Ich bin eine Romanfigur.

Meine Augen sind verdreht. Der Mund hängt schief. Meine Finger sind müde vom Gedankentippen. Das Bier längst leer. Plötzlich passiert nichts. Keine Musik. Keine Gedanken. Keine Worte. Nichts.
Was das wohl bedeutet?



Ich glaube, mein Leben – und auch Ihr Leben – wäre deutlich einfach, würden wir ab jetzt so leben, als wären wir Romanfiguren. Bevor Sie direkt „Moppelkotze!“ brüllen, hören Sie sich erst einmal an, wie ich diesen Schritt hin Richtung Geisteskrankheit begründe.

Es würde uns gut tun.

Anstatt unser zielloses, ereignisarmes Dasein zu füllen mit Fernsehsendungen und den Geschichten Anderer, wäre es angebracht, zukünftig sich einzureden, wir seien die Hauptfigur in einer eigenen Geschichte. Keiner selbstverfassten, aber einer mehr oder minder selbstbestimmten. Die Sorte, die sich den Autoren nach einer Schreibblockade aufdrängt, ihnen rechts und links eine scheuert und sie dann in Fingerknochen zerberstende Schreibrituale zwingt, in denen Wort um Wort, Ereignis um Ereignis innerhalb kürzester Zeit – so schnell die wiedergeborenen Autorenhände nunmal tippen können – sich aufs Papier ausrollt, wie eine Monsterwelle, unterhaltbar; eine Welle, die alles und jeden mitreißt. Stellen Sie sich vor, sie seien die Geschichte, die einem Autor zufliegt, die sich praktisch von alleine schreibt. Eine, die eher den Autor zum Getriebenen seines Werkes macht als umgekehrt.

Würden wir uns denken, wir seien eine eben solche Person, ein Romanheld, gäbe es dieses Stückchen Hoffnung, dass uns niemand nehmen könnte. Das Wissen darum, ja die Gewissheit, dass es nicht zu Ende ist, bevor es gut ist. Dass wir unser Happy End bekommen, oder eine Fortsetzung. Dass es immer weitergeht. Moment um Moment, Gedanke um Gedanke. Das Gefühl, dass das, was wir tun, einen Sinn habe. Dass wir aus unserem Leben etwas machen müssen – und können. Es gäbe kein „Das können doch nur Reiche / Rockstars / Grit“. Als Hauptfigur unserer Lebensgeschichte wären wir der Held, auf den wir jeden Tag warten.

Letztlich ist das Wissen um die eigene Wertigkeit, das Wissen, dass es weitergeht, die Hoffnung, die dem Leben Bedeutung verleiht, die wir durch unsere Selbstillusion erhalten, nichts anderes als das, woraus religiöse Menschen ihre Hoffnung ziehen. Jemand ist da. Dieser Mist hat einen Sinn. Es geht weiter. So etwas.

Letztlich wären wir glücklich mit unserer Eigenlüge.
… und ein Fall für einen guten Psychologen.

4 Antworten auf „Ich bin eine Romanfigur.“

  1. Ganz ehrlich, ich kenne Psychologen, die diese Geschichte vielleicht sogar verwenden würden, um antriebslose Menschen zu motivieren. Denn dieser Roman wäre ja nicht anders als das Leben – man selbst/die Hauptfigur kann das Leben ja auch nur größtensteils selbst bestimmen. Vielleicht wirst du ja weniger selbst verrückt, als die andere Seite ins Auge zu fassen – wobei ich persönlich Psychologen auch für verrückt halte, der Unterschied zum Patienten liegt meist nur in einem Namensschildchen begründet.

  2. Ich finde, du gibst schon auch eine gute Geschichte ab. Oft braucht man nur ein paar kleine Details dazuerfinden, und voila, hat man eine sehr schöne Geschichte mit Aussagekraft.

    Deinen Roman kannst nur du erzählen, Faulit. Der Roman über deine Jugend ist ein spannender, ich schlage deine Rede beim Scheffelpreis als Klimax vor. (Die Rede selber kann man dann ja noch umdichten, ein klein wenig, um möglichst viele Problempunkte des Romans darin zu verarbeiten. Übrigens, wo ist die überhaupt? Hab grad im Notizenblog und faulitblog gesucht, sie aber nicht mehr gefunden!)

    Denn genau wie ich (und vielleicht die meisten Jugendlichen) hattest auch du mit deinen eigenen Dämonen zu kämpfen.

    Ich hadere derzeit eigentlich damit, dass meine eigene Geschichte zu gut ist. Ich würde so gern einen Roman drüber schreiben, will aber nicht über mein eigenes Leben schreiben – und eine bessere Geschichte fällt mir nicht ein.

    1. (Da.)

      Ich möchte meinen Roman nicht erzählen. Ich möchte ihn in meinem Herzen bewahren. Es ist nur schön, die Vorstellung zu bewahren, dass das Leben einen Sinn haben könnte. Selbst, wenn es nur um eine gute Pointe gehen sollte…

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