Das simulierte Leben des Josef K.

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Es ist erstaunlich, welche Fortschritte die digitale Welt macht. Führte ich vor wenigen Jahren noch ausschließlich Freundschaften von Angesicht zu Angesicht, so kommuniziere ich zu einem steigenden Prozentsatz mit Menschen über das Internet. Dies führt zwangsläufig zu einer Art Turing-Test-Situation. Wie kann ich mir sicher sein, dass hinter meinem Gesprächspartner ein echter Mensch sitzt und kein automatisiertes Computerprogramm?

Unsterblichkeit durch Digital simuliertes Leben

Mspro schrieb in diesem Zusammenhang mal davon, dass die Daten, die er nun ins Netz stelle, irgendwann dazu genutzt werden könnten, ihn zu simulieren. (Ich könnte den Link jetzt raussuchen, bin aber ehrlich gesagt zu faul dazu.)

Tritt dies ein, und wir können davon ausgehen, dass sich ein solcher Computer nicht als „Guten Tag, ich bin der von einem Computer simulierte Mspro Dings“ vorstellt, ist die Grenze zwischen echtem Leben und simulierten Leben erstmals durchbrochen. Schon jetzt kann ich, wenn ich nicht von jedem die Eingabe eines CAPTCHA verlange – und selbst dabei versage ich als Mensch gerne mal und es sollte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch dieser Test keine Unterscheidung mehr bringt -, nicht mehr eindeutig sagen: Handelt es sich um einen echten Menschen, der hier twittert, oder sitze ich einem – sehr gut programmierten – Bot auf? Letztlich könnten wir schon heute, durch die Eingabe verschiedener Filter ein ganz passables Tumblr betreiben oder gar – auf Grundlage des Archivs dieses Blogs – neue Einträge erstellen.
Wut, Gedanken, Meinung, Gefühle sind – in ihrer schriftlichen Auslebung – simulierbar.

Auch positive Seiten

Jedoch darf man hier nicht nur die Gefahren sehen. Wie oft haben wir uns schon gefragt, wie würde diese oder jene Persönlichkeit wohl reagieren? Mit ausreichender Datenmenge ließen sich Handlungsprognosen erschaffen. Man könnte etwa, wenn man die wichtigsten Informationen über Franz Kafka eingibt und den Anfang des Proceß eine vernünftige Ordnung hereinbringen und die unvollendeten Kapitel zu Ende schreiben. Es ließe sich sogar die ganze Figur Josef K. simulieren. Schulkinder würden sich nicht mehr fragen: Aus welchen Gründen hat er dieses oder jenes getan. Man würde einfach den simulierten K. fragen.

Auf der anderen Seite stellt sich wieder die Frage: Wollen wir das überhaupt? Ewiges Leben, einfache Antworten, Vollendung von Unfertigem? Sind nicht gerade die Unperfektion, die Faulheit, Prokrastination, Trägheit und Unberechenbarkeit die entscheidenden Unterschiede – abgesehen von der Fähigkeit, CAPTCHAs einzugeben – zwischen Mensch und seiner digitalen Simulation?

Oberflächlichkeit kann auch ein Computer geben

Klar ist: Bei einem Großteil meiner Kontakte könnte ich keinen Unterschied erkennen, ob sich nun echt oder simuliert sind – schlicht, weil ich mit den meisten Menschen nur sehr oberflächlichen Kontakt habe -, aber bei echten Freunden, bei Leuten, die mich noch überraschen, einfach weil ich sie so gut kenne, einfach weil ich mich für sie interessiere, bei denen würde der Unterschied auffallen. (Hoffe ich.) Und diese Leute – man sagt auch „Freunde“ – sind die entscheidenden.

In einer Automatenwelt, in der die Geschäftswelt einflussreicher ist als die Kultur, in der würde uns nichts fehlen, würde der Small Talk nur noch von Computern simuliert. Oder gar, nur noch unter Computern gehalten werden. Echte Gefühle, wahre Freundschaften – was auch immer das ist – lassen sich aber bis auf weiteres nicht ersetzen.

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