Nette Worte ohne Inhalt

Ich gebe zu: Ein kleines bisschen verliebt bin ich schon. Nicht in meine Deutschlehrerin selbst, nur in ihren Unterricht. Offenbar beruht das jedoch nicht auf Gegenseitigkeit.

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Mit der letzten Arbeit, für die ich ungewöhlich gut vorbereitet war – es ging um den „Proceß“ – bin ich so weit abgestürzt, dass die Differenz dieser und meiner bisher schlechtesten Arbeit immer noch ein „Bestanden“ gewesen wäre. Anfangs dachte ich, nagut, die nächste wird besser. Mittlers dachte ich – etwas deprimiert -, dass ich nun meine Hoffnung auf ein Germanistik- oder anderes stark sprachbezogenes Studium eigentlich vergessen kann. Jetzt… bin ich irritiert und geistig traurig.

Ich weiß, oder viel mehr gewann ich in den letzten 2 Jahren Unterricht bei Frau Deutschlehrerin den Eindruck, dass sie, hätte sie nicht das Damoklesschwert Deutschabitur über sich, einen gleichsam lehrreichen und angenehmen Unterricht machen könnte. Aber so ist sie gezwungen, durch Themen und Lektüren zu spurten, wie es diese Werk und das Fach Deutsch einfach nicht verdiennt haben. Trotz drei Lektüren und vier weiteren Themengebieten gelang es ihr aber immer wieder, den Unterricht in einer Weise zu gestalten, dass es große Freude machte, ihn zu besuchen. Mehr noch, und wer mich kennt, weiß, wie groß dieses Lob ist: Mittwochs und Donnerstags stellte ihr Unterricht für mich den einzigen Grund dar, überhaupt morgens aufzustehen.

Und dann, mit einem mal, bricht das Glas. Sie sagt, ich würde nicht wissenschaftlich genug schreiben. Sie sagt, wie sie immer negative Sachen in schöne Worte packt – eine große Stärke der Germanisten -, ich würde zu unterhaltsam, zu leserorientiert schreiben. Ich würde viel zu weit vom Thema abdriften, müsse bei einer Interpretation sachlicher schreiben, präziser die Fragestellung beantworten. Das schlimme ist: Frau Deutschlehrerin hat Recht. Es schrieb in unzähligen Bildern, verwendete spärlich Fachbegriffe, verglich sogar etwas mit „Ghost Busters“, schrieb von „wabbernder“, von „Abzockerbanden“, von… allem, nur nicht dem Proceß. Eigentlich ein Wunder, dass sie mich nicht in die Grundschule zurückversetzt hat.

Die Bewertung war gerechtfertig, wenn nicht sogar zu gut. Mein Fall hätte tiefer sein können, hätte lehrsamer sein können. War er aber nicht. Ich schreibe immer noch – halbwegs – Leserorientiert, bin immer noch alles andere als sachlich, knapp, schreibe nicht einmal durchgehend Präsens. Aber es ist eben auch ein Stück Selbstvertrauen kaputt. Das wissen, zumindest da, in diesem winzig kleinen Bereich des Schulaltags nicht ganz mies zu sein.

Aber, wie sie sagte, besser jetzt als im Abitur.

10 Antworten auf „Nette Worte ohne Inhalt“

  1. Ich war in der elften Klasse definitiv in meinen Deutschleherer verknallt. Klar, er war 44, aber soo intelligent. Und diese Intelligenz so sexy. Und diese ganze Srakasmus/Zyniker-Sache… herrlich.

    Und ich bin ihm treu geblieben: 12 und 13 Klasse Deutsch-Leistungskurs. Nie was hervorragendes Zustande gebracht und unter jeder Klausur stand: Nicht analytisch/wissenschaftlich/kritisch genung. Und das von meinem Intelligenz-Idol. Er hat mir nichtmal das Kompliment gemacht Lerserorientiert zu schreiben.

    Der erste Akademiker der mein akademisches Herz brach. Aber er hat recht, ich bin ein Windbeutel. Aber das habe ich erkannt und werde mich dann halt kreativeren Bereichen zuwenden.

    Aber generell kreatives/leserorientiertes Schreiben ist eine Gabe. In das Schulbewertungssystem passen nicht.

    1. Danke. Ist dir dein jetziges Studium nicht mehr kreativ genug oder habe ich da was überlesen bzw. falsch verstanden? Das mit dem Kommentare analytisch/wissenschaftlich/kritisch genug lesen muss ich auch noch üben… ;)

  2. Ich lese in der Bewertung ein Kompliment nach dem anderen. Klar musst du dich auch ein wenig auf das Schulsystem zubewegen, wenn du darin bestehen willst. Lass dir deinen Stil nicht nehmen, aber beides zu können – wissenschaftlich präzis und kreativ bildhaft zu schreiben – ist nicht das Schlechteste.

  3. Auf lange Sicht helfen Dir Menschen, die kritisieren können, mehr als alle anderen. So wie ich das sehe, hat sie Deine latente Selbstkritik nur bestätigt und auf den Punkt gebracht. Oh, Überraschung! Leserorientiert und schön zu schreiben, ist halt nur die halbe Miete. Es muß auch „Butter bei die Fische.“ Inhaltsfeies Labern überlassen wir den Politikern…

  4. Ach lass dich nicht von der alten Deutschlehrerin stressen.
    Ich hatte sowas auch. Ne wahnsinnig kompetente, unterhaltsame Deutsch-LK-Lehrerin, die mir Spaß an den abwegigsten Themen der deutschen Sprache und Literatur abverlangt hat. Erfolgreich.
    Allerdings war sie auch fest davon überzeugt die Weisheit – und zwar die einzig wahre – mit jedem Reclamheft ihres Lebens in sich aufgesogen zu haben.

    Ich war mündlich super. Aber schriftlich? Zu unwissenschaftlich, zu unpräzise, zu wenig literarisches Vwerständnis und vor allem viel zu wenig Gespür für Epochen. Von einem geisteswissenschaftlichen Studium rät sie mir dringend ab. Vielleicht lägen meine Begabungen ja eher im technischen Bereich.

    Für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie das hier liest:

    Liebe Frau I.
    Ich habe vor drei Wochen mein Germanistikexamen mit einer 1,3 in Literaturwissenschaft und einer 1,7 in Sprachwissenschaft abgeschlossen. Ich werde demnächst eine mindestens genauso gute Deutschlehrerin sein wie Sie eine sind. Nur vielleicht nicht ganz so überheblich.
    Ätsch.

    (Die Botschaft ist klar, oder? ;) )

  5. (Ja. Danke danke danke schön. Über deinen Kommentar habe ich mich wirklich sehr gefreut. ;))

    (Und mehr fällt mir gerade nicht dazu ein. Ich fühl mich gerade irgendwie leergeschrieben.)

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