Gegen den Strom schwimmen?

(Ein Essayversuch als Hausaufgabe. Thema im Titel.)

Wenn meine Eltern mir Selbstvertrauen und Durchsetzungsfähigkeit beibringen wollten, dann hatten sie wohl eher wenig Erfolg. Umfragen sagen, Selbstvertrauen sei eines der wichtigsten Fähigkeiten, die sich Eltern von ihren Kindern wünschen. Nehmen wir die Metapher vom „Gegen den Strom schwimmen“ wörtlich, so hätte ich auch da schlechte Chancen – als Nichtschwimmer.

Doch, was bedeutet überhaupt „gegen den Strom schwimmen“? Ist das was Gutes?
Der Strom, um den es geht, hört man deutlich im englischen Wort „Mainstream“, also der Hauptströmung der Kultur, des öffentlichen und privaten Lebens, der Gesellschaft – kurz: allem -, gegen die vor allem Jugendliche und Idealisten ankämpfen und „dagegen schwimmen“. Am Anfang steht ein einfaches „Nein“, ein, wie Albert Camus schrieb „bis hier hin und nicht weiter“. Denn, bleiben wir im Bild des Flusses, so kann man erst gegen eine Strömung anschwimmen, wenn man sich zumindest ein wenig von der Quelle flussabwärts treiben ließ.

So beschreibt es auch Ursula Nuber in Psychologie Heute. Um zu erkennen, wer wir sind, müssten wir erstmal den falschen Weg weitergehen, müssten erstmal irgendwo hin, damit wir wissen, dass wir wo anders sein wollen. Aus dem sich-Autoritäten-unterwerfen der Kindertage werde ein sich-auflehnen der Adoleszenzjahre. Ohne die anfängliche Unterwerfung kann nie ein Widerstand gegen diese entstehen.

Um das Thema vollständig beleuchten zu können, sind vor allem drei Aspekte wichtig: 1. Die Innensicht. 2. Die Außensicht. 3. Die gesellschaftliche und geschichtliche Weiterentwicklung.

„Gegen den Strom“-Schwimmer werden aus der Gesellschaft allzu oft ausgeschlossen und gedemütigt. Wer anders ist – oder wer nicht-anders ist – wird oft benachteiligt und muss deshalb einen harten Kern und viel Überzeugung besitzen, um nicht den einfachen Weg mitzuschwimmen zu wählen.

Aus Sicht von Außen sind System-Gegner und Anders-Macher eine große Gefahr. Man ist sofort an Terroristen erinnert, die uns ins Mittelalter zurück bomben wollen, oder an Studentenproteste, die den Rentnern ihre Renten und den Banken ihre Rettung streitig machen wollen. Wer sich nicht anpasst, wer dagegen ist, wird heutzutage gerne als Störer, als Reformbremser, Wutbürger oder gar Staatsfeind gewertet.

Dennoch sind „Gegen den Strom“-Schwimmer für unsere Gesellschaft, für Kultur, Wissenschaft und Geschichte so wichtig wie der Cliffhanger am Ende eines Fortsetzungsromans. Denn, wenn Ideen gut sind, dann kann man sie nicht töten. Galileo Galilei beispielsweise wurde zwar für seine Ansichten verfolgt, am Ende setzen sie sich dann aber doch durch. Ähnlich verhält es sich mit den Geschwistern Scholl im Dritten Reich. Die Verwirklichung der Idee vom Ende der Nazi-Diktatur wurde von ihnen selbst nicht mehr erlebt, aber wären sie – wie viele andere – nicht gegen den brauen Sumpf angeschwommen, Deutschland wäre wohl heute noch eine Diktatur.

Damit sich ein Strom ändern kann, braucht es Mutige, die voran gehen, Mutige, die gegen die Flussrichtung schwimmen, die die Störmung am Ende vielleicht umkehren – und dafür allzu oft ihr Leben lassen.

Letztlich ist es nämlich so: Als Gesellschaft brauchen wir Andersdenkende, hassen aber auch niemand mehr als sie.
Gegen den Strom schwimmen ist also gut?

Nein. Aber auch ein bisschen ja. Oder Ja, mit einer Priese Nein. Für die „Gegen den Strom“-Schwimmer persönlich sind die Konsequenzen aus ihrem Nicht-Angepassten Handeln eher unangenehm. Wer Richtung Quelle schwimmt, und nicht als Jubelperser seinem Unterdrücker zulächelt, der hat zu oft mit insbesondere eher unfreundlichen Diktatoren Probleme. Erich Honeckers berühmtes Zitat „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ bedeutet eben auch: Wer gegen den Strom schwimmen will, dem entziehen wir das Wasser.

Eine demokratische Lösung – also eine für alle – ist „Dagegen sein“ längst nicht. Wenn zu viele „Gegen den Storm schwimmen“, erhalten wir ein Bild wie an den Zuflüssen der Bay of Fundy zur Flut. Aufgrund der hohen Tidekräfte dort dreht sich nämlich die Flussrichtung einiger Flüsse um. Wer dort weiterhin „Dagegen schwimmen“ will, muss also seine Richtung wechseln. Viermal täglich.

Es ist ein „Nicht ohne, aber auch nicht mit“ mit den „Gegen den Strom“-Schwimmer. Wir können auf ihre Veränderungsvorschläge nicht verzichten, ebenso wenig wie auf ihre Katalysatorwirkung bezüglich öffentlichen Diskussionen. Ohne das andere, erkennen wir nicht das eine. Oder den, der sich müht und kämpft und schwimmt, würden wir vielleicht nicht einmal bemerken, dass wir uns selbst im Fluss befinden.

Auf diese Weise gewinnt man selbst der altbackenen Ideen unserer Eltern noch etwas positives ab: Ihre blöden Sprüche zeigt uns, wie weit wir ihnen schon voraus sind. Denn es stimmt eben auch, was Jonathan Ive, Senior Vice President bei Apple, sinngemäß einmal sagte:
Es ist sehr leicht, anders zu sein, aber sehr kompliziert, besser zu sein.

8 Antworten auf „Gegen den Strom schwimmen?“

    1. Das die Nazi-Diktatur gefallen wäre, ist sicher. Ob uns aber die Siegermächte erlaubt hätten, wieder eine Nation zu werden, hätte es keinen Widerstand gegeben, halte ich zumindest für fraglich.

        1. Ja, ok, sie hätten uns auf jeden fall wieder erlaubt, eine wirtschaftsstarke Nation zu werden, aber… sie hätten es ihren eigenen Staaten zumindest schwieriger Vermitteln können….

          Außerdem gibt es immer Leute, denen etwas nicht passt. Etwas, komplett ohne Widerstand zu machen, ist doch ziemlich unmöglich (in einer großen Gesellschaft).

  1. Ja, wirklich gut geschrieben!

    Vor allem der letzte Satz. Es geht nicht darum, krampfhaft gegen den Strom zu schwimmen, sondern die Sitation zu verbessern. Dadurch wäre man ja besser als die, die alles so hinnehmen. Wenn man einfach nur anders sein will, muss man sich nur auffällige Klamotten anziehen. Wobei aber selbst das schon zu einem gewissen Grad anerkennenswert ist, da sich viele Leute nicht trauen würden, optisch aufzufallen und die, die es tun, sich blöde Sprüche anhören dürfen.

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