[…] (349)

Schweigen ist wirklich nicht einfach. Aber auch die eigene Stimme erheben ist bisweilen… schwierig. Zwar behaupten wir immer gerne, dass eine Zensur nicht stattfinde, aber dann gibt es doch die Schere im Kopf. Vielleicht möchte man etwas sagen, aber die Erfahrungen, wenn man die Stimme erhebte, lassen doch zweifeln. Zum Beispiel gibt es erstaunlich viele Menschen, welche die Worte von Einzelpersonen deren Umfeld, Familie oder auch Kolleg*innen zuschreiben. „Sozialer Druck“. Dazu kommen jene, die selbst keine Briefe schreiben, aber doch antworten wollen. Was soll das denn nützen?

Ich kenne viele, die aus Angst vor sozialem Druck, vor zukünftigen Arbeitgebern, vor der öffentlichen Meinung oder dem nächsten Shitstorm lieber den Mund halten. Und wie immer erheben nur die Schlechten, Dummen, Naiven oder Arschlöcher ihre Stimme. (Wo Sie mich zuordnen ist Ihre Entscheidung.)

Jedenfalls kann ich es sehr gut verstehen, wenn man nicht mit seinem richtigen Namen bezahlen möchte. Die Folgen von sowas – auch bei Kleinigkeiten – können massiv sein. Wer wie ich eine Familie hat, die im eigenen Betrieb schuftet und so vom Wohlwollen ihrer Kund*innen abhängig ist, sollte am besten schweigen.

Gutes Deutsches Sprache (374).

Eigtl. wollte ich Beef mit jemand* anfangen, die*der sich über Verwendung der „Flüchtlinge“ und „Geflüchtete“ empörte. Aber dann hab ich doch nix abgeschickt.

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Verehrte Tagblatt-Autor*innen, liebe Lesende,

letzte Woche erreicht Dich und uns eine Bitte: „Die Redaktion möge aus dem guten deutschen Wortschatz schöpfen und keinen unsinnigen Moden hinterherlaufen.“

Genannt wurden dann „Flüchtlinge“ und „Geflüchtete“. Aber auch die Unterscheidung von „Zuhörern“ und „Zuhörende“. (Sind sie nur Zuhörer, oder Hören sie wirklich zu?)

Nun, dann nehme ick mir jetzt ma‘ den schlechten deutschen Wortschatz und answere: Ich vet nich, ob es wirklich bekannt ist, aber: Diese Sprache, das „Deutsche“, die wir hier gerade lesen, lebt. Es gibt niemand*e, welche*r vorschreiben dürfte, wie du&ick schreiben. Auch der Duden nicht! Alles nur Empfehlungen. Erweist sich ein Wort oder eine Norm als unpassend, entwickelt sich eine neue. So läuft das.
Im Gegensatz etwa zum Lateinischen, wo es einigermaßen feste Formen gibt, verändert sich diese unsere Sprache. Durch neue Produkte – etwa den Keks (ein Anglizismus!) -, oder aber auch, weil Menschen Dinge anders sagen wollen.

Eine gute Zeitung ist sich der Wirkung ihrer Worte bewusst. Würden Sie – wie noch vor wenigen hundert Jahren – von „Weibern“ reden, wenn Sie „weibliche Menschen“ meinen, würde man sie wohl zurecht missverstehen. Ebenso verhält es sich mit „Geflüchtete“ und „Flüchtling“. Hier sind schlicht unterschiedliche Assoziationen geweckt und unterschiedliche Bedeutungen intendiert.

In einem Interview in DIE ZEIT vom 25.02.16 mit der Linguistin Elisabeth Wehling behauptet diese: ‚Die Endung „-ling“ macht diese Menschen klein und wertet sie ab. Denn das Kleine steht im übertragenen Sinn oft für etwas Schlechtes, Minderwertiges. Denken Sie an „Schreiberling“ oder „Schönling“.‘

In wie weit eine möglichst eingedampfte, kleine und genormte Sprache schön sein soll, ist mir schleierhaft. Schreiben Sie bitte weiter, wie sie wollen, liebes Tagblatt. Wir wollen verstehen, was gemeint ist, nicht ein 100%-korrektes Gutdeutsch.

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Bitte, liebes Tagblatt, werfen sie den „guten deutschen Wortschatz“ weg und schreiben so, wie es Dir*Ihnen richtig erscheint. Egal ob Dialekt, Anglizismus (Keks!), irritierend gegendert (Leser*innen) oder substantiviertes Partizip Perfekt. Sprache vermittelt – auch unbewusst – Inhalte und Bedeutungen. „Weib“ ist kein neutrales Wort und Flüchtling ists – auch wenn es üblich ist – ebensowenig (männlich + „ling“ als (negative) Verkleinerung). (vgl. dazu das Interview mit Elisabeth Wehling in DIE ZEIT Nr. 10/2016)

Übrigens gibt es bereits im 19. Jahrhundert Belege für die Verwendung des Wortes „Geflüchtete“, was bedeutet, dass man den „guten deutschen Wortschatz“ wohl vor 1800 zu suchen hat. Aber dann bitte auch in Fraktur!

Die deutsche Sprache ist bunt und lebendig. Und in jeder Dönerbude höre ich ein schöneres Deutsch als bei den ewigen Sprachnörglern. Jede*r sollte so schreiben und denken, wie es zum Ausdruck und Verständnis am förderlichsten ist. Und wenn es mal nicht funktioniert, fragt man nach.

Eine Sprachzensur findet nicht statt!

Unabgeschickte Leserbriefe vor der Landtagswahl

Vor der Landtagswahl mal wieder viel geschrieben und nix abgeschickt.

Leserbriefentwurf vom 7. März 2016
Mir wird ganz anders, wenn ich die Wahlplakate der sogenannten „Alternative für Deutschland“ sehe. Dabei, behaupten sie, sind das gar nicht ihre Wahlplakate. Sie stammen stattdessen von einer annonymen Gruppe von 12 Millionären, die – natürlich nicht als Parteienspende, sondern „parteiunabhängig“ -, Werbung für die AFD machen wollen. Mir wird bei soetwas ganz Angst und Bange, wenn plötzlich Großkapital in die Meinungsmache einsteigt, und noch mehr, wenn ich das Wahlprogramm dieser Partei lese. Zwischen scheinbar vernünftigen Forderungen stehen dann Dinge wie politische Einflussnahme auf den Rundfunk, Eingriff in die Freiheit der Forschung oder ein Hartz-IV-Ersatz namens „Bürgerarbeit“, welchen man wohlwollend als 1-Euro-Jobs lesen oder ehrlicher als Zwangsarbeit verstehen kann.

Es ist natürlich völlig ok, diese Partei zu wählen, genauso wie es ok ist die Republikaner, die NPD, CDU, SPD, Linke, Grüne, FDP, ÖPNV oder irgendeine andere Partei zu wählen.

Wenn man aber protestieren möchte, wenn man „denen da oben zeigen möchte, dass man nicht zufrieden ist“, dann nützt es sehr wenig eine Partei zu wählen, die die eigenen Interessen nicht vertritt. Viel mehr – und hier haben wir in Tübingen das große Glück dank Herrn Markus Vogt – sollte man eine echte Alternative wählen. Wenn Sie die Politik der Parteien dumm finden, wenn Sie sich verarscht fühlen, dann wählen Sie nicht einfach eine andere Partei, die genausoviel Kreide frisst wie die alten. Wählen Sie Die PARTEI. Sie ist sehr gut. Und sie ist im Moment die einzige Möglichkeit, ein hörbares „Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden“ abzusenden, ohne dadurch eine blau-braune, völlig ungenießbare Suppe aufgetischt zu bekommen.

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Leserbriefentwurf vom 8. März 2016
Jugendorganisationen wahlkämpfen jetzt also im eigenen Namen. Auch wenn sie keine eigenen Kandidat*innen haben. Soso.

Die Reutlinger CDU entscheidet sich – weil keine persönlichen Aussagen über den politischen Gegner gemacht werden sollen – gegen die Negativ Kampagnie der Jungen Union.

Soviel Anstand fehlt in Tübingen leider. Dort hängen nun hübsche, grüne Plakate von angeblicher Gymnasium-Abschaffung, Ablöse Kretschmanns durch Özdemir oder Herrmann und vom Unterschied zwischen Merkel und Kretschmann und noch viel weiterer Unsinn. Das sie von der JU stammen erkennt man nur mit Lupe. Dazu hängen schon seit mehreren Wochen eigene JU-Tübingen-Plakate mit „Grün-Rot? Nein danke“, die von weitem aber mehr an REP erinnern, als an irgendwas sinnvolles.

Wenn man selbst keine Argumente hat – so mache ich das gerade ja auch – wirft man halt mit Dreck auf andere. Eine Partei, die als „christlich“ eigentlich zur Feindes-Liebe angehalten wäre, beschränkt sich auf: Die Welt geht unter, wenn die bösen bösen Grünen weiterregieren. Wir sind das kleinere Übel!!

Aus meiner Sicht hat es abgesehen von ein paar Vorteilen an der Universität – die Verfasste Studierendenschaft ist zurück und Studiengebühren weg – und ein bisschen weniger Vetterleswirtschaft – vermutlich fehlen hier noch die eigenen Strukturen – keinerlei Unterschied gemacht, wer im Land regiert. Die Bedeutung von unterschiedlichen Regierungen wird gerade im Wahlkampf deutlich überschätzt.

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Leserbriefentwurf vom 9. März 2016
Dieser Wahlkampf irritiert: Zum einen sind da die Großwahlplakate für die AFD, die nicht von der AFD stammen, sondern von einer „parteiunabhängigen“ Firma, die das ganze von „12 anonymen Millionären“ gezahlt bekommt, was dann aber natürlich keine versteckte Parteispende sei… Kann man sich nicht ausdenken, sowas.
Zum anderen tauchen gerade vermehrt Plakate in Tübingen auf, die von der Jungen Union stammen und offenbar der Dämonisierung der jetzigen Regierung dienen sollen. „Grün-Rot? Nein Danke!“ steht auf einigen. Andere Plakate immitieren teilweise die Plakate der Grünen und warnen vor Kretschmann und dessen angebliche Plänen. „Negative Campaigning“ heißt dieses Vorgehen und wird gerade da verwendet, wo man selbst so wenig Argumente hat, dass man nur den Gegner mit Schlamm bewerfen kann. Zumindest wird das mancherorts so behauptet.

Warum neuerdings auch jene Plakatieren, die weder eigene Kandidaten aufstellen noch unabhängig eine eigene Partei sind, erschließt sich mir nicht. Ein Anruf beim Ordnungsamt ergab, dass wohl auch Jugendverbände von Parteien eigene Plakate aufhängen dürfen, was spätestens zur nächsten Wahl ganz interessant werden dürfte.

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Leserbriefentwurf vom 10. März 2016
Die CDU macht mir gerade etwas Sorgen. Sie beschäftigt sich mehr damit von einer angeblichen Gefahr durch Grün-Rot zu warnen und Grün zu diskreditieren – bekanntermaßen ist wortwörtlich alles in Baden-Württemberg in den letzten Jahren wegen dieser Partei zusammengebrochen!!!1 -, als ihre eigenen sicherlich vernünftigen Positionen zu vermitteln. Statt einem vollständigen Wahlprogramm bekam ich kürzlich nur einen Apfel und zwei Flyer in die Hand gedrückt. Die beiden textarmen Infoblättchen behaupteten jeweils, „näher am Menschen“ zu sein. So nah, dass man sich fast schon bedrängt fühlt, weil Herr T. und auch die anderen Kandidat*innen überall auf uns lauern. Dazu noch ein lauwarmer Handschlag.
Von der AfD habe ich keine Stände mitbekommen – oder irgendwas im Städle. Dennoch wird sie wohl in den Landtag einziehen und große Koalitionen – bei uns Grün und Schwarz, im Bund Schwarz und Rot – auf Jahre hin als einzige Möglichkeit lassen. Wer gegen einen politischen „Filz“ die AfD wählt, stimmt dabei nicht nur für Unmengen an kaum verzehrbarer Brauer Soße, sondern auch für ein „Weiter so“ der „Altparteien“. Dabei gibt es mit „Linke“ oder „Die PARTEI“ genug Kandidat*innen, bei denen CDU, SPD und Grüne Schnappatmung bekommen. Wenn man das denn will.

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Außerdem ist OB-Wahl bei uns:

Leserbriefentwurf vom 12. März 2016
Man möchte sich ja fast ein wenig schämen, dass sich nur zwei Menschen fürs zweithöchste Amt in Rottenburg bewerben. Ist unser Städle für angehende Oberbürgermeister so unattraktiv, dass sich nur ein „Satirekandiat“ und der Amtsinhaber bewerben? Natürlich erscheint Herr S. mit seinen Ideen vom „Bollwerk gegen den Protestantismus“ und der „Mauer um Rottenburg“, als würde er Herrn N. die Redezeit stehlen. Dabei hält er uns wie ein Narr den Spiegel vor. Auf Landes- und Bundesebene sowie in direkter Nachbarschaft wird von ‚erstzunehmenden‘ Politikern von „christlichem Abendland“, „arabischstämmigen Männern“ und „Grenzen sichern“ gefaselt – aber niemand steht auf und sagt, dass uns diese Menschen mit ihrem Hass auf andere und ihrem Sch***-Populismus die Rede- und Lebenszeit stehlen.
Man muss Herr S. dankbar sein, dass er so offensichtlich Probleme und Wahrheiten über den Weg der Satire in das Bewusstsein tragen will. Herr N. sollte sich derweil Sorgen machen, weil jede Stimme, die S. am Wahlsonntag erhalten wird, eine kleine Wahrnung sind. Wir Wähler*innen nehmen das Handeln unseres Bürgermeisters ernst und lassen uns nicht veralbern. Herr N. sollte uns auch ernst nehmen, gerade auch nach dem Wahlkampf.

Das Mittelalter ist nur so einseitig, wie wir es betrachten wollen.

Beef mit dem eigenen Studienfach anfangen. Kann ich.

Leserbriefentwurf vom 26. Februar 2016.
Wurde eingereicht, aber meines Wissens nach nicht veröffentlicht. Veröffentlicht am 8. März.

Großes Lob an die Germanistik-Studierenden für die Inszenierung des Nibelungenliedes. Gleich zwei Artikel in den letzten Tagen und auch andere Medien berichteten davon. Völlig zurecht. Dennoch wird dabei immer wieder etwas suggeriert, was so nicht haltbar ist:
Auch wenn das Nibelungenlied in seiner Mittelhochdeutschen ‚Fassung‘ einen großen Wert für die Forschung hat, darf nicht vergessen werden, dass diese Sprachstufe – das „Mittelhochdeutsche“ – nur eine von zahlreichen „deutschen“ ist, die sich noch dazu in hunderte von regionalen Dialekten und Soziolekten aufteilen.

Die Germanische Mediävistik ist in Tübingen mit drei Professor_innen besetzt, dazu ein gutes Dutzend Mitarbeiter_innen und Lehrbeauftragte.
Diese Betonung aber auf EINE Mediävistik macht andere unsichtbar: Wo ist eine entsprechend große Altanglistik? Wo das mittelalterliche Latein, in dem die meisten Texte verfasst wurden? Warum wird der Skandinavistik, die ebenso in den europäischen Kontext beispielsweise des Nibelungenliedes einführen kann – die tragische Handlung um Siegfried und Kriemhild beruht auf Sigurd und Gudrún in der Völsunga saga -, die Weiterexistenz so schwer gemacht?

Von einem „Mittelhochdeutschen Mittelalter“ auszugehen ist schlicht abwegig. Das Mittelalter ist bunter als es die einseitige Betonung des Nibelungenliedes glauben machen lässt. Das bedeutet nicht, dass es oder die germanische Mediävistik schlecht seien, im Gegenteil, es bedeutet nur: Es gibt noch viel mehr zu entdecken.

Kaufladen, Samstag um 21 uhr

Es ist schon dunkel und wir haben noch nichts gekocht. Ich muss nochmal raus. Für ein Projekt fehlt eine Speicherkarte. Es ist Samstag und nur der große Kaufladen um die Ecke hat noch offen. Einundzwanzig Uhr. Irgendwas. Ich streife eine Jacke über und stapfe über den Platz, zwischen den Häuser und am Ende dieser Reihe – vielleicht fünf Minuten Fußweg – ist es auch schon. Auf dem Weg krame ich noch in meiner Tasche. Kein Geld. Bankomat, also.

Der Bankomat hier, der Kaufladen auf der anderen Seite der Straße. Es ist dunkel. Vor dem Kaufladen steht die Polizei. Zwei Einsatzwägen. Kalter Wind drückt sich durch die Windungen meines Schals. Ich warte am unteren Ende der Stufen. Der Bankomat steht oben, wie ein Fronleichnamsaltar. Ich drücke mich an die Wand, der Wind pfeift, und ich kann die Stufen noch nicht hochgehen, weil ich damit dem fremden Menschen am Automaten zu nahe käme.

Ich beobachte ein bisschen die Polizisten. Irgendwas wird ins Auto gelegt. Irgendeiner sagt, er fahre hinten mit. Eine Polizistin fragt nach Personalien. Auf der anderen Straßenseite schleicht sich eine Katze vorbei. Sie beobachtet den Verkehr, überquert die Straße, und ich verfolge sie mit den Augen. Der Wind ist mir egal, die Polizei ist mir egal, ich betrachte diese Katze und denke nur: „All cats are beautiful.“

Endlich ist der Automat frei. Zahlen tippen, Plastikkarten stecken, Papierfetzen ziehen. Im Laden. Buchstaben auf Plastik lesen. Vergleichen. Zahlen mit anderen Zahlen. Schließlich nehme ich diese Plastikscheibe, und nicht die andere. Weil die Zahl höher ist, und die andere Zahl aber nicht viel höher. Zufrieden gehe ich an die Kasse, wo die Kassiererin, die auch nur hier ist, um an Papierzettel mit Zahlen darauf zu kommen, meine Papierzettel entgegennimmt, und mir einen relativ wertfreien Papierzettel mit der Zahl darauf gibt, die ich gerade bezahlt habe.

Warum ist diese Zettelwirtschaft so wichtig, und die wunderschönen Katzen nicht? Ich stapfe zurück.