Generation Anthropophobie

Anm. Schreibe ich hier von „meiner Generation“, so meine ich nicht die zeitlich meinem Jahrgang zugeordneten Personen, sondern meiner Lebensweise und Kultur ähnlichen Personen im Gegensatz zu den „Erwachsenen“ und anderen Personengruppen. Es geht hier also nicht um eine Zeitgruppe, sondern um eine Lebensweisen-Gruppe.

forever... alone.

Mein Vater hat mit Computern praktisch nichts mehr zu tun. Rechnungen schreibt meine Mutter. Die Firmenmailadresse verwaltet sie ebenfalls. Spricht er einmal selbst von „E-Mails“ klingt es nach einer längst verschollenen Indio-Kultur, und nicht nach einem Kommunikationsmittel. Vor 20 Jahren muss er jedoch zu den Visionären gehört haben. Hatte Datenverarbeitung in seiner Meisterschule. Echtes Programmieren, kein Zusammengoogeln von irgendwelchen HTML-Zeilen. Ich habe großen Respekt vor meinem Vater.

Als Computer noch Kommunikation bedeuteten

Es muss eine aufregende Zeit gewesen sein, als es noch kein Datennetz voller toter Informationen gab. Als man noch mit Leuten sprechen musste, mit Systemadmins, Lehrkräften. Als man noch zum Mond flog.Die heutige Zeit – obwohl sie uns soviel Möglichkeiten bietet – hat uns kommunikationsfaul gemacht. Hat mein Vater ein Problem, fragt er einen Freund oder Nachbar. Ich frage Google.

Menschenscheu ist meine Generation hinter all ihren Bildschirmen geworden. Nur noch Supermarktkassierer, Briefträger und die Damen von der Support-Hotline reden heute noch mit uns. Alle anderen wurden durch Maschinen ersetzt. Ein Philip-K.-Dick-scher Alptraum.

Indiz ist schon die Selbstverständlichkeit, mit der Stellenausschreibungen „Teamfähigkeit“ erbetteln müssen: Wir sind zu Schroedingers Katzen mutiert. Alle samt. Schroedinger Generation. Vereinzelt. Vereinsamt. Gefangen in unserer engen Kiste. Versteckt hinter Mauern aus Servern. Ob tot oder lebendig erkennt man nur, wenn man uns hervorholt. Twitterfeeds sind längst austauschbar geworden, so dass sie kein Lebensindiz mehr sein können.

„Haben Sie es schon mit aus- und wieder einschalten probiert?“

Einzig der indische Lieferjunge würde unseren Tod erkennen am Einbrechen seiner Einnahmen. Und vielleicht ein namenloser Techniker in den Servicewüsten der Telekom, der das Einbrechen des Datenvolumens in unserem Heimnetzwerk erkennen würde.

Meine Generation ist vereinsamt. Facebook, Google+ und Twitter können darüber nicht hinwegtäuschen. Es gibt nur noch Bekannte, aber keine Freunde mehr. Niemand, der beim Umziehen helfen würde oder einem bei einem Todesfall trösten könnte. Aber hunderte, die ihre blöden Facebook-Kommentare zu einem austauschbaren Urlaubsfoto abgeben. John Doe gefällt das. Fick dich, John Doe. Du bist nur ein Platzhalterfreund.

„Hilf mir mal, bitte.“

Neulich – und deshalb habe ich mir letztlich all diese Gedanken gemacht – hatte mein Vater auf dem Markt ein Problem mit seinem alten Nokiahandy. Die Sim-Karte macht Probleme und die Rückseite ließ sich nicht mehr abnehmen. Ich sollte zu ihm kommen und ihm helfen. Um ehrlich zu sein: Ich habe keine Ahnung und diese Dinger noch nie geöffnet bekommen. Glücklicherweise fragte er seinen Standnachbarn und langjährigen Freund, der innerhalb kürzester Zeit das Handy wieder zum Laufen brachte.
Ich hätte es zum Fachhändler bringen müssen, mich entschuldigen und nach etwa der zehnfachen Zeit wäre das Problem ebenfalls behoben.

Hier wird der Unterschied erschlagend deutlich: Heute brauchen wir keine Freunde mehr, die uns helfen. Weil wir mit Internet und Fachkräften alle Informationen zur Hand haben, die wir bekommen könnten. Nur, und darin liegt das große Unglück meiner Generation begründet, bedeutet die mangende Notwendigkeit sich Freunde und Partner zur Problemlösung zu suchen eben auch, keine Freunde und Partner zur Problemlösung zu haben.

Verdammte computerisierte Generation Anthropophobie.

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Nachrede: Möglicherweise bedeutet diese Loslösung des Freundschaftsbegriff vom Problemlösen auch, dass zukünftig wir nur noch mit Leuten Zeit verbringen, mit denen wir das wirklich möchten. Das bedeutet eventuell das Ende der klassischen Nachbarschaft, bietet aber auch die Chance, Menschen zu treffen und mit Menschen Zeit zu verbringen, mit denen sich das wirklich lohnt. Freunden eben.

4 Antworten auf „Generation Anthropophobie“

  1. Andere Seite ist: Man kann mit Leuten befreundet bleiben auch wenn sie ans andere Ende der Welt ziehen. Man kann mit Ihnen abends ein Bier trinken über Skype, sie täglich hören/sehen/mit ihnen schreiben. Natürlich ist das nicht das gleiche. Man kann sich nicht in den Arm nehmen, man sieht sich eben nicht „richtig“. Aber doch wohl alle mal besser, als sich nur Briefe zu schicken. Ich glaube früher war die Entfremdung da dann viel größer.

    Des Weiteren glaube ich, dass bereits mit der Verherrlichung des Kapitalismus und des Strebens nach „der Beste sein“, „das Meiste haben“, mit dem Prozess der die Gierigkeit der Menschen nicht als verwerflich sondern als normal klassifizierte, dass mit all diesen Dinge so etwas wie Nachbarschaft bereits zum aussterben verurteilt war. Selbst wenn es kein Internet gäbe, würden sich die Leute nicht helfen. Jeder guckt nur, wie es ihm am besten geht und versucht seinen Besitz zu maximieren. Natürlich kann das Reziprozitätsprinzip dabei helfen, aber man kann auch ohne selbiges weit kommen. Heute kann man ja alle Hilfe kaufen, ist halt nicht mehr wie früher, wo das Überleben davon abhing, dass da noch andere Leute waren. Nur deswegen gibt es dieses Prinzip ja überhaupt.

    Dennoch gibt es ebenfalls tief im Menschen das Anschlussmotiv, eine treibende Kraft, die einzig und allein dazu führt mit anderen in Kontakt zu treten und sie kennenzulernen und den Kontakt zu halten, obwohl man außer dem Kontakt nichts von Ihnen hat.

    1. Heißt das jetzt: Die Freunde, die wir haben, können wir leichter behalten? Es mag sein, dass der Kapitalismus letztendlich Schuld ist, dass Nachbarschaft und ähnliches nicht mehr funktioniert. In eher Einkommensschwachen Gegenden wie meiner hätte es aber weiterhin Nachbarschaftszusammenhalt geben müssen, wenn es nicht eine Art „Onlinezusammenhalt“ gäbe. (Der Unterschied ist eigentlich nur, dass es nicht mehr wechselseitig sein muss.)

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