Durchhalteparolen

17-07-08_174Wenn wir jungen Menschen miteinander telefonieren, dann klagen wir manchmal über unsere Stellen, über unser Leben, die Schule, die Ausbildungsstelle, unsere Freunde, über unseren goldenen Käfig aus „Wir habts ja gut, ihr seid ja noch jung!“, kurz: wir sind zufrieden, deshalb meckern wir.

Unsere Gegenüber, selbst jugendlich oder zumindest für Jugendliche verantwortlich sagen uns dann, es würde besser werden. Wir würden finden, wonach wir suchen, uns würde die Zeit zeigen, was wir werden wollen und wie das funktionieren kann. Nur den Kopf nicht hängen lassen, nur nicht aufhören zu kämpfen. Beim nächsten Praktikum bekommen wir sicher eine Festanstellung. Der nächste Arbeitsort wird weniger drakonisch, weniger zermürbend, weniger Hölle. Irgendwann wird alles wunderbar, nur noch die eine Arbeit, nurnoch ein paar Monate dort schuften. Nur noch dies, nur noch jenes.

Wir sind nicht in Stalingrad und keine Überlebenden des Untergang der Titanic, die in einem Boot hocken und hoffen, das Hilfe kommt. „Alles wird gut, sie werden uns finden, ganz bestimmt.“ Sind das nicht Lügen? Ist das nicht Betrug? Machen wir nicht uns selbst und anderen etwas vor? Stilisieren wir nicht unseren Kampf um ein würdiges Leben zum Kampf um das Leben, das Überleben selbst? Ist der Vergleich zu Stalingrad, zum Titanicuntergang, zu einer „Rette die Millionen“-Aufzeichnung nicht übertrieben? Er ist übertrieben, ist pathetisch, ebenso wie dieser Eintrag darüber.

Aber Jugend braucht Übertreibung, braucht Hoffnung, übertriebene Hoffnung heute. Es ist längst kein „Ich will Astronaut werden“ mehr, es ist ein „Ich will nicht arbeitslos werden“. Alles gerät zum Endkampf, zum „Hauptsache Arbeit“, hauptsache „irgendwie“, „irgendwo“, „irgendwas“. Uns fehlt das Gelassene, das Überzeugte, der Glauben. Hoffnung ist dem deutschen Jüngling nur noch leere Hülle, ist das Wasser, das seine Kehle befeuchtet, für einen unendlichen Marsch durch die Wüste. Hoffnung ist das Pflaster, mit dem wir unsere Stress-, unsere Angst-Wunden flicken. Und verabreicht wird Hoffnung in hohlen Phrasen, in Durchhalteparolen, die uns sagen:

„Nur noch 3 Monate zum Abitur. Du schaffst das schon.“

9 Antworten auf „Durchhalteparolen“

          1. Eine Mischung aus pauschalem „früher war alles besser,“ Alzheimer und LSD? Wäre schade, wenn’s nur ein medizinisches Phänomen gewesen wäre.

  1. Wird echt Zeit für was Neues. Mir würde es ja scon reichen einen Kanzler Cem Özdemir in Deutschland zu erleben oder wenigstens den dazu passenden Lagerwahlkampf.

    Aber wirkliche Veränderung wird dadurch auch nicht entstehen. Eine Generationen mit Hoffnungen und Träumen, die daran glaubt und die KRaft hat sie durchzusetzen, die würde ich gern sehen.

    Mit Abi zur Revolution – du schaffst das schon, DU bist Deutschland ;)

  2. alles, was man will, kann man erreichen, wenn man wirklich dahinter steht. du machst dich selber bloß gaga, wenn du immer alles versuchst objektiv zu betrachten von oben herab, aufs ganze gerichtet.
    du bist aber auch eine einzelne person. nichts ändert sich, wenn man immer bloß den pessimistischen nerv der zeit anprangert. hast du jemals versucht, dir selbst zu lauschen? verstehst du, was ich meine?

    1. Ich glaube… nicht ganz. Geht das in die Richtung „Es nützt nicht, Pessimismus anzuprangern, wenn man selber ständig so ist“? (Übrigens bin ich im realen Leben deutlich unobjektiver. Nur beim Schreiben versuche ich immer, möglichst alle Punkte neutral zu betrachten. Was, offensichtlich, immer scheitert. ;))

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.