Abschalten.

fernsehenneindanke

Ich schwöre dem Fernsehen nicht ab. Trotz RTL-Vorabend.

Es wird wieder eine Sau durchs Bloggerdorf getrieben. Auslöser ist ein eher unfreundlicher Beitrag im RTL-Magazin „Explosiv“ vom vergangenen Freitag (einige Quellen sprechen auch von Donnerstag). Es geht um die GamesCom und die diversen Klischees, die einige Computerspieler zu erfüllen scheinen. Wie dies gerne gemacht wird, schmeißt man alles in einen Topf, verletzt hier noch ein paar Gefühle und würzt das ganze mit einer hübschen Quotenstudentin. Der Shitstorm, der sich gerade anzubahnen scheint, wird schlimmer als die erste Staffel Dschungelcamp. Allerdings mit vertauschten Rollen.

YouTuber rufen zur Beschwerde auf. AMY&PINK wollen schon das ganze Fernsehen abschaffen. Es klingt, als würde sich Gutenberg darüber beschweren, was für Unsinn auf Steintafeln geschrieben steht. Das alte Medium verspottet seinen Nachfolger – und selbiger Jungspund hat nichts besseres zu tun, als die Seite der saarländischen Programmbeschwerde durch massenhafte Anfrage zeitweise lahm zu legen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich hätte mich auch beschwert. Ich glaube zwar nicht, dass es etwas hilft, aber nur als Masse sind wir stark. Es ist aber schon irgendwo bezeichnend für die Diskussion, dass ausgerechnet Marcel Wichmann die Stimme der Vernunft zu sein scheint. (Dem ich mich dann auch anschließen muss. Blogs wie LBCM und mich braucht kein Mensch.)

Dennoch müssen wir uns angesichts der aktuellen Fernsehlandschaft eine Frage stellen: Haben wir das Fernsehprogramm, das wir verdienen und wollen oder sind wir, was wir vorgesetzt bekommen?

Stimmte ersteres, stände es um unsere Gesellschaft schlecht. Solange Fernsehen noch Massenmedium ist, würde das bedeuten, dass die Mehrheit in unserem Lande Leute sind, die sich gerne Halbprominente beim Übergeben, völlig frei Erfundene, gänzlich überzogene Geschichten ansehen und Nachrichten bestenfalls im Boulevard-Ton sehen möchten. Eine derartige Nachbarschaft wäre ein weiterer guter Grund auszuwandern. Auf den Mond.

Würde letzteres stimmen, säßen wir einer Manipulierungsmaschine gegenüber, die fataler und schlimmer nicht sein könnte. Anstatt uns voranzubringen würden wir erstmals technische Mittel einsetzen, um uns noch dümmer und noch unfähiger zu machen. Und anders als dies bei Kinderarbeit geschah – die bekanntermaßen eingeschränkt wurde, weil das preußische Heer keine brauchbaren Rekruten mehr fand – spielt die Verdummung den Führungsriegen erst in die Hand. Wer schlechtes Schauspiel toleriert, der hat auch kein Problem mit einer lügenden Regierung. Und je länger man sich bearbeiten lässt, desto bereiter wird man, die Welt anzunehmen, wie sie einem präsentiert wird. Mit faulen Arbeitslosen, dummen Ausländern und peinlichen „Prominenten“.

Aber die Leute sehen das doch gerne.

Ein beliebtes Argument ist, dass der Erfolg ihnen recht gebe. Das ist aus mehreren Gründen falsch.

1. Die Quotenmessung bevorzugt gerade die Leute, die sich mit einfachen Inhalten berieseln lassen – und das massenweise. Dies führt einerseits zu einer Verschlechterungsspirale des Programms, weil: Leute sehen viel fern -> Doofes Zeug läuft -> Doofes Zeug ist „erfolgreich“ -> mehr doofes Zeug wird produziert -> Leute sehen immer noch viel fern

2. Ist Fernsehen eines der letzten Medien, die sich keinen genauen Zahlen, sondern lediglich Hochrechnungen stellen muss. Man stelle sich nur Quotenmessgeräte vor, die anhand einer Testgruppe auswerten, welche Webseite wie oft geöffnet wird, oder, die anhand eines Zeitungsstandes die Auflage für ganz Deutschland hochzurechnen versucht.

3. Führt zweitens letztlich dazu – weil sich Fernsehen nicht verkaufen muss, sondern auf Werbung oder Zwangsgebühren basiert -, dass gerade die seichte Kost, die man sich nebenbei gibt, hervorgehoben wird.

4. Wenn mein Vater Vorabends früher zuhause ist, sieht er auch manchmal fern. Letztlich bleibt er bei K11 oder dergleichen hängen, klagt darüber, was für ein Unsinn das sei, meint dann aber: „Es läuft ja sonst nichts.“

Warum ich trotzdem fernsehe.

Ich genieße es dennoch, nicht darüber entscheiden zu müssen, was ich will, sondern Angebote zu erhalten. Das Fernsehen wird überleben. Nicht, weil es top Qualität bietet oder dem Internet überlegen ist. Viel mehr ist es wie … Aldi. Man findet sich leicht zurecht, die Auswahl ist eher begrenzt und trotzdem findet man ohne groß überlegen und entscheiden das, was man braucht. Wenn man so will: Mangelnde Auswahl als Erfolgsrezept.

Außerdem ist es viel schwerer, vor einem Computerbildschirm einzuschlafen.

9 Antworten auf „Abschalten.“

  1. Bei Punkt 2 und 3 würde ich mal einhaken wollen.
    Die Quotenmessung ist eben pragmatisch bedingt, man kann nicht an jedes Fernsehgerät eine GfK-Box anschließen, allein schon aus Kostengründen. Hinzu kommen Leute, die über Internet Fernsehprogramme schauen. Immerhin ist das Panel der Quotenmessung repräsentativ besetzt. Das ist vielleicht nicht die optimale Lösung, aber ich finde es okay und plausibel.

    Was die Finanzierung des Programms angeht: das, was du „Zwangsgebühren“ nennt, rettet meiner Meinung nach das deutsche TV vor der vollkommenen Belanglosigkeit. Müssten ARD und ZDF sich ebenfalls ausschließlich über Werbung finanzieren, sähe deren Programm bald genauso aus wie das von RTL oder n-tv. Dank der Gebührenfinanzierung können die öffentlich-rechtlichen unabhängiger von Quoten senden.

    1. Es ist aber ein Denkfehler mit drin. Also, beim Thema Quote. Die Annahme, was viel gesehen wird, würde gerne/aufmerksam gesehen. Ich fände ein System mit Umfrage interessanter. Statt „Ich sehe das und das so und so lang“ könnte man mit Quotenmessgeräten auch messen, was wie gerne und aufmerksam gesehen wird. Eine Bewertung des Erfolgs nach schlichter Masse finde ich zu kurz gedacht.

      Und natürlich sichert das zwangsgebührenfinanzierte Öffentlich-Rechtliche Fernsehvielfalt über die Grundversorgung hinaus an. Und das schätze ich sehr (für ZAPP, Elektrischer Reporter, ZDF.neo, Arte und Tagesschau zahle ich gerne Gebühren), aber auch hier hat der Wahnsinn einzug gehalten: Sendungen werden verschoben wegen schlechter Quoten, inhaltslose Boulevardsendungen stehlen die Plätze von guten Serien und am Ende bleiben nur noch die Digitalkanäle. Warum, und das frage ich mich viel zu oft, darf ich mit meiner Gebühr nicht auch am Programm mitentscheiden? Warum gibt es keine Thementage? Warum spekuliert man darüber, was dem Zuschauer gefallen könnte, anstatt einfach mal zu fragen? Und warum gibt es oft genug Angstfernsehen auch von uns finanziert?

      1. Ich finde, dass die öffentlich rechtlichen Sender (ARD, ZDF, ORF und Co.) einen sehr guten Ausgleich zur Pro Sieben/Sat 1 Gruppe und RTL bieten.

        Ich finde klasse, dass sowohl pures Qualitätsfernsehen (Tagesschau, oder einfach auch das meiste von arte) als auch was für die Masse angeboten wird. „Sturm der Liebe“ nehm ich da einfach mal als Beispiel – das ist keine große Fernsehkunst, aber weißte was? Meine Oma ist happy damit. Und mein Vater freut sich über jeden Tatort, eine Serie von Filmen, die ich zwar nie schaue, die aber ziemlich gut sein sollen.
        Deshalb finde ich es in Ordnung, dass auch diese quotenbedingte Umstellungen machen dürfen. Sie wollen schließlich das ganze Volk ansprechen, vom Kulturgeier bis hin zur Großmutter.

        Thementage/abende gibts ja auf arte. Ich glaub so Thementage sind eher was für kleinere Sender.

        1. Pures Qualitätsfernsehen? Ernsthaft? OK, lassen wir das.

          Mit den Quoten fande ich eher problematisch, weil auf deren Grundlage auch Entscheidungen getroffen werden in die Richtung: „Wir ändern unser Programm kurzfristig, weil es nicht ausreichend Quote bringt“…

          Ist aber auch ok, dass wir unterschiedlicher Meinung sind. Bei mir hat sich halt die Erfahrung eingebrannt, dass großartige Serien (Hustle z.B.) ins Abseits gedrückt werden.

          1. Tschuldigung, mit „pures Qualitätsfernsehen“ hab ich wohl übertrieben – aber es lässt sich kaum von der Hand zu weisen, dass die Tagesschau besser ist als die Kollegen von RTL/RTL 2.

            Ich bin ja bei dir, Faulit, auch ich hab gute Serien an den Quotenteufel verloren (Flash Forward, aber vor allem Freaks and Geeks).

  2. Bin ich froh, dass ich so gut wie überhaupt nicht fern sehe. Höchstens so alle zwei Monate mal… so habe ich diesen ganzen Mist gleich komplett versäumt ;P

    Aber mal was anderes: Ich hab blog.de wieder neuentdeckt und hab deinen Eintrag gefunden und mich gefreut :D
    Ich finds klasse, dass du noch immer schreibst und trotz dieser langen Zeit auf dieser Seite, philosophischen Fragen noch nicht müde geworden bist. Wollte das nur so gesagt/geschrieben haben… ^^

  3. Eine kleine Geschichte dazu:

    Zu Beginn des neuen Jahrtausends boomten Reality-TV Shows auf den amerikanischen Netzwerken. Who wants to be a millionaire?, the bachelor, survivor, big brother, american idol und viele weitere Sendungen waren die großen Renner, während geskriptete TV-Serien immer weniger Erfolg hatten.

    Dann kam 2004 und brachte Lost und Desperate Housewives mit sich, die zwei größten Hits dieser Saison. Und plötzlich ließen geskriptete Serien wieder die Klassen klingeln, und plötzlich waren niveauvolle geskriptete Serien wieder gefragt.

    Auf diese Trendwende warte ich auch heute noch im deutschsprachigen TV – denn leider ist RTL immer noch der Quotenprimus. Immerhin sind viele US-Serien im ORF oder Pro 7 zu sehen, sodass wir immerhin ein paar Früchtchen der amerikanischen Saat ernten. Deshalb schaue ich eigentlich fast nur noch DVDs – da weiß ich, was ich hab.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.