Der innere Lehrer

Ich mag es nicht, durch eigenes Nachdenken zu den Schlüssen zu kommen, die andere schon über mich zuvor beschlossen haben. Denn das bedeutet, ich muss meinem früheren Ich wiedersprechen, was bedeutet, ich muss mir wiedersprechen, – und, seien wir ehrlich – Unrecht haben habe ich nicht so gerne.

Heute morgen kam ich zu spät zum Deutschunterricht – über 10 Minuten -, weil ich verschlafen hatte. Früher kam das öfters vor, sogar ziemlich oft, sogar, eigentlich immer. Wenn ich vor dem Lehrer am Platz saß, bedeutete das, dass der Lehrer noch im Stau stand oder massiv zu spät war. Wiedermauchsei. Ich habe mich gebessert. Bis auf heute. Und vor einigen Wochen war ich auch schon einmal zu spät. Meine Deutschlehrerin wies mich dementsprechend darauf hin, dass sich das „häufen“ würde und ich doch bitte zukünftig mehr auf Pünktlichkeit achten sollte. Noch höflich ausgedrückt: Ich war angepisst. Was fiel meiner Deutschlehrerin da bitte schön ein, mir einfach vorzuwerfen, ich würde häufig zu spät zum Unterricht erscheinen, obwohl das – entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten – bisher nur 2 mal vorfiel? Weil ich etwas langsam schalte, wirkte ich auf sie wohl nur irritiert und nicht beleidigt.

Aus meiner Wut wurde im Verlauf des Tages schlechte Laune. Gründe: Alle meine Klassenkameraden haben deutlich mehr „wichtige“ Bücher gelesen, haben deutlich mehr „Leseerfahrung“, als ich. „Die Physiker“, „Die Leiden des jungen Wärter Werther“ und so weiter, sagen mir alle gar nichts. Ich bin dumm. Extrem dumm. Seufz. Anscheiend waren das alles Schullektüren. Seufz. Als ob das nicht schon genug wäre, warf man mir wegen meines Geschlechts (hihi) vor, ich hätte keine Hausaufgaben gemacht, was ich immerhin direkt kritisierte. Später kam heraus: Ich lenke meinen Nebensitzer im Wirtschaftsunterricht ab. Zum Schluß durfte ich im Sportunterricht wiedereinmal feststellen, dass ich physisch nichts kann. Der Tag zeigte also, psychisch, physisch und überhaupt allisch kann ich nichts.

Und dann läuft man gekränkt heim und schreibt einen creppy crappy Blogeintrag darüber, wie man selbst seine Wut aufgeben musste: Frau Deutschlehrerin hat Recht. Wenn man mein langfristiges Zuspätkommen die letzten Jahre mit Alkoholismus vergleicht, dann lässt sich die Aussage, auch ein kleiner Schluck Alkohol ist schon ein Rückfall auf das Zuspätkommen übertragen. Jede Sekunde, die ich vom Unterricht verpasse, ist eine Chance mehr, in abgelegte Verhaltensmuster zurückzufallen.

Nicht mal wütend sein darf ich. Scheiß verinnerlichte Autoriät.
Man sagt keine Schimpfwörter.
Seufz.

6 Antworten auf „Der innere Lehrer“

    1. OK, schlauer ist vermutlich das falsche Wort. Eher… vorbereiteter auf die Kackschulprüfungen. Übrigens habe ich jetzt mal in mein Regal gesehen, und immerhin um die 20 Bücher gefunden, die ich gelesen habe, ohne dass irgendwer sagte, dass ich das müsste.

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