It never gets old! Internet can’t be real; it never gets old!

Im Spielfilm „A Beautiful Mind“ , welcher die Geschichte des schizophrenen Mathematikers John Forbes Nash nacherzählt, gibt es diese zentrale Stelle, an der Russell Crowe eine Unterscheidungsmöglichkeit zwischen Realität und Einbildung entdeckt: She never gets old! Marcee can’t be real; she never gets old! (Sie altert nicht. Marcee kann nicht real sein, sie wird nie älter.) Zwar verschwinden in der Folge dessen die eingebildeten Figuren nicht, aber er lernt diese zu ignorieren. disco

Weniger GIFs, kein MIDI-Sound, aber immer noch Websites

Das Internet hat sich in den wenigen Jahren, seit es existiert, wesentlich geändert. Nicht nur sind die Seiten aufwendiger geworden und das Publizieren noch einfacher, mit Twitter und Facebook, mit mobilen Anwendungen hat es sich massiv gewandelt. Geocities ist längst vergessen. Selbst Blogger.com oder in Deutschland Mokono’s Blog.de sind bestenfalls noch auf dem absteigenden Ast. Was als nächstes kommt – Google+? – kann niemand mit Sicherheit sagen.

Dennoch, auch wenn sich das Netz schneller wandelt als es jede natürliche Selektion zulassen würde, bleibt es doch still. Alles, was entsteht, wird in einer Art göttlichen – d.h. programmiererischen – Allmacht erschaffen, nur durch Programmierer geändert und von allmächtigen Admins ins Nichts verbannt. Eine echte Veränderung findet jedoch nicht statt. Nur ein Austausch, eine Anpassung, eine Modifikation. Nichts natürliches, kein Verfall, keine Veränderung durch die Zeit selbst. Nur durch die Kraft und Macht der Internetgötter, der HTML-Zeilen-Schreiber und JavaScripter, nur durch die müden Kaffeeaugen und Zigarettenfinger entstehen und zerfallen Websites. Null und Eins, so lange sie gespeichert und immer wieder kopiert werden, sind jedoch unsterblich, unveränderlich.

Das Internet in seiner servergetragenen, wassergekühlten, kabelgeleiteten Unsterblichkeit ist so anders als alles andere, das existiert. Alles verändert sich. Im Großen und Ganzen trägt der Fluss zwar immer Wasser, die Berge sind schneebedeckt und die CSU regiert in Bayern, aber die Falten ihrer Wähler werden tiefer, das Bett des Flusses ändert sich, die Berge werden abgeschliffen von Schneemassen. Nichts ist ewig. Nur der Wandel.

Auch wir selbst, jeder einzelne Humanoid, verändert sich. Wir wachsen, lernen dazu, unser Wortschatz und unsere Gedankenwelt ändert sich, uns wachsen erste Graue Härchen und das Gesicht wird bald von Falten durchzogen. Am Ende landen wir in Holzkisten und werden vergraben. *(im westlichen Kulturkreis)
Im kleinen betrachtet ändert sich viel mehr und viel schneller: Unsere Stimmung, unsere Gefühle, unsere Lieblingslieder.

Nur das Internet wandelt sich nicht von selbst. Es wird mit Kraft in andere Form gepresst.

Mein Blog hat schon so nen Bart...

Das endliche Ich steht der Internet-Ewigkeit gegenüber.

Das Internet ist für humanoides Leben völlig ungeeignet. Wir sind endlich, und können mit der Ewigkeit – oder auch nur scheinbaren Ewigkeit – nicht vernünftig umgehen.

Wer immer sich als Hoffnungsbild der Christenheit die Ewigkeit an Gottes Seite sitzend ausdachte hat wohl nie in einer deutschen Behörde warten müssen. Nun, dank Internet, sitzt mein 15jähriges Ich zusammen mit jedem bisherigen Anderen in der Endlosigkeit des Netzes und versauert. Ab und an werden diese Ichs, die gleichwertig behandelt werden zu meinem Jetzigen, wiederentdeckt und für bedeutend gehalten. Was interessiert mich, was ich gestern sagte? Es gibt Politiker, die fordern aus diesem Grund, dass das Internet vergessen sollte. Patrick Breitenbach bringt es auf den Punkt: Das Internet sollte nicht lernen zu vergessen, wir sollten lernen zu verzeihen. Schon alleine, weil Null und Eins unveränderlich sind, das unbewusste Vergessen also ausschließen. Wir könnten allenfalls – wie bei 4chan – alles „alte“ überschreiben. Aber selbst das ist keine gangbare Lösung. Anstatt dem Internet unsere veralteten Regeln aufzudrängen, sollten wir nach neuen suchen, die ihm und uns gerecht werden.

Denn, so wie Russell Crowe die Figuren um ihn nur ignorieren kann, sie aber immer da sein werden, ist es auch mit dem Internet. Es wird einfach nicht verschwinden. Das Wissen Mubarack genauso wie Guttenberg und von der Leyen. Wir müssen damit leben lernen.

Père LachaisePère Lachaise

Doch wie die Ewigkeit begreifen vom Standpunkt des Endlichen?

An sich sollte es kein Problem sein. Die Menschheit hat schon so viel überstanden, dass selbst Michael Bay (Transformers III) es unrealistisch fände. Jedoch ist das Internet, wie erwähnt, anders als alles andere. Es altert nicht. Es stirbt nicht. Es lebt existiert ewig. So lange Menschen existieren, die kopieren, die Server kühlen, die das Stromnetz betreiben, wird auch das Internet existieren. Vorausgesetzt, die Menschheit stirbt nicht aus und die jetzigen Systeme bleiben bestehen, so ist das Internet unsterblich. (Und wenn die Menschheit stirbt, und damit das Internet, ist mir das ehrlich gesagt ziemlich egal.) Es steht damit im krassesten Gegensatz zum urmenschlichsten, natürlichsten Prozess – beziehungsweise Ende jedes Prozesses – dem Tod.

Das Internet ist hierfür weniger bereit als jedes Lebewesen. Es heißt: Jeder stirbt für sich allein, aber im Internet ist man nie allein. Es gibt kein einzelnes, alterndes Ich. Es gibt nur Ich-Schnipsel, Persönlichkeit-Stückchen, Internet language.

Ich zitiere einfach aus meinen Notizbuch:

Das Internet, welches so allmächtig ist und unsere Sprache und Denkwelt wohl stärker prägte und prägt als jedes Medium zuvor krank gerade an der Stelle, die das Menschlichste überhaupt ist. Zwischen Null und Eins, an und aus, ist kein Platz für Zerfall. Der Tod und als dessen Botengänger das Altern bleibt einziges Offlineüberbleibsel, das sich nicht überführen lässt. Beileidsbekundungen, das große Leiden, stirbt mit „BB“ und Lolcats. Im Internet ist dafür kein Platz. Bezeichnend das Facebook-Update einer Mutter an ihren Sohn, die „lol“ als „lots of love“ verstand: „Youre Father died this morning. Lol.“ Ein native Internet speaker muss bei dieser Formulierung böse grinsen. Tatsächlich ist es kein Fehler in der Verwendung – es ist ein Systemfehler. Informationen, Ratschläge, Lebewesen altern. So schnell wie neue Androidprodukte den Markt überschwemmen, so schnell müssen alte Foreneinträge verschwimmen, wie Buchstaben auf altem Papier. Ergebnis des unsterblichen Internets: Ich finde nur noch Infos vom letzen Jahrzehnt. Ein Haltbarkeitsdatum ist, wie erwähnt, Non-Sense. Irgendwie müssen wir lernen, unsere gesamte Historie mit uns herumzutragen. Mit Anonymität und Pseudonymen gab es immer noch den Neuanfang. In Zeiten der Social Media, geben wir entweder unsere Privatsphäre oder unsere Ehrlichkeit auf. Beides mit unliebsamen Folgen.

Das Internet zwingt uns einen Schutzmantel aus „heiler Welt“ auf, den wir immer und überall verteidigen müssen. Platz für Trennungen, Leiden, Tod ist nicht vorgesehen in der Unendlichkeit. Doch gerade das gehört zum Leben. Doch das will die Community nicht. Es ist schließlich Zeit für das nächste lustige Katzenfoto. Weil alle Daten gleich sind, kondolieren wir im selben Moment wie wir ein YouTube-Video +1en. Der Inhalt ist egal geworden. Wir Internetbürger behandeln alle Daten gleich. Egal ob ein Witz erzählt wird, ein Porno geschaut oder der beste Freund zu Grabe getragen. Alle Daten sind gleich.

Das Internet altert nicht. Es ist nicht real. Das müssen wir erstmal alle erkennen, bevor wir unseren gesamtgesellschaftlichen Wahnsinn ignorieren können.

4 Antworten auf „It never gets old! Internet can’t be real; it never gets old!“

  1. Ich glaube schon, dass Daten sterben können.

    Das Internet ist zu groß, um irgendetwas ohne Suchmaschinen finden zu können. Und die (Google) suchen nach Relevanz. Faulit, wenn du stirbst dann ein paar Jahre später auch dein Blog – denn irgendwann linkt niemand mehr hierher. Genauso wie deine Asche in deinem Holzkasten zwar noch existiert, aber von niemanden mehr erreicht wird.

    1. Vergessen werden und versterben sind aber zwei Paar Schuhe? Natürlich verlieren wir an Relevanz. Der Text da oben ist auch schon längst veraltet, aber er ist immer noch so, wie er bei seinem Entstehen war. Und in 100 Jahren – vorausgesetzt, die Technik ermöglicht immer noch die Darstellung solcher Seiten – sieht es genau so aus. Die Holzkiste dagegen, vermutlich sogar die Asche, haben sich bis dahin grundlegend geändert. Nur, weil etwas nicht mehr gefunden wird, heißt es nicht, dass es stirbt. Es ist nur einfach nicht mehr „da“.

      1. nicht mehr da sein ist im übertragenen Sinne auch sterben. Gut, ich geb zu, das ist formulierungssache. Denk aber dran, dass man im Todesfalle auch davon spricht, dass jemand „in den Herzen“ weiterlebe.

        1. Gut. Einigen wir uns darauf, dass es so eine Art Tod gibt, sowohl on- als auch offline. Jedoch bleibt der Kritikpunkt, dass Internetinhalte nicht selbst altern, sondern nur durch Neuere ersetzt werden / an Relevanz verlieren. Ich denke mal, wenigstens in dem Punkt wirst du dem Internet keine Ähnlichkeit zur Realität zusprechen wollen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.