"Die Mehrzahl dieser modernen Bücher sind nur flackernde Spiegelungen des Heute. Das erlischt sehr rasch. Sie sollten mehr alte Bücher lesen. Klassiker. Goethe. Das Nur-Neue ist die Vergänglichkeit selbst." – Kafka

Bei einem Gespräch mit Gustav Janouch rief Franz Kafka dazu auf, mehr alte Bücher zu lesen. Die Mehrzahl moderner Bücher seien nur flackernde Spiegelungen des Heute. Weiter bezeichnet Kafka das „Nur-Neue“ als die „Vergänglichkeit selbst“.

Franz Kafka lebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, erlebte also noch den ersten Weltkrieg, nicht jedoch den Wettlauf ins Weltall. Aus seiner Sicht zählen zu den Autoren dieser „Klassiker“ vermutlich Platon, Goethe, Schiller, Lessing, Shakespeare, Kleist oder – möchte man ihm Vorraussicht unterstellen auf die Bedeutung seiner Werke – dann auch er selbst. Aus seiner Sicht könnte Dürrenmatt wiederum „neu“ sein, aus unserer Sicht wären eher Charlotte Roche, Sarrazin oder J. K. Rolling dieses „Nur-Neue“.

Möchte man diese Aussage Kafkas verstehen, hilft es neben der Zeit folgende drei Aspekte näher zu betrachten: Erstens handelte es sich im vorliegenden Zitat um ein gesprochener und erst danach verschriftlichter Gedanke. Man muss die Formulierungen also möglicherweise noch relativieren. Zweitens ist unklar, ob dies ein Seitenhieb Kafkas auf die seiner Meinung nach eher dürftigen Autoren seiner Zeit ist, oder eher der Hinweis, man könne die Größe eines Werkes erst aus der Entfernung erkennen. Drittens möchte ich nochmals besonders auf Kafkas Lebenszeit hinweisen, in der erstmals in der Geschichte der Literatur es möglciht war, so günstig Bücher zu produzieren, dass es auch durchaus möglich war, für eine geistig schlichtere Leserschaft zu veröffentlichen. Eine derartige Entwicklung, die kurzweilige Literatur auch für die breite Maße der Nicht-Intellektuellen bietet, muss, denkt der kritische Leser, dem gebildeten Kafka missfallen haben.

Auffällig ist die Feuer-Metapher. Schlüsselwörter sind „flackernd“, „erlisch[en]“ und auch „Vergänglichkeit“. Nichts geht schneller im Feuer auf als Papier. Ob Kafka damit möglicherweise auf die Bücherverbrennungen, etwa unter den Nationalisten, vorgreift? Was aber in den Feuern aufging, waren eben nicht seichte, heute-bezogene Werke, sondern große Literatur. Deutet man die Begriffe anders, so funktionieren die Bücher nicht mehr, ohne ihre Zeit.

In einem kurzen Anflug von politischem Interesse las ich einmal ein Buch namens „Die Reformlüge“. Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass ein solches Buch, dass nur die jetzige Lage wiederspiegelt, in 20 Jahren von Schülern gelesen werden wird. Kafkas „Der Proceß“ hat aber eine Bedeutung weitgehend unabhängig von seiner Entstehungszeit. Indikator dafür ist, dass auch über ein Menschenleben nach Kafka sein „Proceß“ immer noch gelesen wird. Gleich verhält es sich mit Kleists „Michael Kohlhaas“, Dürrenmatts „Der Besuch der Alten Dame“ und Goethes „Faust“. So lange die Themen der Werke bestehen – Schuld, Recht, Geld, Gewissen, Wahrheitssuche – bestehen – höchstwahrscheinlich – auch die Werke. Auch andere Literatur – etwa Jule Vernes „Von der Erde zum Mond“ – haben eine große Bedeutung erlangt und stellen mehr als „flackernde Spiegelungen des Heute“ dar.

Ich denke, Kafkas Zitat hat weitgehend seine Bedeutung verloren. In dem Artikel „Die Resource Ignoranz“, der 2010 bei Carta erschien, in dem Anhand der Bibliothek von Babel, in der jede mögliche Kombination von Buchstaben in Buchform existiert, erklärt, wie notwenig es sei, bei einer großen Informationsflut alles, außer dem tatsächlich Interessanten zu ignorieren, weil man schlicht nicht alle unsinnigen Bücher verbrennen könne, erfahren wir eine diamentral andere Herangehensweise als die Kafkas. Er stellte richtig fest, dass „Neu“ nicht als Argument für etwas gelten kann. Er ging aber noch von einer theoretisch begrenzten Informationsmenge aus. Wir müssen jedoch nur noch von einer praktischen Aufnahmebegrenzung ausgehen. Mit Niedrig-Auflagen-Druck, billigen Großauflagen und natürlich dem Internet haben die Formen von Lesbarem praktisch Unendlich erreicht.

Das Zitat hat für unsere Zeit kaum mehr Bedeutung. Es ist nicht mehr so wichtig, ob „moderne Bücher flackernde Spiegelungen“ sind, weil nur Qualitatives tatsächlich gelesen wird. Alles andere verstaubt zu recht in Bücherregalen oder leeren Blogs.

4 Antworten auf „"Die Mehrzahl dieser modernen Bücher sind nur flackernde Spiegelungen des Heute. Das erlischt sehr rasch. Sie sollten mehr alte Bücher lesen. Klassiker. Goethe. Das Nur-Neue ist die Vergänglichkeit selbst." – Kafka“

    1. Übungsklausur, hingerotzt in 2 Stunden. Echte Klausur gibts morgen 5 Schulstunden lang. Hast du – so als Beispiel – vielleicht noch etwas, was ich da hätte unbedingt rausziehen müssen aus dem Zitat?

  1. deinen bezug auf die heutige zeit halt ich für viel zu schnell und einfach abgetan. „weil nur qualitatives tatsächlich gelesen wird“ ist meines erachtens eine völlig daneben gegriffene aussage. um das zu erläutern, müsst ich aber ne ganze analyse schreiben, bin ich zu faul für xD

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