Verteidiger der Leere irren.

Schon oft habe ich versucht zu erklären, warum ich Straßenkunst – insbesondere auch „Schmierereien“, Aufkleber und Graffiti – als etwas durchaus Schönes und Bereicherndes empfinde. Man – das heißt, meine Person selbst – unterstellt mir deshalb eine ausgewachsene Angst Abscheu vor der Leere, „Horror Vacui“, wie es so schön heißt. Das mag ja durchaus stimmen, aber weniger im Recht fühle ich mich deshalb mit meiner aktuellen Meinungslage nicht. Schließlich behaupte ich, meine Meinungsgegner würden ihrerseits am „Amor Vacui“, einer übertriebenen Vorliebe für das Leere, leiden.

Es gibt beispielsweise eine Brücke in unserer Stadt, unter der zwei Wege hindurchführen, und die dort mit vielen bunten Schichten Graffiti übereinander sich immer wieder veränderte und so „lebte“. Vor kurzem wurde das Graffiti – mit unseren Steuergeldern – entfernt. Dass ich das nicht wollte, bleibt ungehört, weil die Stadtverwaltung auf der Seite der Leereliebenden steht (vielleicht aber auch, weil die Horrorvacuiisten einfach in der Unterzahl sind).

Ein anderes Beispiel sind Toiletten, die immer wieder von Schmiereien befreit – das heißt: neu gestrichen – werden. In verschiedenen „hippen“ Clubs hat man inzwischen begriffen, dass es durchaus auch zum Charakter einer Toilette beitragen kann, wenn ihre Wände von Menschen gestaltet sind, wenn „die Wände leben“. Soweit sind die meisten öffentlichen Toiletten noch nicht. Dort glaubt man immer noch die Formel: Schmiereien = Unhygienisch. Dabei sind auch die frisch gestrichenen Toilettenräume in einem der städtischen Parkhäuser keine aufsuchenswerteren Orte geworden, denn die Toiletten selbst blieben eklig-verdreckt wie zuvor.

Die Frage ist nicht, wer von beiden Gruppen letztlich Recht behält. Denn, eins muss auch ich bei aller einseitiger Argumentation eingestanden werden: Private Flächen bleiben private Flächen und trotz „Horror Vacui“ habe ich kein Recht diesen ihre Leere zu nehmen, genausowenig wie man mir vorschreiben darf, dass ich meine privaten Flächen leer zu halten hätte. Ebenso klar ist aber auch: Öffentliche Flächen gehören uns allen und Horrorvacuiisten müssen sich mit den Leerliebhabern einigen.

Zum Beispiel, in dem man einige öffentliche (gleichwertige) Flächen zum Ausleben des Gestaltungstrieb freigibt und die anderen den Leereliebenden überlässt.

Don't worry
Ohne den Kampf Leerliebhaber gegen Horrorvacuiisten müsste auch diese Wand sich nicht sorgen.

22 Antworten auf „Verteidiger der Leere irren.“

  1. Ich gehöre dann wohl auch eindeutig zu der Gruppe der Horrorvacuiisten- wobei ich nicht jedes Geschmiere wirklich befürworten kann.

    Nur wenn man sieht das sich jemand wirklich mühe gegeben hat ist doch nichts falsch daran unsere graue und geradlinine Welt etwas aufzulockern und dem ein oder anderen Passanten dadurch vielleicht ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern :)

    1. Gestern Nacht ist mir noch ein Todschlagargument eingefallen für alle Religiösen Leerliebhaber: „Hätte Gott gewollt, dass es leer bleibt – die Wände, der Boden, alles – er hätte nach dem ersten Tag mit der Schöpfung aufgehört!“ Gott ist Horrorvacuiist! Ein imaginärer Freund mehr auf unserer Seite. ;)

        1. would have made an evil one… but didnt know how… so hes sad about your emptyness… (talking in english couze its so streetart like… and hes a british clown)

    1. 98% finde ich ein wenig hoch gegriffen, aber nagut. Die Frage stellt sich, wo die Grenze zwischen Kunst und Visualisierung des Versagens ist, und ob ersteres nicht erst aus letzterem – mit viel Übung und Zielstrebigkeit – erwächst. (Außerdem würde ich ungerne auf die 2% Straßenkunst verzichten müssen).

  2. Ich weiß noch, wie ich einst die großteils weggewischten Zeichen der Kloinnentür versuchte zu entziffern, es zuerst für ein Gedicht hielt, und mir duda anschließend auch noch die mp3-Form des Liedes schickte: Such a Surge – Koma. Ich finde ein ganz überwiegender Teil der Wandmalereien sind Kunst! Auf die eine oder andere Weise.

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