Das Hirn rutscht in die Hose.

Längst merke ich mir nicht mehr alles. Das Internet, sagten so genannte Experten schon Anfang 2010, macht uns dümmer. Vorausgesetzt, selbstverständlich, man misst Intelligent nicht am Lösen von Problem oder der Fähigkeit zu denken, sondern ausschließlich an der Fähigkeit, irgendwelche Unsinnsfakten zu memorieren. Jesse Brown kritisiert das schon damals in einem meiner Lieblingsvideos.

gehirnauslagerung

Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann stimmt die Kritik. Das Internet und mobile Endgeräte machen uns dümmer lassen unser Gedächtnis verkümmern. Na und? Ich gebe zu, da ich in näherer Zukunft auf einen sehr trägen Bildungsapparat stoßen werde und noch dazu eher konservative Fächer gewählt habe ist es nicht gerade Ideal, jetzt sein Gedächtnis verloren zu haben, aber ändern lässt sich das nun so oder so nicht mehr.

Telefonnummern speichere ich auf der Sim-Karte, mobile Internetflat ermöglicht das ergoogeln von Gehirnerkrankungen, Partystandorten und „Wo hat die Schauspielerin nochmal mitgespielt?“, was bisher für stundenlange Verwirrung oder schlimmste Streits sorgte. Letztlich stirbt mit der Information aber auch das Nachdenken. Was wäre logisch, was wäre sinnvoll? hat seine Bedeutung ebenso verloren wie Expertenwissen. Wir verlassen uns aufs Netz, anstatt auf uns selbst.

Es gibt keinen Wissensvorsprung mehr in Zeiten des Highspeedinternet.

Es gibt nur die schnellere Auffassungsgabe, die Fähigkeit Unwichtiges von Wichtigem zu unterscheiden. Aufmerksamkeit wird zum Entscheidungsfaktor. Vorausgesetzt, selbstverständlich, es gibt weiterhin Netzneutralität (Alle Daten werden gleich behandelt) und freien Zugang zu Informationen. Eine Zwangskommerzialisierung, die Wikipedia hinter einer Paywall verstecken würde, bedeutete das Ende für mich und 90 % aller, die gerade einen Schulabschluss zu machen versuchen. Erstmals in unserer Geschichte sind wir nicht mehr nur auf Informationen angewiesen: Wir haben sie auch.

… und das macht uns faul, dumm und unaufmerksam?

Ich weiß nicht, ob ich durch das Internet tatsächlich dümmer geworden bin. Mit Sicherheit bin ich fauler, kann mir eine größere Unordnung und deutlich kürzere Aufmerksamkeitsspannen leisten. Man kann eben alles nachlesen, sein Mobiltelefon per GPS orten (theoretisch. Ich rufe es immer noch an.) und Essensempfehlungen kommen längst zu einem erheblichen Prozentsatz aus dem digital erweiterten Bekanntenkreis. Vielleicht bin ich auch menschenscheuer geworden.

Aber wenn ich heute betrachte, mit welchem Unsinn ich meine Jugend verschwendet habe, dann hat mich das Internet mit all seiner unentwegt zugänglichen Information voran gebracht. Ja, vielleicht sogar zu einem besseren Menschen gemacht. Unlängst stolperte ich über ein Dokument aus meinem 14. Lebensjahr – damals las ich begeistert eine Che-Guevara-Biografie -, in dem ich eine Utopie eines Staates formuliere, der letztlich eine Räterepublik darstellt. Damals war mir dieser Begriff nicht bekannt. Heute hätte ich – noch bevor ich drei Sätze dazu geschrieben hätte – meine Idee in Google eingegeben.

Anstatt also einen eigenen Riesen zu bauen, hätte ich die Energie darauf verschwenden können, einen bestehenden zu verbessern. Zugegeben, ich war 14. Und meine damaligen Vorstellungen von der Welt habe ich längst abgelegt. Fast schäme ich mich ein bisschen, derlei Ideen nachgehangen zu sein. Mit Internet hätte ich sie schneller ablegen können.

Moment mal, eigentlich wollte ich etwas ganz anderes erzählen.

So ist das wohl, wenn man sein Gehirn durch den USB-Port geraspelt hat. Mehr, als ein ganz nettes Eintragsbildchen und eine gute Überschrift kommt nicht heraus. Am eigentlichen Thema, nämlich das Smartphones uns Dumb machen, oder viel mehr abhängig von dem darauf ausgelagerten Gehirnpartien, uns aber gleichsam befreien von der Last, Termine und Telefonnummern zu behalten, – daran schlittert man bestenfalls noch großräumig vorbei.

Aber ich erzähle halt einfach mal.

4 Antworten auf „Das Hirn rutscht in die Hose.“

  1. Das Internet bietet kristalline Intelligenz auf Knopfdruck, pardon Mausklick. Und das heutzutage so gut wie überall (zu allen Tages- und Nachtzeiten ja sowieso). So etwas gab es in der Geschichte m.E. noch nie (!).

    Natürlich kann dieses Medium – genau wie das Fernsehen – aber auch „verblöden“.
    Es kommt immer darauf an, von wem und wie es genutzt wird.
    Negativbeispiele gibt es bei beiden Medien wohl zur Genüge (vgl. komplett fehlende Orthografiekenntnisse im Netz und das so treffend betitelte Unterschichtenfernsehen
    ‚pane et circensis‘).
    SIC!

    1. Naja, ich denke dass es derartige Wissensansammlungen schon einmal gab. Nur waren sie wenn überhaupt nur Eliten zugänglich.

      Übrigens habe ich „pane et circensis“ jetzt gegoogelt. Wie schon bestimmt 10 mal in meinem Leben. Und jetzt, 2 Stunden später, habe ich wieder vergessen, was es heißt. Ich glaube, etwas in die Richtung „Brot und Spiele“, bin mir aber ehrlich gesagt unsicher. Für deine Gesamtaussage ist das aber wohl nicht so entscheidend gewesen, sonst hätte ich wohl direkt antwortkommentiert.

      1. Ja, heißt „Brot und Spiele. Es gibt verschiedene Schreibweisen (wie ich ebenfalls, im Nachhinein, google entnommen habe). Ich glaube aber, panem et circensis ist die offizielle – da habe ich mich wohl verschrieben (mea culpa!.) ;)

  2. „Fast schäme ich mich ein bisschen, derlei Ideen nachgehangen zu sein. Mit Internet hätte ich sie schneller ablegen können.“

    Na ob das so einfach ginge…*gefährliches Halbswissen aus dem Studium aus einer Hirnecke zutage förder*
    Solche Ideen gehören zur Identitätsentwicklung. In der Jugend versucht man die Welt zu verstehen und sich zu verstehen und sich dann zu definieren, also sich abzugrenzen und sich zu integrieren. Nur weil das Internet uns vorgibt, was es für Ideen gibt und uns bestenfalls objektiv erklärt was daran gut und schlecht ist, heißt das noch lange nicht, dass wir das so glauben oder übernehmen oder es beachten. „Fass nicht auf die Herdplatte, die ist heiß“… Manche Sachen weiß man und muss sie trotzdem selbst erleben… Wissen ist eben nicht alles.

    Ich habe kein Smartphone und die einzigen Telefonnummern, die ich auswendig kann sind meine, die meiner Mutter und die unseres alten, ersten und einzigen Festnetzapparates. (030 99498725… falls mal jemand für mich rausfinden will, wer die Nummer jetzt hat).

    Und schon in der Schule hat mein Mathelehrer immer mit dem alten Spruch genervt: Man muss nicht alles wissen, man muss nur wissen wo es steht.
    Und wenn ich mir die Fähigkeit Dinge, die man wissen will zu googeln und das richtige zu finden, anschaue, dann gibt es da doch beträchtliche Unterschiede.
    Die meisten Leute können das nämlich einfach nicht oder nicht effektiv und ich glaube die Generation, die nach uns kommt, wird darin auch viel besser sein als wir.

    So. (wer so sagt weiß nicht weiter, hat die Mutti immer gesagt)

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