Die Sinnlosigkeit von Strafarbeiten

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Ich habe eine recht offensichtliche Charakterschwäche: Ich bin fast niemals pünktlich. Vor allem, da ich gelernt habe, dass die ersten drei vier Minuten am Morgen sowieso für sinnfreies Gerede verschwendet werden, oder die Lehrer es selbst nicht schaffen, pünktlich zu erscheinen, erscheint mir – unbewusst – das „akademische Viertel“ – also der Unterrichtsbeginn 15 Minuten später als im Stundenplan angegeben – nur gerecht. Bedauerlicherweise – für mich – sehen Lehrkräfte eine Verspätung über längere Zeiträume nicht nur als Charakterschwäche, sondern als bewusstes Fehlverhalten an, dass man mit Strafarbeiten oder Nachsitzterminen beseitigen könnte.

Ich habe nichts dagegen, derartig bestraft zu werden für mein unbeabsichtigtes Fehlverhalten – in einer verqueren, parallelweltlichen, nur Schulangehörigen verständlichen Logik macht das ja sogar Sinn -, mich stört nur, wie dies geschieht.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will jetzt nicht darüber klagen, wie meine Schule, oder viel mehr, die mich unterrichtenden Lehrkräfte, mich zurechtweisen. Es ist nur so, ich leide, oder viel mehr leidet meine Umwelt, schon sehr lange an dieser meiner Charakterschwäche. Und ich durchlief immerhin schon eine (katholische) Hauptschule, eine (öffentliche) Berufsfachschule (Mittlere-Reife-Schule) und bin nun auf einem katholisch geführten privaten Wirtschaftsgymnasium, um dort mein Abitur zu machen. Ich weiß also ungefähr, wie die Lehrkräfte an den dortigen Schulen mit mir umgegangen sind (auch, wenn die Erinnerung immer etwas verklärt).

In der Hauptschule wurden möglichst sinnfreie, vom Unterricht unabhänige, und eher für die Lebenserfahrung nützliche Strafarbeiten erteilt. Einen philosophischen Text aus einem Buch abschreiben, alle Tische von Kaugummies befreien oder auch einen Text ins Englische übersetzen. Nie jedoch, zumindest soweit ich mich erinnern kann, wurde mir eine Aufgabe erteilt, welche mit dem aktuellen Unterricht direkt zusammenhing.

In der Berufsfachschule wurde zentral und einheitlich gehandelt. Nach einer bestimmten Anzahl an Fehlzeiten wurde ein zentral abgehaltener Nachsitztermin (immer Freitags) aufgebrummt. Fehlte man danach weiter, standen längere Nachsitztermine und schließlich Schulausschluss auf dem Speiseplan. Ich selbst erreichte nur die Nachsitzstufe, und das, obwohl ich – als es „eng“ wurde („Wenn Sie nochmal fehlen, müssen sie Nachsitzen!“) – es schaffte volle 2 Wochen zu jeder Stunde pünktlichst zu erscheinen. Am Ende musste ich aber wegen etwas anderem Nachsitzen. Wiedemauchsei.

Im Wirtschaftsgymnasium ist das wiederum anders. Es gibt weder einen zentralen Nachsitztermin oder einen festgeschriebenen Handlungsablauf, noch gibt es Strafarbeiten, die von mir als solche eindeutig erkannt werden könnten. Es handelt sich bei den „Strafarbeiten“ eher um Zusatzaufgaben, welche dem Wohl der Klassengemeinschaft dienen sollen. Zusatzaufgaben, die ich auch übernommen hätte, wenn ich nicht durch meine Charakterschwäche dazu verpflichtet gewesen wäre. In Wirtschaft, in dem sich dank Randstundendasein hauptsächlich Fehlzeiten ansammeln, erweißen sich die Strafarbeiten sogar als – erzwungene – Übung des erlernten Stoffs. Übungsaufgaben oder Unterrichtsvorbereitung, die ich auf Grund meiner weiteren Charakterschwäche – reden wir nicht lang drum herum: Ich bin faul. – wohl nie in die Hand genommen hätte, muss ich nun machen. Die eine Charakterschwäche könnte also als Lösungsansatz für die Probleme aus meiner anderen Charakterschwäche dienen.

Was für ein Unsinn! Liebe Lehrer – an anderen Schulen -, liebe Lehramtsstudenten. Schafft klare Regeln, auch, wenn Schüler eigentlich „alt genug“ sind, um eigenverantwortlich zu arbeiten. Wenn ihr erstmal eine Eigenverantwortlichkeit feststellt, sind Repressionsmaßnahmen wegen Fehlverhaltens praktisch unmöglich, ohne massiven Gesichtsverlust. Jede Drohung, ohne bei weiterem Fehlverhalten folgende Strafe, ist sinnlos. Und vor allem: Tretet Autoritär auf beim erteilen der Strafarbeiten. Die Schüler tuen ihnen keinen Gefallen, sie werden im Gegenteil bestraft. Also passen Sie ihren Tonfall an. Und, nicht zuletzt: Auch, wenn Sie ein Fehlverhalten ankotzt, sagen Sie dies nicht öffentlich, sondern reagieren Sie angemessen mit einer Strafarbeit. Merke: Wer schreit, hat keine Argumente. Tipp: Immer eine besonders sinnfreie Strafarbeit im Ordner bereithalten, die sie dem Schüler (oder der Schülerin) bei wiederholtem Fehlverhalten unverzüglich aushändigen können. Keine Diskussion, eindeutige Regeln. EDIT. Ich wollte ja keine Tipps geben….

Am Ende lernen die meisten Schüler aber eh nichts aus Strafarbeiten. Letztlich sind Sie ein Mittel, das Gesicht des Lehrers, aber auch das Gesicht des Schülers zu bewahren. Für einige Wenige, die noch nie bestraft wurden, kommt ein Abschreckungsfaktor hinzu. Aber ich glaube nicht, dass aus mir – aufgrund von Strafarbeiten und Nachsitzen – ein pünktlicher Mensch wird.

7 Antworten auf „Die Sinnlosigkeit von Strafarbeiten“

  1. Also ich komm auch ziemlich oft zu spät,aber da passiert eigentlich gar nichts. Manche Lehrer machen Einträge ins Klassenbuch, die aber nie im Zeugnis erscheinen, andere schreien rum oder behalten einen länger da, aber was ich wirklich hasse ist, wenn sie einen ne halbe Stunde vor der Tür sitzen lassen, nur weil man 1 Minute zu spät war.
    Die Schule sollte einfach später anfangen, dann würden auch nicht alle in den ersten 2 Stunden schlafen.
    rememberingme

    1. Wie süß. So habe ich auch mal gedacht, aber glaub mir: 2 Stunden später würde auch nichts bringen, und bei den Lehrern, die einen draußen sitzen lassen, bei denen lernt man mehr, weil man weiß, dass sie einen fertig machen, wenn man nicht mitmacht. Zumindest gehen meine Erfahrungen (immerhin 2 Jahre länger als deine) in diese Richtung, aber, ich möchte nicht ausschließen, dass ich mich irre.

      Schlafen bei euch nicht auch alle in den letzten zwei Stunden?

  2. Nein ehrlich gesagt sind in den letzten Stunden meistens kaum noch Leute da oder sie fallen aus – aber wahrscheinlich gilt das nur für meine komische Schule. Aber Du hast recht, wahrscheinlich wäre man 2 Stunden später genauso uninteressiert, aber vielleicht könnte man mit praktischen Fächern anfangen, denn in Mathe schläft es sich einfach zu gut!

    1. Am Besten wäre es eigentlich, jeden Tag ein Lieblingsfach zu haben, in das man gerne geht und für das man die paar Stunden Mathe gerne durchlebt. Dummerweise haben wir aber keinen Einfluss auf Stundenpläne…

      1. Ja das stimmt, wenn man weiß wofür man morgens aufsteht, kommt man auch aus dem Bett. Aber über idiotische Stundenpläne kann man auch ewig reden, oder aber man quelt sich aus dem Bett und dann fällt sowieso alles aus naja zum Glück weiß man bei Schule immer, dass es irgendwann vorbei ist egal obs danach genauso weiter geht oder nicht.

  3. Warum bemängelst du die Sinnahftigkeit der Bestrafungen in deiner Hauptschule? Kaugummis wegkratzen tut der Schule, den Schülern und dem Putzpersonal einen Gefallen, und Texte ins Englische übersetzen ist auch nicht sinnlos, denn das ist ein Skill der im regulären Unterricht eh wenig gelehrt wird. Es muss ja nicht unbedingt mit dem aktuellen Stoff in einem eurer Fächer zusammenhängen, um was dabei lernen zu können.

    Guck, in diesem Beitrag berichtest du von deinen Charakterschwächen. Die Zusatzstunden haben dich also zur Selbstreflexion gebracht, nämlich warum du so häufig nachsitzen musst. Ich sehe das als Lernerfolg an. Auch wenn du vielleicht (wie ich übrigens auch) deine Faulheit (noch) nicht gänzlich besiegen kannst, so arbeitest du wenigstens daran.

    Und wow – Unterrichtsvorbereitung als Teil der Nachhilfe? Das ist doch klasse! Willst du nicht? Dann komm pünktlicher. Wie auch immer du dich entscheidest, du kannst nur gewinnen. Nicht schlecht konzipiert von den Lehrern.

    1. Die Sinnhaftigkeit der Bestrafungen in meiner Hauptschule zweifele ich nicht an (hab jetzt aber nicht nochmal nachgelesen. Vielleicht steht in dem Text ja, dass ich die Anzweifle, wenn ja: Sorry.). Mein Problem ist: Ich erkenne das Problem, habe aber keine Lust es zu beheben, da ich weiß, dass mit dessen Behebung neue Probleme entstehen könnten. Zum Beispiel das letzte bisschen Individualität einzubüßen, weil ich nicht mehr der Zuspätkommer bin, sondern nur noch Irgendwer. Zumindest habe ich davor Angst.

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