Ich, der treudoofe Fernsprechteilnehmer

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Meine Mutter lehrte mich Demut, Respekt und Zurückhaltung in Situationen, in denen offenbar Andere mehr Ahnung haben als ich. Dass dies nicht so richtig funktionierte, merkt man mir zwar an, aber der eine oder andere Krümel meiner guten Erziehung ist eben doch hängen geblieben, so dass ich in wenigen Ausgewählten Situationen von meiner Misantrophobie Abstand nehme und einfach … Leute toll finde.

Zudem lehrte man mich, ebenfalls recht erfolglos, nicht vorschnell zu urteilen – insbesondere über Menschen. Daraus resultieren einige Problemchen mit Hotlines. Die Menschen am anderen Ende der Leitung können wir weder sehen noch werden wir sie jemals wieder treffen – und wenn doch, erinnern wir uns nicht. Dazu kommt, dass diese nach Plan freundlich sind und möglichst viele Anrufe tätigen müssen. Dem folgend wirken die Worte oft wie auswendiggelernt („Guten Tag mein Name ist … von …. Ich freue mich, mit Ihnen sprechen zu dürfen…“) und sowieso geht alles so schnell über die Bühne, dass man nur vor dem Hörer sitzen und sich wundern kann.

Deshalb mag ich auch Telefonieren nicht so gerne, weil die Leute dabei gerne hasten. Andererseits mag ich gemächliche Telefonate mit Freunden doch recht gerne, wenn ich mich bei einer Tasse Tee hinsetzen und gesprochene Sprache ohne jeglichen Störfaktor genießen kann. Wie gesagt: Ich will mich vorbereiten können, plötzlich angerufen werden ist deshalb auch nicht so meins. Genauso wie Überraschungsanrufe oder „spontane Treffen“.

Bei Hotlines ist das aber immer ein Gehetze. Eine sehr angenehme Ausnahme davon, und ich betone, dass ich bisher erst wenige Hotlines anrief, stellt selbige von Gruner + Jahr dar, die zwar auch unheimlich schnell sprechen, dafür aber teilweise in sympatischem, hanseatischen Plattdeutsch. Es findet dort auch nicht das klischeehafte Vollsülzen statt, zumindest wurde ich damit nicht belästigt. Ich sagte nur, was ich wollte – man hatte uns wegen einer Änderung „zu Ihren Gunsten“ an meinem Neon-Abo angeschrieben – G+J stellt auf Lastschriftverfahren um und verschenkt dafür Gratisausgaben – und das ging tatsächlich sehr einfach. Klar ist die Musik eher peinlich und ich hatte vermutlich auch nur ziemlich Glück, aber, sozial unbeholfen wie ich bin stammelte ich eine Art Kompliment am Ende des Gesprächs.

Mit Hotlines ist es – vielleicht – einfach, wie in diesem alten Sprichwort: Wie man in den Wald hineinschreit, so schallt es hinaus. Vielleicht bin ich aber auch nur ziemlich naiv, treu-doof im Umgang mit Fremden und glaube jede aufgesetzte, erlogene Höflichkeit aufs Wort. Vielleicht genieße ich es auch nur, dass Leute mal einen netten Ton anstimmen. Selbst, wenn sie dazu nur von ihrem Arbeitgeber gezwungen werden.

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