Freitagsfragen (6)

  1. Ist eine Erzählung weniger wertig („Hochliteratur“), weil sie in einem bestimmten Medium erzählt wird?
  2. Falls es nicht eine höchste Wissenschaft gibt – Was ist, wenn wir auf unterschiedliche „letzte“ Gründe/Ergebnisse kommen?
  3. Kann es überhaupt gute, aktuelle Kulturprodukte geben – Musik, Filme, Texte -, wenn diese produziert werden müssen, auf Erinnerungen und Erfahrungen beruhen und Zeit zum rezipieren benötigen?
  4. Wird etwas besser, wenn man sich mehr Zeit dafür nimmt oder stört das nur den kreativen Prozess?
  5. Ist Zeit objektiv existent, oder wie Farben und Geräusche und Oberflächen eine Interpretation unseres Gehirns, die bei genauer Betrachtung zusammenbricht? Falls nein: Wenn Farben Lichtwellen sind, Geräusche Wellen in einem Medium wie Luft, Oberflächen Atome, die in Gruppen zusammenhalten, … was ist dann Zeit?

Vor uns die Sintflut. Wir sind die Maden.

„Nach uns die Sintflut“ ist nämlich gar nicht. Wir, wir sind die Sintflut. (Georg Schramm)

Aus Papier habe ich mir eine Bischofsmütze gebastelt. Die Gäste trinken uninteressiert ihre Biere, während ich mit zusammengeknoteten Füßen langsam auf die Bühne hüpfe. Niemand blickt auf. Das Schauspiel ist ja schon bekannt. Ich krame ein Blatt Papier hervor, zerknülle und stopfe es mir in den Mund. Leicht zurückgebeugt spucke ich es in die Menge. Ich erhebe meine Stimme, wie als würde ich gleich singen, und stoße dann leicht auf. Einen zerknüllten Zettel aus meiner Gesäßtasche wird geholt, dann beginne ich laut zu sprechen:

„Mir ist heute, im Frust meiner Existenz, etwas klar geworden. Menschen wie ich sind nicht dafür da, ein Leben in Würde oder mit Sinn zu führen. Wir begleiten den Untergang, und gehen dann, wenn es soweit ist, lachend in unser Grab hinein. Diese Welt ist geweiht und wir machen große Schritte dem Ende entgegen. Menschen wie wir, die keinen Sinn in einem vernünftigen Beruf sehen, die nur Gelegenheiten, aber keine Hoffnung sehen, die dazu da sind, die Leben anderer zu unterstützen, ebenso wie auszubeuten, sind die Maden in deinem verrottenden Bein, die das zusammenhalten, was davon übrig ist.

Die Generation vor uns hat uns vieles hinterlassen. Einen zerstörten Planeten, der mit jeder Sekunde weiter stirb, eine Wirtschaft, die sich nicht um Menschenleben sondern Statistiken kümmert, Menschen, die ihren eigenen Henker wollen, eine wachsende Ungleichbeteiligung von Menschen … Noch nie wurden so viele Schlafmittel verschrieben, soviel Müll produziert, soviele sinnlose Blogeinträge erbrochen. Ja, wir sind die Maden. Wir fressen und wir sterben. Niemand hat uns eingeladen, niemand hat uns gewollt, doch wir sind da, weil wir es sind, weil wir es müssen. Weil wir euch begleiten, die die Welt ins Unglück gestürzt haben, bis zum Ende.

Wenn ich einmal alt sein werde, bekomme ich keine Rente. Nicht aus einem Generationenkonflikt heraus, sondern einem Klassenkonflikt. Nicht, weil die Rentenkasse nicht funktionieren würde, sondern weil sie zu gut funktioniert hatte und niemand mehr Geschäfte damit machen konnte. Deshalb haben wir die Welt zerschlagen, weil sich mit der Angst mehr verdienen lässt. Terrorismus ist nur die aktivste Form des Wettbewerbs.

Wir haben zugelassen, dass wir überwacht werden, weil deiner Mudder egal ist, ob jemand ihre Katzenbilder mitschaut. Wir haben Soldaten in Kriege geschickt, und nicht verlernt, was das eigentlich ist. Wir haben das Leiden nicht verringert, nur outgesorced. Raus aus unseren Städten, in Containersiedlungen oder ans andere Ende der Welt. Aber wenn kümmert das schon. Die Welt endet. Wir haben sie ins Koma versetzt, und wenn der letzte Täter gegangen ist, dann ziehen wir Maden den Stecker.

Nun sitzen sie zusammen, bei Bier und guter Laune. Die Sintflutmenschen. Sie lachen wieder über Judenwitze und klagen über das teure Öl und den Islam und überhaupt sei alles schlecht. Doch wer hat es schlecht gemacht? Wer hat das Patriarchat gestärkt? Wer hat neue Lösungen verhindert, weil früher alles besser war? Wer hat Frauen und Kinder vergewaltigt, geschlagen, ausbluten lassen? Wer hat den Planeten vergiftet? Wer hat es versäumt, eine bessere Generation Kinder aufzuziehen, als man selbst war?

Nichts ändert sich. Alles wird nur noch schlimmer und wir, die Maden, sind machtlos gegen die Elite unserer Eltern, unserer Chefs und Freunde. Wir sind machtlos gegen die Mario Barths und die Alice Schwarzers und all jene, die an das Gute nur für sich selbst glauben. Wir machen uns bucklig, weil nichts mehr bleibt, als das untergehende Schiff zu stützen. Wir können nichts mehr anders tun, als in den Trümmern zu leben, und zu lachen, wenn uns die Turbine zerquetscht.

Ja, es ist herrlich, zu wissen, dass wir Maden die Letzten sein werden. Wir setzen keine Kinder in die Welt, wir schauen unseren Eltern beim sterben zu, und wenn sie gegangen sind, dann sind wir auch endlich befreit von unserem Fluch. Wir werden die Letzten sein. Wir werden den Stecker ziehen. Die Welt geht unter, das Ende wird da sein, und wir werden lachen und ruhen, weil all das dann endlich vorbei ist.

Und zugleich ist es egal. Weil nichts zählt und nichts einen Unterschied macht.“

Niemand hörte zu. Aber der Wirt ist zufrieden. Schon wieder GEMA gespart.

Aber ich will nicht werden, was mein Alter ist (5)

Vielleicht klinge ich manchmal undankbar, vielleicht klinge ich manchmal als würde ich aus post-jugendlicher Überheblichkeit ablehnen, wofür meine Eltern stehen. Vielleicht klinge ich, als würde ich ablehnen, wofür sie stehen. Aber ich sehe das, was ich in ihnen sehe, schon in mir angelegt und ich fühle mich dem einfach nicht gewachsen. Dem „Erwachsen sein“, dem „Verantwortung übernehmen“. Ich fühle mich nicht im Stande, so zu werden, wie mein Alter ist.

Ich lehne also nicht ab, weil ich es schlecht fände. Ich lehne ab, weil ich mich zu schlecht finde.

Das zuzugeben ist vielleicht auch schon ein bisschen erwachsen und verantwortlich. Das in einem Blog zu veröffentlichen? Naja. Fiktion. In Wirklichkeit existiere ich gar nicht.

Freitagsfragen (5)

  1. Hat das Internet deine Art zu Denken verändert?
  2. Bist du mit dieser Veränderung zufrieden und falls nein: Würdest du ‚das Internet‘ – explizit das WWW – aufgeben, wenn sichergestellt wäre, dass du dann wieder so denken könntest, wie früher?
  3. Wie funktionieren Entschuldigungen?
  4. Müssten Menschenrechte auch für außerirdisches Leben gelten?
  5. Würdest du herausfinden, dass du dich dein bisheriges Leben lang falsch genannt hast – du also eigentlich anders heißt -, wölltest du deinen richtigen Namen annehmen oder weiterhin mit dem falschen angesprochen werden? Kann ein Name, auf den du reagierst, überhaupt nicht dein Name sein?

Jag ska visa dem, jag ska visa dem. Min hjärna brinner av hat. (35)

Das komische mit Prüfungen ist nicht, dass man diese schreibt und dann Punkte bekommt. Das irritierende, was mich immer wieder … belastet, ist wie danach plötzlich ein Thema zu Ende sein soll. Man gibt ein Blatt ab, stammelt eine Antwort, und weiter. Kein Nachdenken, kein Wachsen können an einer Frage.

Heute saß ich in einer dieser mündlichen Prüfungen und wurde gefragt, wann die schwedische Frauenbewegung begann. Das ist so eine Frage, für die man – auch bei langem Nachdenken – wenige oder viel zu viele Antworten findet. Zunächst: Welche Frauenbewegung? Die sich um Gleichstellung bemühte? Um Wahlrechte? Um Mündigkeit? Reproduktionsrechte? Für, gegen? Und wie können solche Bewegungen durch nationale Grenzen eingeschränkt sein? Die Erklärung der Menschenrechte, die Frauen und Unfreie ausklammerte – also praktisch nur weiße Männer betraf -, könnte man als Anfangspunkt nehmen. Eine Ungerechtigkeit, auf die entsprechend reagiert wurde. Man könnte den weltweiten Kampf um Wahlrechte nehmen, zwischen der Jahrhundertwende und dem 1. Weltkrieg. Beispielsweise in UK – Suffragetten – führte dieser Kampf ums Frauenwahlrecht zu Anschlägen. Man könnte über Verhütungsmittel reden, oder Mündigkeit für unverheirate Frauen (ab 1858 konnten unverheirate Frauen über 25 in Schweden vor Gericht ihre Mündigkeit einklagen) oder über die Frage, ob Frauen eine Seele haben oder diese erst durch Heirat erhalten. (Allein die Vorstellung). Man könnte aber genauso fragen, ob Wikingerfrauen nicht – möglicherweise? – gleichberechtigt(er) waren. Man könnte fragen, woher eigentlich die Unterschiede kommen. Ob die Unterscheidung von sozialer Unterdrückung und Unterdrückung von Frauen in einer bäuerlichen Gesellschaft überhaupt notwendig ist, bzw. ob an der Form der zusätzlichen Unterdrückung – etwa durch Kinder gebären -, effektiv etwas geändert hätte werden können. In einer ländlichen Arbeitswelt gibt es nicht „das Frauchen“, welches „zu Hause bleibt“. Da erledigten alle die Aufgaben, die sie übernehmen konnten – und das musste nicht am Geschlecht hängen. Frauen des Mittelalter, Frauen der Aufklärung, sie alle konnten gleichgestellt sein. Nicht gesellschaftlich in allen Ebenen, aber die Witwe eines Handwerkers konnte den Betrieb übernehmen. Wo begannen wir zu konstruieren, dass Frauen weniger wert seien? Und warum? Das Frauen „das andere“ wären. Schlechter, weniger wert? Und warum haben wir es noch nicht geschafft, das rückgängig zu machen?

Skandalliteratur wie „Die Woche mit Sara“ (Almqvist)? Wie „Nora“ (Ibsen)? Wie „Frauen und Apfelbäume“ (Martinson)? Wie „Bitterfittan“ (Sveland)?

Es gibt nicht „die Frauenbewegung“. Es gibt viele einzelne und teilweise zusammenarbeitende Menschen, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Zielen unterschiedlich erfolgreich gearbeitet haben. Teilweise auch gegeneinander. Von „Bewegungen“ zu sprechen, ist eine Vereinfachung der Geschichtswissenschaft, weil wir mit Wirklichkeiten nicht klar kommen. („wir“?)

[…]