Eine Bewegung gegen den Schirm.

knitted heart
Symbolbild. Fotografin ist Marieke Kuijjer. Lizensiert unter CC-BY-SA.

Bevor ich selbst versuche, für etwas die richtigen Worte zu finden, höre ich Tocotronic, und finde meistens, was ich gesucht habe. Zum Beispiel meine Erkenntnis, dass das Internet nicht meine einzige Heimstädte ist – „Aber hier leben, nein Danke“ – und vor allem nicht bleiben soll. Drei Beispiele, wie ein erwachsener Umgang mit der heutigen Medienflut sein kann.
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1. Was anderes machen

Heuer steht Frau Kuttner mal wieder mit einem interessanten Artikel in der NEON (Coverdatum Februar 2011, Seite 112f). Sie beschreibt, wie sie ein Taxifahrer anklagte, nichts in ihrem Leben zu tun. Schreiben, ja, Auftreten, Fernsehen machen, aber nichts, wobei man was „herstellt“. Schreiben und Fernsehen und Vorlesen und Computerkrams und all das sind ja nun eher geistige oder momenthafte Tätigkeiten. Als sie dann ausstieg, fiel ihr erst ein, dass sie neuerdings strickt. Sie lesen richtig: Die Kuttnertante hat das Sticken für sich entdeckt und schreibt auf gewohnt bezaubernde weise darüber. Wie ihre Oma – und das Internet – ihr das beibrachten und wie sie ihren ersten Schal strickte – und, so sind wir jungen Leute ja – jede halbe Stunde den Fortschritt fotografierte. Auf dem ganzseitigen Bild neben dem Artikel ist Fräulein K. in ihre selbstgestrickte Decke gehüllt. Sowas hat man länger, an sowas arbeitet man länger, anders als den Auftritt oder das heute geschriebene oder gedachte Wort. Anders, als Facebook oder Twitter oder Bloggen. Stricken eben. Etwas mit den Händen, wo man die Fernsehserien mal nur „hört“.

Sie hängt an der Nadel
von Sarah Kuttner in NEON, Februar 2011.

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2. Bewusster Medien konsumieren

Bei Spreeblick wiederum schreibt Johnny darüber, wie sie in ihrer Familie Nachrichten und Musik wieder haptisch – anfassbar – gemacht haben. CDs werden gehört statt MP3-Files abgespielt. Die Kinder blättern in den Cover-Büchleins und entdecken so eine andere Welt. Eine – echte – Tageszeitung kommt jetzt täglich ins Hause Haeusler. Nachrichten werden auch wieder gesehen, gemeinsam am Fernseher, und nicht jeder einzeln vom iPhone. Damit Kultur wieder sichtbar werde. Weil Kinder auf Bäume klettern sollten, und runterfallen, bevor sie sich das erste mal mit Spammails herumärgern müssen. Ein langer, aber wunderschöner und interessanter Text, den man unbedingt lesen sollte. Allein schon wegen dem „So will ich meine Kinder – irgendwann – auch mal großziehen.“-Gefühl. Hier!

Bytes statt Billy: Wenn Kultur unsichtbar wird
von Johnny Haeusler auf Spreeblick

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3. Abwechseln

Ich für meine Teil begebe mich auch gerade wieder bewusster in eine haptischere Welt. Ich schreibe nämlich jetzt – handschriftlich. So mit Füller, Tinte und Filou-Büchlein (schwarzes Cover, unlinierte Seiten, rundes Plättchen und roter Faden zum zubinden, von Brunnen, zirka 5 Euro. Auf der ersten Seite steht: „Ich bin mir bewusst, dass diese jetzt von mir vorgelegten Informationen meinem Fall weiter schaden werden.“).

filou-buechlein

Es ist eine noch ganz neue, hoffentlich aber bleibende Angewohnheit. Ich mag es, wie sich das Papier anfühlt, wie der Füller darüber kratzt, ich mag es, dass ich mich auf das Schreiben vorbeiten muss, in dem ich am Tag tatsächlich etwas mache. Ich mag auch, dass ich Abends mich immer zwinge, noch vor dem Schlafen eine Seite vollzuschreiben. Meine Gedanken zu ordnen, einfach alles daran. Halten soll es bis zum Abitur. Als Übung fürs Denken und Schreiben, aber auch als Nachweis, dass ich auch – ein bisschen – gelernt habe fürs Abitur.

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Wie immer gibt es keinen Königsweg in ein besseres Leben, jeder muss da seinen eigenen Weg finden und gehen, und wie immer ist nicht sicher, was uns überhaupt ins Wandern brachte. Vielleicht macht uns die Onlineübersättigung bereiter für eine reale, anfassbare Welt. Vielleicht bewahren wir uns damit für unsere Gesellschaft Gewohntes. Ehemals notwendiges wird als Hobby wieder aufgegriffen und weitergemacht. Vielleicht werden wir aber auch einfach erwachsen und lernen, wie wir die Richtige Mischung aus Real- und Bildschirmwelt finden. Gut fände ich vor allem letzteres.

Und was machen Sie so besonderes abseits von Bildschirmen?

8 Antworten auf „Eine Bewegung gegen den Schirm.“

  1. Was ich mache? Auch schreiben – mit Tinte und Füller. Das ist echt edel.

    Und ich höre auch echte CDs und keine MP3s. Hab keine Verwendung für die. Am PC brauche ich keine Musik.

    Was noch nicht ganz klar wurde: Frau Kuttner – stickt oder strickt die nun? (nim deinen Links leider nicht gefolgt).

  2. Interessant, wie hier ein junger Mann in die Krise geraet mit dem Selbstverstaendnis der digitalen Welt.
    Fuer mich, der ich so meine 15Jahre aelter bin als du, ist da schon eine solche Kluft zu bewaeltigen in Sachen Selbstverstaendnis zum Digitalen, dass man immer vermutet, die noch Juengeren koennten eigentlich gar nicht mehr anders, als die ihnen zu Gebote und zur Verfuegung stehenden digitalen Mittel auch voellig unhinterfragt hinzunehmen.

    Da liest man doch ueberrascht, dass auch ihr eure Distanz sucht und findet und es euch nicht gaenzlich geheuer ist und euch nicht alles gibt, nur noch digital zu gehen. Dass der temporaere digitale Verdruss zumindest andere, bewaehrte Strategien und Kanaele der Mitteilsamkeit entdeckt und revitalisiert.

    Zurueck ins gemeinsame Boot und weg von den Altersschranken: das Digitale macht eben vieles fluechtig und unsubstantiell, weniger greifbar. Dass oben schon ein kleines Loblied der CD gesungen wird,macht vergessen, was fuer ein Ereignis erst eine Schallplatte ist mit ihrem vollen Klang und dem Kratzen der Nadel (das ja bei modernen Geraeten auch reduziert wurde), aber allein das Entkleiden des klangkoerpers (KOERPERS!) Schallplatte aus seiner Umhuellung ist eine Entdeckung und eine haptische Erfahrung, die man nicht mehr hat, wenn man bei sich 500 Alben im MP3-format fuehrt, bei der sich die Baesse anhoeren wie Handyklingeltoene.

    Thematischer Brueckenbau zum Schreiben von der Hand und mit dem Fueller:
    Ganz wie du es beschreibst ist das Kratzen der Feder auf dem Papier, der abgesetze Tintenfluss und das dahingeschriebene Wort ein schwere, und dafuer umso schaetzenswertere Errungenschaft, nicht billig klickernd wie das getippte Wort,das im Tipp-Stakkato ohne verbindenen Schreibfluss entsteht. Und auch wenn mit der Muehsal der Handschriftlichkeit das schmerzende Handgelenk einher geht, hat man doch das Gefuehl, etwas lohnt hier die Muehe. Wie seltsam es ist, wenn ich zB jetzt handschriftlich vor mir habe, wie ich vor fast 20 Jahren meine ersten philosophischen Essays zu Papier brachte, wie ich heute aus der gebrochenen Schrift noch die ganze Suche nach mir selbst herauszulesen meine. Haette ich damals schon getippt, nichts von dem wuerde mir noch vorliegen. Zudem die Sinnlichkeit des alten, schon leicht bruechigen Papiers und der schwarzen Tinte, die sich dem Papier eingebrannt hat. Das Digitale haelt nichts dergleichen parat. Handschriftlich wird Schreiben zm Ritual, zum fast meditativen Ereignis. Die Vorteile des Digitalen und des Tippens moegen fuer heute andere benennen.

    1. Vielen Dank für diesen Kommentar. Ich traue mich fast nicht, noch etwas darunter zu schreiben, aus Angst, ich könnte ihn dadurch kaputt machen… (zu spät).

      Du hast auch Plattenspieler erwähnt. Sollte ich mir irgendwann Kinder zulegen – in ferner ferner Zukunft – und denen ein bisschen Musik vermitteln (Instrumente kann ich noch nicht), würde ich wohl auch die ein odere andere Platte rauskramen, mich mit ihnen auf den Boden legen und die Töne genießen. Es ist einfach noch ein Erlebnis, auf diese Weise Musik zu hören – aber ebenso wie z.B. beim Essen gibt es den schnellen Snack zum satt werden (MP3s), das leckere Abendessen (CDs) und natürlich das Luxus-Dinner mit allem drum und dran (Schallplatten). Ich finde, man sollte alles wichtige davon mal gesehen haben.

  3. wow, toll :) ich find diese auflistung und auch deinen blog auf den ersten blick echt interessant – endlich mal wieder, ich weiß ja nicht wies dir geht mit diesem ganzen scheiß den man immer öfter lesen muss, weil man sucht ja mal wieder nach ner seite die man lesen kann. ^^ aber auch hier könnte man dann folgender weise halndeln „schnapp dirn gutes buch und mecker nicht“ ^^
    lange rede kurzer sinn: daumen hoch. (:
    gruß

  4. Danke schön für das Kompliment. Ich muss unterstreichen, dass der Eintrag hier ja schon etwas älter ist. Heute hätte ich mit Sicherheit auf QUOTE.fm verwiesen, eine Community, wo man gute Internettexte finden und teilen kann. Eine schweizer Seite – blogbibliothek.ch – hat sich den guten Texten schon länger verschrieben, schafft es aber natürlich nicht wie QUOTE.fm eine so große Bandbreite abzudecken. Es ist also längst nicht mehr so, dass man lange nach guten Texten suchen müsste. Ich denke eher, das Problem ist, sich für einen Text zu entscheiden und irgendwann vom Internet weg zu gehen…

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