No shoes, no shirt, no human being? – Warum wir sind, was wir tragen.

(Deutschklausur von… keine Ahnung wann. Fand ich eher so mittelmäßig, aber, naja. Nachträglich eingefügtes ist kursiv markiert.)

Wenn Steve Jobs, der Apple-Guru, mal wieder das neue „weltverändernde“ iRgendwas vorstellt, dann tritt er in Jeans, schwarzem Rollkragenpulli und gepflegtem Bart vor die sabbernde Presse. Würde Jobs wie jeder andere auch einen Anzug tragen, ich vermute, die Nonsenseprodukte aus dem Hause Apple wären nicht so begehrt. Es geht dort um Lifestyle und Statussymbole. Wessen Handy der leuchtende Apfel ziert, der ist angesagt, wer schicke Klamotten trägt, ist cool. Seit der Mensch nicht mehr in kleinen Gruppen lebt und seine sozialen Status nicht mehr durch Besiegen der schwächeren Gruppenmitglieder erkämpft, übernimmt Kleidung die wichtigste Kommunikationsaufgabe: Wer bin ich, wer bist du? Während Kleidung bis weit ins Industriezeitalter für die breite Bevölkerung hauptsächlich praktisch sein musste, ist sie heute schön, individuell, modisch, Ausstellungsfläche des Ichs, Kunstausdruck und – aber erst danach – ein Schutz gegen die kalte Außenwelt. Der Verlust der Körperbehaarung hat es notwendig gemacht, uns mit fremden Fellen zu wärmen, die Gesellschaft und ihre Wertvorstellungen hat uns einen Kleidungszwang auferlegt – „Bedecke deine Blöße“ – und die kulturelle Revolution der letzten Jahre hat uns Freiheit zurück gegeben, zu sein und zu tragen, was wir wollen.

Der Kontext bestimmt, was Kleidung bedeutet. Wenn der Gitarrist von AC/DC in Schuljungenuniform über die Bühne hüpft, ist das Rock, wenn er einige Jahrzehnte früher in dieser Uniform Fußball auf dem Pausenhof spielte, dann war das allenfalls normal. Die Hives – eine junge, aufstrebende, schick gekleidete Rock-Band – hüpft springt in Anzügen über die Bühne, hätten sie keine Gitarren umgehängt, man würde erwarten, dass sie Essen servieren in einem gehobenen Resturant. Wer in Anzug und Krawatte bei Rock am Ring im Publikum steht, ist ebenso unten durch, wie der, welcher in zerrissenen Hosen sich bei einer Bank bewirbt. Es ist eben, wie Prof. Dr. Sommer von der FH Darmstadt es einmal in einem Interview sagte: „Wir schließen von der Kleidung auf den ganzen Menschen, also von den sichtbaren Merkmalen auf andere, nicht sichtbare Merkmale.“
Er meinte auch, Kleidung signalisiere einerseits Individualität, andererseits Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Wenn ich mich so umsehe sind wir dann wohl alle Schüler. Alle tragen ähnliche Hosen, T-Shirts, einfache Schuhe, ein paar tragen Hemden, andere Pullover. Niemand trägt einen Iro, keine (und keiner) einen Minirock, niemand ist nackt oder skuril. Pinke Haare, grüne Kontaktlinsen oder zumindest Piercings findet man keine. Visual Kei, Emos oder wenigstens Punks findet man hier allenfalls als Minderheit.

Dabei werden diese – ehemaligen? – Jugendkulturen komerziell in den Markt gedrückt wie Marmelade in den Berliner (für Berliner: Pfannenkuchen). Bereits die Punkband aller Zeiten – die britischen „Sex Pistols“ – waren im Grunde nur Werbefiguren für die zerissenen Hosen und Lederjacken eines Londoner Designers.
Über die jahre lief es etwa so ab: Einige wenige „Trendsetter“ entwickeln eine neue Ausdrucksform in Kleidung, Musik oder Unterhaltung, – beim Punk wäre zum Beispiel Sid Vicious zu nennen, der lange vor der Massenbewegung in zerrissenen, verunstallteten „No“-Pink-Floyd-T-Shirts rumlief durch die Straßen zog – die dann von findigen Designern und Modelabels kopiert, massentauglich gemacht und für cool erklärt werden. Über Skandale, Prominente, Werbung oder alles zusammen wird aus der Kleidung etwas „Angesagtes“ oder gar ein Trend, der so lange vermarktet wird, bis der nächste Trend erhoben werden kann. Natürlich dürfen nur die „richtigen“ Leute diese neuen Trends tragen. Spielerfrauen wie Viktoria Beckham stellen gar eine Gefahr für Modelabels dar. Ganz schnell wird aus einem hyperangesagtem T-Shirt eine uncoole Allerweltsklamotte, die allenfalls noch ironisch getragen werden kann. Skandale sind in der heutigen Informationsgesellschaft jedoch immer schwerer zu schaffen. Außerhalb der Massenmedien und ihrer lemminghaften Jünger sind wir längst bei individuell zusammengestellter, modefreier Kleidung angekommen. noch in den 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts demonstrierten junge Frauen für das Tragen von Miniröcken – kein Witz! – und ein bärtiger nackter Mann, der durch die Hamburger Innenstadt lief, war tatsächlich ein Aufreger. Heute schaffen es nur noch nackte Prominente in die Klatschblätter, ein unbekleideter Normalbürger allenfalls in die Relionalzeitung. Proteste wegen Kleidungsstücken gaukeln uns nur noch RTL-Sendungen vor, wenn tatsächlich mal gar nicht zu berichten ist. Aber Aufregen wegen Miniröcken oder gar, weil Frauen Hosen tragen? Undenkbar. Dazu sind wir viel zu tolerant. Selbst das komplett aus Glöckchen gefertigte Kleid der isländischen Künstlerin „Björk“ vermag nicht mehr als ein „Oh, interessant“ auszulösen. Warum ist Kleidung dann so wichtig? Warum sagen 93 von 100 Jugendlichen, Kleidung sei für sie wichtig oder gar sehr wichtig? Sind es nur die kalten Winter hier in Deutschland? Wohl kaum, denn eine KiK-Jacke wärmt auch nicht schlechter als eine aus dem Hause Ralph Lauren. Es ist eher ein psychologischer Effekt. In einem Organic-Shirt mit Fair-Trade-Logo fühle ich mich einfach wohler als in einem praktisch identischen, aber – vielleicht – unter menschenunwürdigen Bedingungen genähten. Kleidung ist eben auch eine Ausdrucksform des Geistes. Kleidung ist das Zusammenspiel aus Kunst, Kultur, Gesellschaft und Konsum. Sie ist ein riesen Geschäft. sie ist… ein endloses Thema.

Seit wir keine Kanibalen mehr sind, stimmt „Du bist, was du isst“ einfach nicht mehr. Es ist eher so: Ich glaube zu sein, was ich anhabe.

6 Antworten auf „No shoes, no shirt, no human being? – Warum wir sind, was wir tragen.“

  1. Klamotten können vieles sein, auch eins meiner Lieblingsthemen. Sie können aber auch ganz einfach Estetik sein, dann kann ich es bewundern. Alles andere, kommt mir vor vie Schmincke. Und nich zuletzt, was „trage“ ich selbst, „heute“?

  2. Heute ist bei mir Anekdotentag: Ich in Schlabber-T-Shirt und etwas zu großer Cargohose am Teppichschalter der Air Berlin. Sagt die Dame doch glatt: „Sie müssen sich da drüben anstellen, hier ist nur für Kunden mit Silber- und Gold-Status.“ Ich ihr die entsprechende Karte gezeigt… „Oh, Entschuldigung, ich konnte ja nicht ahnen…“ Im Nachhinein bereue ich es, mir nicht gleich noch die Nummer ihres Chefs gegeben lassen zu haben. Das war ein eindeutiger Fall von „von der Kleidung auf den Status geschlossen zu haben.“

      1. Ich hatte. Seit die meine beiden Lieblingsflurouten eingestellt haben, komm ich nicht mehr so oft zum Fliegen. Jetzt habe ich die rote Karte. Naja, solange es nicht die Rote Karte ist… :)

  3. Bei meiner nächsten, nur annähernd ähnlichen Deuschtklausur, werde ich alles nur erdenklich mögliche aus deiner klauen und selbst verwenden.

    Danke.

    (Waren die Kommata an der richtigen Stelle?)

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