Der erlogene Schluckauf

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Etwas irritiert ging ich mit mir selbst ins Gericht, als ich realisierte, dass der gerade begonnene Schluckauf – „Hicks“ – nur eine selbsteingeredete Einbildung ist, und somit eine Lüge, ein Schauspiel, welches ich mir selbst vorführe, wenn mir oder meinem Unterbewusstsein wiedereinmal langweilig ist. Mit der Entlarfung dieser Schluckauflüge hörte selbiger auch unverzüglich auf. Ich begonn mich zu fragen, ob ich bei vorranggegangenen Schluckäufen wohl auch mich selbst belogen und diese nur vorgetäuscht hatte. Dieser Gedankengang führte unwiederruflich auf die Frage nach dem Plural von Schluckauf. Ist es „Schluckaufs“, „Schluckäufe“ oder gar „Schluckauf“? Laut Wikitionary gibt es kein Plural, aber Internet hat man ja nicht immer zu Hand.

Ich fragte mich auch, wie lange ich mich wohl schon derartig selbst belüge und was das über mich als Menschen aussagt, wenn ich selbst an sich natürliche Fehlfunktionen des Zwerchfells nur simuliere. Vermutlich verriet mich sogar die nicht perfekte Regelmäßigkeit der falschen, unbewusst erlogenen Schluckäufe (was sich für mich am „richtigsten“ anhört) und die anderen waren nur höfflich genug, mich nicht des Lügenschluckaufs zu überführen. Möglicherweise hat es aber auch einfach niemand interessiert. Ich fragte mich auch, wenn ich schon anfange Schluckäufe zu erfinden, wie es dann erst mit zentraleren Dingen des Lebens ist. Träume ich überhaupt oder behaupte ich das nur? Schlafe ich wirklich? Fühle ich mich wirklich schlecht, oder rede ich mir das nur ein? Wenn ich hinfalle, schürfe ich mir das Knie auf? Ich weiß, dass ich mir noch nie etwas gebrochen habe, woher weiß ich also, dass ich ein Mensch bin, dessen Knochen brechen können? Denke ich wirklich, oder rede ich mir das nur ein?

Am Ende war ich derart verunsichert, dass ich mich schon in Philip K. Dicks „Die elektrische Ameise“ wiederfand, in der Jemand feststellt, dass er ein Roboter ist, und dass seine Realität auf einem Band gespeichert ist, dass sich – auch von ihm selbst – manipulieren lässt. Woher weiß ich, dass ich nicht lieber zum Ölwechsel als zum Arzt gehen sollte? Schließlich, und das macht schon ein bisschen traurig, fehlt mir die entscheidende, menschliche Fähigkeit: Sich in andere wirklich hineinversetzen können.

Bei einem der letzten Glühbirnenlichter der müden Stadt saßen Langeweile und Beliebtsein zusammen und hörten – leise – französische Musik. „Du hast mich also all die Jahre belogen?“ fragte Langeweile mit einem halben Luftzug, um die andere Hälfte in einen leisen Seufzer zu verwandeln. „Was einige meiner Schluckäufe angeht? Möglicherweise ja.“ antwortete Beliebtsein reumütig. „Schluckaufs.“ erwiederte Langeweile. „Schluckaufens“ antwortete Beliebtsein ihr. Für einen kurzen Moment blickten die beiden sich an, ohne sich wirklich zu sehen. Aus den Lautsprechern kroch „Oh le mal au coeur“ leise und schwerfällig.

8 Antworten auf „Der erlogene Schluckauf“

  1. Der Text wirkt so extrem literarisch, daß er von Saul Bellow sein könnte (durch dessen Buch „Herzog“ ich mich gerade seit Wochen quäle!).

    War das nun ein vergiftetes Lob? :)

        1. Was ich eigentlich so mache? Ist da noch ein tieferer Sinn drin, oder einfach nur: „was machst du eigentlich so?“? Im Moment? Dieses Wochende? Diesen Monat? Dieses Quartal? Dieses Jahr? Die nächsten 10 Jahre? Ich weiß jetzt nicht genau, was ich antworten soll oder könnte. Zu viel Auswahl und Interpretationsmöglichkeiten.

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