Schönheit entsteht im Auge des Betrachters.

Dicke Regentropfen fallen bootsförmig vom Himmel. Donner durchschneidet das ruhige Zerplatzen der Tropfen auf dem Boden. Es regnet.

Eigentlich hätte ich dies schon viel früher erkennen müssen, und auch in einem völlig anderen Zusammenhang. Aber, auch, wenn diese Geschichte nicht schön ist, so handelt sie doch vom Erkennen der Schönheit. Keep staring boy, it’s okay. gab mir meine Lieblingsersatzmutter mit auf den Lebensweg. Sie sagte es damals, weil ich mich schämte, ein schönes Mädchen länger als üblich angesehen zu haben. Aber jemand genau zu betrachten bedeutet auch, die Chance zu eröffnen, dass man Schönheit erkennt.

Nun kann man sich streiten: Wir etwas erst schön, weil wir es betrachten und wahrnehmen, oder wäre etwas auch schön ohne, dass wir es bemerken? Für mich ist das Bemerken hier zentral. Egal, ob die Schönheit zuvor schon existierte, oder erst im Auge des Betrachters liegt. Ohne Betrachter ist Schönheit so bedeutungslos wie ein Universum ohne Sterne.

Regen

Foto von Markus Rödder (CC-BY-ND)

Die Regentropfen schlugen noch immer gegen unsere Scheibe. Plötzlich ein Knall. Dumpf hallt er durchs Wohnzimmer. Wie ein Wasserballon, den jemand im Regen an unser Fenster geworfen hat. Ich sehe nach.

Wir hatten schon immer ein Taubenproblem. Eine kleine, kanalrattengraue Taube sitzt auf unserem Fensterbrett. Zuerst möchte ich sie wie gewohnt verscheuchen. Aber sie hat gar keine Angst vor mir, bleibt einfach im halbtrockenen sitzen und betrachtet mich. Und wie sie mich betrachtet, bemerke ich gar nicht, dass ich das selbe tue.

Lange Federn, ein kleiner Kopf und Schnabel. Was zuerst wie eine fliegende Ratte erschien, wandelt sich mehr und mehr zu einem wunderschönen Geschöpf. Ihre Federn glänzen grau wie ein frisch gespitzter Bleistift, bereit, die Welt in Worte und Bilder zu fassen.

Ich mache ein paar Fotos von ihr. Die Szene fasziniert mich. Sie geht ein bisschen auf und ab. Scheint sich zu erholen, sich zu trocknen. Ich stehe im warmen Wohnzimmer, sie draußen im Regen. Ob sie mich in einem Glaskäfig eingesperrt sieht? Sie, die sie das Straßenleben gewöhnt ist?

Ich überlege, das Fenster zu öffnen. Aber wie würde die Taube darauf reagieren? Wie würde ich reagieren? Und, was sollte ich dann tun? Bevor ich einen Entschluss fassen kann fliegt sie majestätisch davon. Raus in den Regen. An Eleganz kaum zu überbieten.

Und ich sitze im trockenen Glaskäfig und erkenne, dass ich nur die Schönheit der Menschen in allem erkennen kann, wenn ich mir Zeit nehme, sie zu sehen.

Eine Antwort auf „Schönheit entsteht im Auge des Betrachters.“

  1. Ich würde gern kommentieren, weil ich finde, dass deine Worte es wert sind, dass man sie liest und darüber nachdenkt, mir fällt nur gerade überhaupt nichts ein, also schreib ich dir bloß, dass ich deine Worte mag und wie du denkst: Ich mag deine Worte und wie du denkst. Und jetzt habe ich mich des Konjunktivs entledigt. (:

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