deine Finger rollen über die Tastatur.”
“Ja”, sage ich geknirscht, “aber es ergibt keinen Sinn, was ich schreibe.”
“Nichts ergibt Sinn” sagt mein eingebildeter Freund.
Ist er jetzt Nihilist? Ich versuche mich zu fangen.

“Aber wenn etwas nicht interessant zu lesen ist, dann nützt es nichts, es zu schreiben.”

Eingebildet schaut er mich an. Er legt den Kopf schräg, holt einen Kaugummi aus seiner Hosentasche – ein runder Ball, so süß, dass man beinahe brechen will, leuchtend gelb, wie man ihn für ein paar Cents aus Automaten ziehen kann -, und kaut. Schmatzend antwortet er schließlich, mit kleinem Triumph in der Stimme.

.

“Das ist keine Schreibblockade, mein Lieber, du willst nur plötzlich gelesen werden.”

“Unsinn!” antworte ich hastig. Dabei denke ich, still, dass er recht hat.

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Schlechte Laune

Spontandepressive Fünfminuten (Teil 27)

“Besser werden heißt, dass dein nächstes Scheitern größere Wellen ziehen kann.” sagte ich einem Kumpel, als er mich – kaputt und müde – heimfuhr und ich meine Spontandepressiven Fünfminuten hatte. Ich kränkelte, ja, trotzdem hatte ich ihm bei einer Kleinigkeit geholfen, und aus irgendeinem Grund erklärte er mir, dass ich besser geworden sei – mit Werkzeug, mit Materialien, dass er mir inzwischen mehr vertraut und zutraut.

Ich blockte das ab. Ich weiß halt nicht, wie man Lob annimmt, und positive Gedanken passen nicht so gut in mein Weltbild, also – näh.

Also erklärte ich ihm, dass Vorankommen zu Aufstieg führt – also mehr Einfluss, mehr Risiko, mehr Verantwortung – und zwar solange, bis man seine Leistung nicht mehr verbessert. Somit sind alle, die in einem Betrieb angelangt sind, in irgendeiner Position, in aller Regel überfordert. Besser werden heißt auf höherer Ebene scheitern und mehr Unheil anrichten. Und nicht damit aufhören, bis man final am Zerstören gehindert wird; etwa durch natürlichen Tod oder ‘Tyrannenmord’.

Normalerweise bin ich ja äußerst optimistisch und positiv gestimmt – Lüge? -, aber in diesen Minuten war alles schlecht und ich wollte einfach nicht mehr. Nicht mehr einschlafen, nicht mehr aufstehen, nichts mehr lesen oder schreiben, nicht sprechen, keinen Hammer halten, nicht hören, nicht weg- oder ankommen, und ein Atemzug, ja einer, dann hätte mir das auch gereicht.

Wenn ich gehen würde, bliebe nichts von mir. Das Haus, schräg und schief, an dem ich ihm geholfen hätte, würde zerfaulen und einstürzen. Nichts bliebe – und das sei gerade gut. Denn ich hinterließe nur Zerstörung und Leid in anderen Menschen und mir selbst (Wie gesagt, spontandepressive Fünfminuten).

Das war ziemlich unfair ihn so anzugehen, und es tut mir leid, und es wäre nicht sein Recht mich zu halten, wenn ich gehen wöllte, aber ich glaube ich lag falsch und wir (ich und er und mein Spontandepressives-Ich) kriegen das hin.

Die Fahrt endete, er hielt vor meiner Wohnung und sagte “Ich hoffe, du wirst bald wieder gesund.”, so freundlich es seinem Mund entweichen konnte, nachdem ich jedes Wort von ihm blockte. Ich deprimierte ihm entgegen “Ich hoffe nicht.”

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