runaway train.

(Aus meinen Notizen abgetippt)

Soul Asylum ’92er Hit „Runaway train“ war ein Welterfolg. Im Video (auf tape.tv) sieht man neben der Band und einer kleinen Geschichte auch eine große Menge Bilder von vermissten Kindern und Jugendlichen. Wer eine der Personen erkannt habe möge sich bitte unter dieser oder jener Nummer melden. Typische Vermisstenanzeige eben. Im dazugehörigen Wikipediaeintrag ist – neben zahlreichen „Gefunden“-Geschichten und zusammengeführten Familien auch die ein oder andere unschöne Anmerkung. Etwa, dass Kinder tot aufgefunden wurden oder mit der Wiedervereinigung unzufrieden waren.

Es muss mehr betrachtet werden als „Die Vermisste Person soll zurückkehren“. Ich habe bisher auch nie diese Frage gestellt, aber: Ist es fair, Menschen zurückzufordern? Klar, es gibt Entführungen, Geiselnahmen, Morde und so weiter und so fort. Es gibt, dass sich Kinder nicht mehr nach Hause trauen und da ist es nur richtig, zu sagen: Wir vermissen dich und nehmen dir das nicht übel. Komm bitte wieder. Es gibt aber auch die bewusste Entscheidung eines Menschen, sein jetziges Dasein in der Hoffnung auf ein besseres Leben aufzugeben, um an anderer Stelle neu anzufangen. Welches Recht hat meine alte Welt in meine jetzige einzudringen? In wie weit dürfen Menschen, die mich kannten, die alte „heile“ Welt zurückfordern? Hat meine Familie, haben ehemalige Freunde, Verwandte, haben Menschen meiner Vergangenheit mehr Recht, mehr Entscheidungsgewalt über mein Leben als ich? Hat jede Mutter das Recht auf ihren Sohn? Wir denken – sofern sie zur Erziehung im Stande ist – ja. Und wenn der Sohn das nicht will?

Wenn Interessen sich gegenüberstehen ist jede eigene Meinung die bedeutendere. Schlichten scheint unmöglich.

Ich weiß bis heute nicht, wie ich damit umgehen soll. Nicht nur der Extremfall Ausreißer gegen Vermisser, sondern schon im ganz Kleinen. Habe ich am Dasein eines anderen Rechte, habe ich Pflichten resultierend aus den Rechten zweiter an meinem Leben? In wie weit funktionieren Beziehungen? Im Moment lebe ich ganz gut auf Basis des Angebots. Jede Geste, jede Zuneigung ist nur ein Angebot. Jede dargebrachte „Pflicht“ ist nicht mehr als Nachfrage. Es gibt keine Verpflichtung, nur Gewohnheiten. Um derartige Daueraufträge zu kündigen bedarf es mehr als „Nein“.

Aber Vermisser denken anders. Ihre „Liebe“ ist mehr als Angebot. Sie ist Pflichtkauf. Der Ausreißer, welcher sich der „Liebe“ zu entziehen versucht, muss zu seinem „Glück“ gezwungen werden. Auch mit Fotos und öffentlichen, tränenreichen Suchaufrufen. Weil aus Sicht der Vermisser ihre Gefühle, ihr Recht auf die „alte heile Welt“ mehr zählt.

Dieser scheinbare Egoismus kann man ihnen nicht mal übel nehmen. Anders würde ich auch nicht reagieren.

3 Antworten auf „runaway train.“

  1. zu deiner frage, ob es fair sei, jemanden zurückzufordern, fällt mir die frage ein, ob es fair ist, ohne eine aufklärung mittels brief, zettel, whatever, einfach abzuhauen. die unwissenheit des angehörigen ist nun mal das schlimmste.

    die mutter in 8mm will z.b. lieber wissen, falls ihre tochter tot, DASS sie tot ist, anstatt ihr ganzes leben lang nicht zu wissen, ob sie noch lebt eventuell.

    1. Heißt das, es wäre beispielsweise auch angemessen, wenn das Entlaufene Kind mit einem Brief auf den Such-Aufruf reagiert: „Ich will nichts mehr mit euch zu tun haben“? Das stelle ich mir auch… recht unschön vor.

      Aber irgendwo auch besser als die Unwissenheit… Andererseits tappen wir doch damit in die Falle „Alles eine Frage der Kommunikation“.

      1. ja, aber ich würde sagen, das müsste man dann akzeptieren. rein theoretisch. das kind wird schon selbst auf die idee kommen, was es davon hat und ob es vielleicht von selbst wieder kommt. denk ich mal. aber ich hab keine ahnung, mir ging’s ja noch nicht so.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.