Hinterm Haus.

Schon irgendwie interessant, wie sehr doch ein namenloser schläfriger Gast der Straße, die saubere Mittelstandswelt ins Wanken bringt.

Mein Vater rief gerade bei der Polizei an, aus Sorge, der ältere Herr, der sich hinter unserem Haus auf den Boden legte, könnte in der Nacht erfrieren. Sein Hund bellte, lautstark, und dadurch wurde er erst auf ihn aufmerksam. Er musste natürlich, nach schwäbischer Tradition, das ganze Schauspiel vom Fenster aus beobachten.

„Can you stand up?“ singt Roger Waiters in dieser Sekunde.

Jedenfalls sitzen zwei Polizeibeamten jetzt unten bei dem Mann und seinem Hund. Mein Vater sagte, man könnte ihn doch nicht einfach so erfrieren lassen. Aber, eine Decke brachte er ihm nicht. Eine Heiße Milch, oder sonst irgendwas. Nein, die modernen Mittelstandsmenschen rufen die Polizei.

In meiner Negativ-Version der Vorstellung meiner Zukunft, in der ich auf der Straße lebe, da werde ich wohl häufiger auf die Sorgenlosen Menschen treffen, die mich liegen lassen, und selten auch auf Menschen wie meinen Vater, die zumindest etwas tun. Ob es wirklich „helfen“ ist, will ich nicht festsetzen.

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„Wissen Sie, Fräulein Langeweile, das einzige, das mich noch ein dieser Zukunft wirklicht stört, ist der Hund.“ „Wie meinen Sie das?“ „Nun ja“ ziehe ich die Nase hoch. „Ich bin eher der Katzentyp. Und die ganzen Verrückten mit unmengen Katzen, die haben immer Häuser. Obdachlose haben Hunde.“ „Sie hassen Hunde.“ „Ja, genau.“ „Warum siezen wir uns eigentlich?“

14 Antworten auf „Hinterm Haus.“

  1. Ist halt leider so. Aber wenn ich ehrlich bin, ich würde nicht viel anders gehandelt haben. Dahinter steckt nicht mal irgendetwas mittelständlerisches, sondern schlicht die ganzen Ängste und Klischees im Hinterkopf. Vielleicht ist er ja betrunken und macht sonst was. Oder schlimmer, er merkt sich die Nettigkeit und kommt nächste Nacht wieder. Zynisch, aber wie gesagt, ist halt leider so.

    1. Irritierend fand ich nur dieses… am Fenster stehen und glotzen. Das er ihm half, fand ich gut. Aber auf das Gaffen, wie als sei der Obdachlose ein Tier im Zoo, das hätte mein Vater sich auch sparen können.

      (Und auch den Satz, dass er einen Jungen Mann hätte liegen lassen, weil der sich um sich selber kümmern müsse…)

  2. „Mein Vater rief gerade bei der Polizei an, aus Sorge, der ältere Herr, der sich hinter unserem Haus auf den Boden legte, könnte in der Nacht erfrieren.“

    …mein erster Gedanke war auch: Wieso geht er nicht hin und schaut nach? Na wenigstens hat er den Mann überhaupt erst bemerkt. Wir hatten in den noch etwas wärmeren Monaten auch einen Gast auf der Straße, der schlief jeden Abend an der viel befahrenen Straße auf der Bank der Bushaltestelle. Ich gebe zu, dem hab ich auch nie eine Tasse Tee gebracht, war aber auch nicht nötig. So laut wie der jede Nacht geschnarcht hat ging es dem für seine Verhältnisse wahrscheinlich sogar gut. Anderer Fall war der Mann in unserem Garten, dem haben wir gerne mal Kaffee und Frühstück hingestellt – hat meist aber die Katze gefressen, also das Frühstück :)

    Ist irgendwie traurig wie ein Teil unserer Gesellschaft mit den Obdachlosen umgeht. In den Kellern der Studentenwohnheime wurden sie bis vor kurzem noch geduldet, aber sogar hier werden sie jetzt von den Wohlstandkiddies verjagt.

    1. Ich muss ergänzen, was ich im obrigen Text zwecks… naja… Dramatik… wegließ:

      Mein Vater ging zu ihm hin, und fragte, ob alles okay sei (oder was auch immer man fragt, wenn jemand hinterm Haus liegt) und bekam zur Antwort, dass er alleine austehen würde.

      Als die Polizei (inklusive Mann?) wieder weg war, behauptete ich, der Obdachlose sei der Geist der vergangenen Weihnacht gewesen und hier, um meinem Vater zu zeigen, dass er sein Leben jetzt ändern müsse…

      1. … und, hats geholfen? Ist schon eine Änderung (zum positiven natürlich) zu bemerken? In 20 Tagen ist Weihnacht, da ist ja noch etwas Zeit, falls die Wirkung des Geistes erste zeitverzögert einsetzt. :)

        1. Bisher noch nicht, aber das könnte auch daran liegen, dass der Geist der vergangenen Weihnachten – wie erwähnt – durch die Polizei abgeholt wurde. Vermutlich wiederfuhr den anderen zwei ähnliches…

        1. Ja, schon. Wobei ich sie normalerweise nicht sieze. Wäre das der normalfall, würde ich wohl nicht mehr fragen… (Toll, wieviel Interpretationsmöglichkeiten diese kurze Passage bietet)

    1. Ich hätte ihm ein Seil bringen können, damit er „das Problem“ ein für alle mal an irgendeinem Baum beheben kann.

      Bringst du alten Leuten auf der Straße Decken??

      1. Nein. Aber, wenn sie hinter meinem Haus liegen würden? Keine Ahnung, dann wohl auch nicht.
        Ich fänd’s interessant mich mit ihnen zu unterhalten, aber ob ich mich das trauen würde, bezweifle ich.

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