Mäh.

Vor einigen Tagen berichtete die örtliche Tageszeitung von einer interessanten Zusammenkunft. Eine hohe Persönlichkeit der Stuttgarter Polizei sprach bei einer Veranstaltung der örtlichen Christdemokraten am Tag der Deutschen Einheit mit ebendiesen Christdemokraten über die Ereignisse des 30. September 2010. Sie erinnern sich vielleicht: Gegner des Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ wurden am von ihnen so bezeichneten „Schwarzen Donnerstag“ mit Wasserwerfern und anderen Polizeimitteln … [ ehrlich gesagt fällt mir kein unparteiisches Verb ein.] (genaueres hier)

(Ich habe bewusst ungenaue Angaben geben, weil es nicht die Aufgabe eines persönlichen Blogs ist journalistische Inhalte wiederzugeben.)

Die Frage, die aus immer verbissenerem Demonstrieren, neuen Demonstrationsformen und letztlich einem Gefühl von „Ich habe recht, ich bin Demokratie.“ (Klaus Tappeser) resultiert, mehr noch: resultieren muss, ist:
Wie gewaltlos ist gewaltloser Widerstand?

Ich bin ehrlich gesagt unsicher, ob es sinnvoll ist, das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 noch zu stoppen. Man könnte es – und sollte es – noch mehr in andere Richtungen drängen. Aber ein Verhindern kommt bei aller Antipathie gegenüber S21-Befürwortern nicht mehr in Frage. Wer im Moment noch demonstriert, so mein Eindruck aus der Ferne, agiert nach der Fußballmaxime „Wenn wir nicht gewinnen treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt“. Eventuell missverstehe ich aber auch beide Seiten.

Seit diesem Jahr können Kosten für Gerichtsverhandlungen, bei denen Aussicht auf Gewinn bestand, von der Steuer abgesetzt werden. Geht man danach vor, dürfte es gar keine Proteste mehr geben. Eine Aussicht auf Veränderung der Gesamtgesellschaft besteht aus meiner – zugegeben sehr pessimistischen – Sicht nicht. Selbst, wenn die Demonstranten recht haben sollten, was ändert das schon? Es setzt sich nicht das gute oder richtige durch, sondern, was ausreichend viele dumme Menschen nachplappern. Schon Schopenhauer kritisierte das argumentum ad verecundiam in seinen Kunstgriffen. Er schreibt darin in Bezug auf die Autoritätsgläubigkeit der Massen: „Sie sind Schafe, die dem Leithammel nachgehn, wohin er auch führt: es ist ihnen leichter zu sterben als zu denken.“. Dass die aktuelle Welt in meiner Wahrnehmung immer noch sehr genau auf Schopenhauers gut 140-jährige Beschreibung passt, ist nicht gerade motivierend.

Ein paar Fragen:

Bin ich selbst autoritätsgläubig? Glaube ich den Demonstranten, weil es mir leichter ist als selbst zu denken?

Ist ein „gewaltloser Widerstand“, der die Gesellschaft Unmengen an Geld und Zeit kostet – und letztlich nichts ändert – nicht auch eine Gewalttat gegen die Gemeinschaft? Wer gibt mir das Recht, ausgerechnet meine eigene Meinung über die der andere zu stellen? Warum soll meine in die Straßen hinaus gerufen werden? Dränge ich damit nicht jedem meine Meinung auf? Oder ist es nur ein Angebot, meine Meinung ebenfalls zu übernehmen? Aber: Ist es überhaupt meine Meinung? Oder sind wir alle nur Mitläufer?

Ich komme mit diesen viel zu vielen Fragen nicht – ideologiefrei – zu einem Schluss. Natürlich könnte man sich auf eine der beiden Seiten stellen und sagen: „Es ist so!„, aber ein Schaf – egal auf welcher Seite – zu sein bringt uns nicht wirklich weiter.

Und Zweifel gehen stets im Blöken der Demonstrantenschafe unter.

Stuttgart 21 Protest Camp
(Foto ohne Genehmigung Rotwangs Flickr-Stream entnommen.)

6 Antworten auf „Mäh.“

  1. So viel Philosophie in so einem Menschen…langwieruge Suche nach Identität und Haltung…andere machen sichs da leichter…die nehmen einfach, was ihnen vorgesetzt wird…du nicht, das ist wesentlich interessanter…

      1. was ist denn das Thema? Daß du feststellst, du möchtest dich nicht einfach einer Herde anschließen und blöken, sondern möchtest lieber Zweifel kultivieren und vornehm abseits stehen?

        Ja, das geht mir auch so. Gegen konformes Verhalten habe ich was.

        „Eine Aussicht auf Veränderung der Gesellschaft besteht…nicht“.

        Richtig, sehe ich auch so. Auch bei der Occupy-Bewegung trifft das zu, wei es schon bei Obama zugetroffen hat. Der hat rein gar nichts verändert.

        1. Die Ausgangsfrage ist ja, ob „gewaltloser Widerstand“ ein Gewaltakt ist (sein kann), oder nicht. Dass du offensichtlich ein Nonkonformes („politisch unkorrektes“) Verhalten schätzt, eine Veränderung dir dadurch aber nicht erwartest, ist mir nach Jahren (wie lange „kennen“ wir uns jetzt?) der Blogfreundschaft relativ bekannt.

          1. Rein logisch kann etwas ja nun nicht beides sein: gewaltlos und gewaltsam. Hier müßte man dann zuerst „gewaltfrei“ und „nicht gewaltfrei“ definieren.

            Wer Widerstand leistet, der muß ganz sicher an irgendeiner Stelle die freie Entfaltung eines anderen einschränken – sonst wäre es kein Widerstand. Gewalt ist aber doch was anderes.

            Meine Meinung über die der anderen zu stellen ist keine Gewalt, sondern gesundes Selbstbewußtsein.

          2. Heißt das also, wenn ich dich richtig verstehe, dass ich KEINE Gewalt ausübe – gegen Staat, Polizei, etc. – wenn ich bis an die Grenze der erlaubten Vorgehensweise gehe – also „gewaltfrei“ bleibe -, dabei aber Unmengen an Ärger und Umständen und Polizeieinsätzen verschulde? Solange man friedlich bleibt, ist Demonstrieren also kein Akt gegen die Staatsgewalt? Egal, wie gut organisiert man ist?

            Ich bin mir da ehrlich gesagt unsicher.

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