Große, Kleine und Abstieg vom Olymp

Schuhe, Grün, Teppich

Wenn man klein ist, und die Großen einen nicht ernst nehmen, sagt man sich: „Wenn ich mal groß bin, werd‘ ich ganz anders sein.“, aber ebenso wie die schlechten Zähne werden auch das unfaire Verhalten gegenüber Jüngeren von Generation zu Generation weitergegeben.

Natürlich hat jeder wieder die historische Chance, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, aber, Trägheit, Erziehung und auch ein bisschen ein Rachegelüst (das man an den eigentlich Schuldigen nicht ausleben kann) bringen einen dann doch wieder dazu.

Ich erinnere mich noch recht gut, wie weit entfernt alle waren, die in Klassen über einem lernten. Als frischer Fünfer erschlug einen die Hauptschule, an die Abschlussklasse von damals erinnere ich mich kein bisschen. Aber ich weiß noch, wie mich ein paar aus der Klasse darunter immer ärgerten. Sie waren nunmal groß, und ich war klein. Man blickte als kleiner „Bursche“ zu den baldigen Abgängern auf, wie zu Göttern, über ihnen standen nur die Lehrer und das Himmelreich. Sie ignorierten uns, oder waren gemein. Wenn sie dann doch mal nett waren, war man selbst so überrascht, wie als hätte man gerade einen brennenden Dornenbusch… ach, das würde zu weit führen.

Jedenfalls besuche ich gerade ein dreijähriges, noch ziemlich neues Wirtschaftsgymnasium. Vor uns gab es eine Stufe, die nun schon in die Freiheit entlassen wurde, nach uns gibt es zwei Stufen. Inzwischen gehöre ich dieser höchsten Kaste, den Göttern an. Über uns steht nur noch der Himmel. Die Lehrer sind inzwischen zu priviligierten Kollegen geworden, deren Hilfe man annimmt, die man aber nicht mehr als tatsächlich „höher“ betrachtet. (Ich zumindest nicht mehr. Was nichts an meinem Respekt für selbige ändert.) Einer*, ein dicklicher, aber scheinbar netter der Frischlinge, der Eingangsklasse, derer, die so weit untern stehen, wie ich damals, die noch so viel zu lernen haben, einer dieser sprach mich an.

„Sind die coolen Aufkleber von dir?“ fragte er – fast respektlos, aber so wird das, wenn man sich überwinden muss, die Großen anzusprechen – und ich fragte ihn, „Welche Aufkleber?“, weil ich erwartete, er würde sie beschreiben. Tat er nicht. Fast verschüchtert sagte er, „Ja, egal.“ und verschwand. Danach fühlte ich mich erhaben, fühlte mich groß, oder zumindest, größer als die Kleinen. Kurz davor Goethe zu zitieren:

„Du gleichst dem Geist, den du begreifst, – Nicht mir!“

Aber irgendwo tue ich dann doch unrecht, irgendwo ist es falsch. Sollte ich mich morgen bei ihm entschuldigen? Das gliche einem „Gang nach Canossa“, einem Herabklettern vom Olymp, und soviel Anstrengung machen meine alten Knochen einfach nicht mehr mit.

*Alle Personen in diesem Blogeintrag sind frei erfunden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.