Ein Geheimnis

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Es ist nicht leicht, ein Geheimnis zu bewahren. Wir nehmen diese schwere Aufgabe dennoch wahr, um uns selbst oder anderen einen Vorteil zu sichern – oder vor einem Nachteil zu bewahren -, wir erzählen uns Geheimnisse um eine besondere Exklusivität einer Beziehung auszudrücken. Um ein bestimmtes Bild zu wahren verheimlichen wir vor unseren Eltern oder Freunden die eine oder andere Schwäche. Wir tragen geheime Passwörter, geheime PIN-Nummern und allerhand anderes heimlich in unseren Köpfen mit. Wir versuchen zu überraschen. Nicht, weil es notwendig oder besser wäre, sondern weil wir steuern wollen. Die Welt in bestimmte Schienen lenken. Wir bewahren über uns selbst einen Informationsvorsprung.

Natürlich haben diesen längst auch Firmen übernommen. Facebook weiß, was mancher nie über mich erfahren wird. Tumblr oder Blog.de kennen peinliche Geschichten und Amazon weiß vermutlich Dinge über mich, die selbst mir selbst verschlossen sind.

Geheimnisse sind für unsere Gesellschaft essenziell. Privatsphäre, das Recht sich nicht entblößen zu müssen – emotional, aber auch physisch -, wenn man das nicht möchte, macht unser Leben erst erträglich. Manche Geheimnisse, die unsere Gesellschaft schaden könnten, müssen dagegen ans Licht kommen. Kippe ich Gift – wenn auch nur versehentlich – in einen Badesee, darf dies nicht mein Geheimnis sein. Die Öffentlichkeit hat das Recht dies zu erfahren. Ist ein Politiker oder gar Richter korrupt, darf dies nicht nur unter vier Augen bekannt sein. Andererseits ist die Gefahr, die heiligste Privatsphäre einer Person der Öffentlichkeit zu präsentieren vor allem in heutiger Zeit größer als jemals zuvor. Was einmal im Internet steht, kann nie wieder gelöscht werden (außer: Es interessiert einfach niemand).

Kinder teilen Geheimnisse mit ihren Freunden, und schließen manche Menschen davon aus. „Das verrate ich dir nicht, ich habs versprochen.“ Wer ein Geheimnis anvertraut bekommt, trägt Verantwortung, ist aber auch Mitglied eines exklusiven Klubs. Einem Klub der Eingeweihten, der Wissenden – die das Wissen um etwas verbindet. Geheimnisse schweißen auch zusammen. Sie sind gesellschaftlich notwendig, um Beziehungen führen zu können. Aber, ist nicht jedes Geheimnis ein Geheimnis auf Kosten eines anderen? Tue ich nicht jemand unrecht, wenn ich etwas gerade nicht mit ihm oder ihr teile? Warum bevorzuge ich den einen Menschen durch das Teilen von Informationen, während ich die andere Person benachteilige?

Die meisten Geheimnisse sind lächerlich uninteressant. Wären sie nicht verpackt in große Schachteln der Ungewissheit, stünde auf ihnen nicht „Streng geheim“ würde sich niemand darum kümmern. Sie wären nur Informationshäppchen unter Bergen aus anderen Speisen. Von daher sind Geheimnisse auch eine Form des Selbstschutzes. Was ich nicht mit jedem teile, das bewahre ich davor, dass jeder es bewertet. Ich bewahre meine Geheimnisse vor dem vernichtenden, enttäuschenden Urteil – oder gar dem Desinteresse – der Masse, aber auch der Familie, den Freunden, den Verwandten.

Geheimnisse sind aber auch Veredelung. Welche Information mir wichtig genug ist, dass ich sie nicht blogge, nicht weitererzähle als stumpfe Anekdote, der kommt eine besondere Wertschätzung meinerseits entgegen. Im positiven wie im negativen. Geheimnisse sind etwas völlig alltägliches, dennoch außergewöhnlich.

Und wenn sie auch noch so klein und unbedeutend sind.

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