Auf der guten Seite

don't panic

Der Kühlschrank surrt. Mit einem Kumpel unterhalte ich mich am Telefon über Norwegen. Ich erwähne den ersten Prozesstag und die Diskrepanz zwischen Anerkennung der Tat und der „Schuld“. Er ist verwundert, dass dieser Mann (wir verwendeten verschiedene Begriffe, auf die ich im Folgenden jedoch verzichten möchte) nicht erschossen wurde. Danach meint er, dass dieser Mann nie mehr frei kommen wird. Ich bin mir da nicht sicher. Rattere hohle Demokratiephrasen herunter. Es gäbe einen Rechtsstaat mit Höchststrafen und es könne durchaus sein und wäre auch richtig, dass er nach Absitzen seiner Strafe wieder frei kommt.

Er fragt mich, was ich sagen würde, wenn ich dort jemand verloren hätte. Ich lüge. Ich weiß in Wirklichkeit nicht, wie ich reagieren würde. Aber ich sage den selben Rechtsstaatunsinn wie zuvor.

Wenn schlimme Dinge geschehen, klammere ich mich an Rechtsstaatlichkeit, Grundgesetz und humanistische Gedankengänge. Meistens verteidige ich mit Worten sogar die Würde der Täter, betone, dass es sich dabei um Menschen handelt. Manchmal höre ich dann von „Gut“ und „Böse“. Ob das wirklich so trennbar existiert?

Aber ich bin müde geworden. Trage Bademantel und träge Augen. Meine Scheinargumente verlaufen im Sand. Die Leute wollen keinen Rechtsstaat, und wenn doch, dann bitte nur für die eigenen Leute. Rache, Unterhaltung und günstiges Benzin. Moral ist was für Fußgänger und ewig Gestrige.

Haben sie nicht Recht? Wird die Welt nicht vom Islam überrannt? Sind die Linken nicht das eigentliche Problem? Die Gutmenschen? Die Fahrradfahrer und Grünen-Wähler?

Ich weiß nicht. Aber noch will ich das nicht glauben. Will die Leute nicht in „Gut“ und „Schlecht“ einteilen. Will nicht einfache Wahrheiten glauben, sondern immer das Fragezeichen zulassen. Lange halte ich das vermutlich nicht aus. Ich spüre, tief in mir drin, wie ich langsam zum Bild-Denker werde. Dort wir, da unten die doofen Pleitegriechen. Glaube dem FPÖ-Mann, der nichts davon wissen will, dass Parteien wie die seinige ein integrationsfeindliches Klima schaffen. Ich merke, wie ich plötzlich einfache Lösungen will. Schwarz-Weiß-Denken. Und irgendwo noch ein Titten-Bildchen.

Noch bin ich nicht bereit dazu. Noch gären meine Gedankenzellen ohne Bild-Brennstoff. Aber ich weiß nicht, ob ich nicht irgendwann einer von ihnen werde. Mit Dauerkarte auf der „guten Seite“. Und alle anderen sind die Bösen: Die Politiker, die unverhinderbares nicht verhindert haben. Die Griechen, die den Hals nicht voll kriegen. Die Hartz-IV-Schmarotzer und Problemausländer. Und ein Doktortitel ist selbsterarbeiteter Adelstitel, und nichts Akademisches. Papier ist besser als Tagesschau-App. Sowas.

Der Kühlschrank surrt. Das Klacken der Tasten durchbricht die Nachtruhe.
An der Dunstabzugshaube hängt ein Magnet: Don’t Panic.

In Gedanken sind wir bei den Opfern und deren Familien.

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