Nationalstaaten haben jede Bedeutung verloren. Was zählt sind Mobilfunknetze.

Jajajajaja, ich bin früher zurück. Warum? Weil ich krank wurde und uns das Geld so langsam ausging. Und weil ich nun im Bett liege mit Wärmflasche und halbübler Laune schreibe ich nun erstmal keinen Reisebericht – zudem fehlen mir auch die Fotos, was ja zu einem guten Reisebericht gehört -, sondern erzähle nur von einer bestimmten Erfahrung, die zu machen ich eher so halb-froh war und die dringend abgeschafft gehört.

101_5356

Telekommunikation macht uns mobil. Sie lässt uns weggehen von Schreibtischrechnern und Kontakte auch in entferntere Ecken der Welt halten. Keine Schnur bindet uns mehr an ein Festnetztelefon (mein Rechtschreibprogramm kennt dieses Wort nicht einmal mehr). Das ist an sich wunderbar, nur trübt eine (eigentlich mehrere, aber ich möchte nur eine bestimmte ansprechen) bittere Erfahrung das Bild der heilen Telefon-Weltgemeinschaft.

Neulich – also bis vor etwa 2 Tagen – war ich im Norden Europas unterwegs. Nichts ungewöhnliches mehr und dank Schengener Abkommen auch gut mit Personalausweis möglich. Wir verließen dabei sogar mehrfach die Europäische Union. Die Grenzkontrollen sind – außer in Dänemark – abgeschafft. Eine Reise zwischen Norwegen und Schweden – immerhin zwischen der EU und deren Ausland – fühlt sich wie eine Fahrt zwischen hier und der Nachbargemeinde an. Staatsgrenzen haben ihre Bedeutung für mich als EU-Bürger Europäer völlig verloren. Eine Grenzkontrolle mit Ausweispapieren und grimmigen Beamten mit Taschenlampen – wie wir sie in Dänemark erlebten – erscheint mir völlig rückständig. So, etwa, als würden Leute ihr Fleisch noch roh essen. Oder die FDP wählen. Grenzkontrollen beziehungsweise als deren Verursacher Staatsgrenzen erscheinen mir wie ein überholtes Denkmodel.

Dummerweise geht es wohl nur mir so. Mobilfunkanbieter sind an Nationalstaaten gebunden. Ein Tarif für alle in Deutschland. Ein anderer für Schweden und wieder ein anderer für Norwegen. Bei jedem Übertritt über die Grenze eine Tarifinfo. „Willkommen in der EU. Hier telefonieren Sie für 39 Cent pro Minute! …“ Menschen, die beruflich oder privat zwischen Staaten pendeln, müssen das als Demütigung empfinden: Wir schaffen zwar eine gemeinsame Wirtschaftszone, in der sich alle Bürger frei bewegen dürfen, frei handeln und sich frei niederlassen. Wir arbeiten gar an einer gemeinsamen Vertretung nach Außen, haben schon eine größtenteils gemeinsame Währungspolitik… aber europaweite Handynetze? Unmöglich!

Lassen Sie mich meinen Unmut etwas weiter ausleben: Ein in Schweden lebender Grieche, den ich auf der Heimreise kennenlernen durfte, beschwerte sich darüber, daheim für 1 Krone pro Stunde telefonieren zu können, während er nun in Deutschland knapp 5 Kronen pro Minute bezahlen sollte. Wer sich wie ich einmal über seinen Mobilfunkanbieter (in meinem Fall Simyo) aufregen möchte, der rechne einfach mal den Preis aus, den er bei einem derartigen Tarif bezahlen müsste, wenn der Wechselkurs Euro zu Kronen zirka 1 zu 8 beträgt

Was wir brauchen, damit Europa auch mobil ein Land werden kann, ist ein Schengen-Mobilfunktarif. Ich will genauso viel – oder wenig – bezahlen müssen, wie meine Freunde in Griechenland oder Norwegen. Kein Roaming-Unsinn mehr, keine „Willkommen in der EU“-Kurzmitteilungen. Und wenn wir das geschafft haben, schaffen wir vielleicht ein Weltnetz. Oder zumindest den Weltfrieden.

Ich will einfach nicht mehr durch mein Mobiltelefon an Staatsgrenzen und deren Bedeutungen – die Trennung zwischen Menschen – erinnert werden, ich will nicht wissen, dass ich nicht in meinem Ausweisland bin, wenn ich mich doch schon längst in Europa daheim fühle.

Roaming innerhalb des Schengen-Raums gehört abgeschafft. Es fühlt sich an wie Inland, ich habe die gleichen Rechte wie im Inland (grundsätzlich zumindest), warum sollte dann ausgerechnet der kleine Elektro-Troll in meiner Hosentasche mich zwingen, ein Ausländer, ein Tourist, ein hier nicht Gleichgestellter zu sein? Und selbst wenn das nicht geht: Warum erinnert mich mein Handy bei jeden Übertritt der Grenze zweier EU-Staaten daran, dass dies nicht mein Zuhause ist und ich mich doch bitte nicht Daheim fühlen dürfe?

3 Antworten auf „Nationalstaaten haben jede Bedeutung verloren. Was zählt sind Mobilfunknetze.“

  1. …ist so sehr was dran, dass man deinen Text als Petitionsvorlage direkt dem Bundestag uebergeben sollte oder wer auch immer sich letztlich um so etwas kuemmert oder zu kuemmern verspricht.

    Da kannst du noch so sehr auf Europa trainiert sein, drueben im Nachbarland bist du per Tarif wieder Auslaender. Die Mobilfunkanbieter begruenden die hohen Preise ja im Grunde mit der klassischen Nullbegruendung: “weil du im Ausland bist, ist es teurer“. Der Service an sich kostet den Mobilfunkbetreiber keinen Cent mehr. Ist ungefaehr so, als wuerde man mit dem Auto im Ausland teurer tanken, nur weil man im Ausland ist. “Es gibt keine logische Begruendung, aber wir liefern eine, die logisch klingt.“ Die Formel dazu: “Service plus Entfernung gleich astronomische Kosten“!

    Ich bin auf deinen Eintrag gestoßen oder dein Eintrag stieß mir zu oder dein Eintrag stieß mir auf, weil ich kuerzlich noch dasselbe dachte. Und mich dann, ein bisschen abseits der verlaufenden Denkspur, noch darueber erregte, dass “unser Europa“ den einzigen Kern seiner Einheit auf monetaerer Basis (Euro als Zahleinheit) findet. Und wenn der Euro wackelt, wackelt auch der Kern. Toller Kern, instabil und so…

    Und an den Grenzen (wie du es ja auch in bezug auf Daenemark beschreibst) spielen sie wieder DDR und leuchten einem ins Gesicht.

    und noch ein bisschen offtopic: ich vermute, du haettest den selbstauferlegten Netzentzug auch ohne berechtige Begruendung (Krankheit) nicht durchgehalten. Die geäußerte und vorausangekuendigte Absicht/Aktionsvermutung ist immer die scheiternde Absicht/Aktionsvermutung.

    “Absicht/Aktionsvermutung“…eigentlich ein ganz passabler Blogeintrag-Titel, faellt mir grad so auf. Fehlt nur noch der Text dazu…

    Jetzt reg ich mich also den ganzen Abend rueckgekoppelt ueber die Auslandstarife auf…

    …back to bottomline: du hast jedenfalls recht!

  2. Gibt es überhaupt irgendein Argument für Nationalstaaten? Warum haben wir denn noch immer keine Weltregierung? Dann käme ja auch der Weltfrieden, und unter dem tun wirs ja eh nicht…

    1. Das mit dem Weltfrieden war Ironie. Bei dir aber sicherlich auch…. Und, klar, es gibt Argumente für Nationalstaaten (beispielsweise Kultur lässt sich immer schwerer unterstützen, je größer die Verwaltungseinheit wird). Ich will nur sagen: Der Logische Schritt, nach dem wir gemeinsame Börsen, gemeinsame Argarpolitik usw. haben, wäre doch, auch ein gemeinsames Mobilfunknetz aufzubauen. Vielleicht sogar ein gemeinsames Stromnetz. Überall wächst Europa zusammen, nur irgendwie an ein paar alltäglichen, wichtigen Stellen nicht. Mobilfunk zum Beispiel.

      Aber vielleicht kannst du mir ja auch erklären, warum es sinnvoll ist, drei Meter nach einer Grenze plötzlich für ein Telefonat das 5fache Zahlen zu müssen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.