Love, Faust, Proceß

Fangen wir mit einem Zitat an. Eines, dessen Quelle so bedeutend und wichtig klingt, dass man zu widersprechen sich kaum zu trauen vermag: In Goethes „Vorspiel auf dem Theater“ aus „Faust – Der Tragödie Erster Teil“ spricht die Lustige Person die weisen Worte:

„Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen;
Ein Werdender wird immer dankbar sein.“

Recht hat er (oder sie). Weiter im Text.

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Seit nunmehr unendlichen Zeiten quäle und frohlocke ich mich durch Kafkas „Der Proceß“.
Etwa bei der Hälfte des Meisterwerks festsitzend, wage ich mich dennoch, das Werk gesamt zu beurteilen, zu zerpflücken und leichtzüngig – ich bin ja jung und naiv – das Wesen und die Bedeutung des Ganzen mit anderen – von mir ungelesenen – Sachen zu vergleichen.

Kafka schrieb in einer Art Testament, man möge alle seine unveröffentlichten Schriften ungelesen verbrennen. Sein Freund und Nachlassverwalter Max Brod befolgte diese Weisung aber – zu unserem Glück? – nicht. So fanden „Der Proceß“ und zwei weitere Romane in die Hände der Öffentlichkeit – und „Der Proceß“ letztlich auch zu den Pflichtlektüren fürs Abitur 2011.

Was macht ihn so bedeutend? Warum lesen wir ein Buch, das nie die Augen eines anderen Menschen erblicken sollten? Warum lesen wir ein Buch, in dem teilweise die gleiche Rolle zwei unterschiedliche Namen trägt? Warum lesen wir ein unvollendetes Werk?

Vielleicht gerade die Tatsache, dass es unvollendet ist, macht die Geschichte rund um Josef K., all die kafkaesken (anders weiß ich es nicht zu bezeichnen) Momente, Bilder und Begebenheiten so interessant. Wir blicken hier Franz Kafka über die Schulter, blicken auf die unsortierten, unfertigen Seiten.

Es hat ein wenig von Leichenfledderei, dachte ich im ersten Moment. Wir entreißen einem großen Autor die Hoheit über seine innersten Gefühle und Gedanken. Ja, gar, wir zerpflücken, verhandeln, missdeuten sie! Douglas Adams schrieb einmal über P. G. Wodehouse: „Wenn er ein Buch schrieb, pflegte er die Seiten in geschwungenen Wellenmustern an die Wände seines Arbeitszimmers zu heften. Die Seiten, die er für gelungen hielt, pinnte er ganz oben an die Wand, die Seiten, die noch umgearbeitet werden mussten, weiter unten. Sein Ziel war das ganze Manuskript auf das Niveau der Bilderleiste zu heben, eher er es abschickte.“ Vielleicht hätte sich – derartiges Verhalten ist über Kafka nicht bekannt – der größte Teil von „Der Proceß“ noch hinter Stuhllehnen und Schreibtischen versteckt.

Dies bedeutet aber auch, anderherum gedacht, dass Kafka nicht mehr die Möglichkeit hatte, das Werk zu vollenden. Wir lesen also ein entstehendes Meisterwerk, dass unfertig nur wirklich gelungen sein kann.

2010 veröffentlichte Courtney Love – als „Hole“ – endlich wieder ein Album. Viele der Stücke konnte man sich schon – teilweise Jahre zuvor – auf ihrer MySpace-Seite anhören. Ein freundlicher Raubkopierer bastelte aus diesen einzelnen Hörproben, aus dem gerade entstehenden Album, eine Vorab-Version. Vergleicht man die Lieder draus mit denen, die auf der tatsächlichen Albenveröffentlichung Platz fanden, so denkt man – oder eher, so denke ich-, dass viele Stücke zu vollendet, zu perfekt, zu endproduziert sind. Das rohe, echte, wahre wurde der Endfertigung geopfert. Fast überladen, fast falsch wirkt das fertige Album. (Aber es ist trotzdem ein gutes Album. Nur zu fertig.)

Wäre es dem „Proceß“ vielleicht gleich gegangen? Man weiß es nicht, aber, Wenn man so zynisch sein möchte, starb Kafka gerade noch rechtzeitig, um sich nicht „Der Proceß“ nochmal vorzunehmen.

Kafkas „Der Proceß“ eröffnet uns die Welt des gerade schreibenden Autors. Noch nicht zurechtgestutzt, noch nicht massentauglich gemacht, ja, noch nicht einmal sortiert, gibt es uns Einblicke, die wir sonst nur durch einen Einbruch in Günter Grasses Privatwohnung bekommen.

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