Kultur ist eine Bestandsbibliothek.

Es gibt Menschen, die erkennen die Begrenztheit unserer Sprache und auch unserer Kultur. Betrachtet man die neueren Musikstücke genau, so war alles schonmal irgendwie da. Jede Melodie, jedes Wort, jede Idee wird und kann nur kopiert werden.

Es gibt Menschen, die leiten aus der Begrenztheit unserer Kultur eine Abneigung gegen Neues ab. Kulturpessimisten nennt man sie. Betrachtet man sich das RTL-Nachmittagsprogramm, so beginnt man unweigerlich ebenso pessimistisch zu werden.

Ich glaube jedoch, dass Kulturpessimismus der falsche Weg ist. Ebenso wie reiner Fortschrittsglaube falsch sein muss. Die Musik etwa von Justin Bieber – um ein beliebtes Beispiel zu nennen – ist weder besser noch schlechter weil sie jünger ist als etwa die Songs der Rockgruppe Queen, sondern weil man sie persönlich als besser oder schlechter empfindet. Ein Qualitätsunterschied leitet sich nicht aus einer zeitlichen Abfolge ab.

Wir stehen an einem Punkt in unserer Geschichte, an der neue Kulturgüter mit einem wachsenden Berg an etablierten oder neu entdeckten Kulturgütern zu konkurrieren haben. Aus einem Gemeinschaftserlebnis – neuen Filmen, neuen Musikstücken, neue Bücher, die große Bevölkerungsschichten erreichen – wird durch das Internet und seine Zugänglichmachung jedes Kulturgutes jedes Zeitpunktes zu jedem Moment eine Einzel- oder maximal Gruppenkultur. Ich kann mich immer mehr darüber definieren, was ich höre, weil ich die freie Wahl habe.

Filterung wird dabei das entscheidenede Stichwort. So findet sich neben neueren Stücken und wiederentdeckten Lieblingsliedern auch das eine oder andere klassische Stück auf meinem MP3-Player. Auch höre ich ab und an den großartigen Robert Johnson, über dessen Musik ich auf der Suche nach gemeinfreien Stücken gestolpert war.
Ebenso muss ich gesehen, dass für mich der Kinofilm des Jahres nicht ein aktueller war, sondern den inzwischen 43-jährigen 2001: A Space Odyssey (den ich dieses Jahr erstmals „auf der großen Leinwand“ sehen durfte).

Kultur, und das erfüllt mich mit Angst und Hoffnung zugleich, ist kein Fließband mehr, das uns Fertigprodukte vorsetzt, die wir auszulöffeln haben. Kultur bleibt in sich begrenzt – in seinen Vorlagen, Ideen und Möglichkeiten -, wächst aber ständig. Weil es auf sich selbst aufbaut. Und weil sie wächst, wenn man sie teilt.

Kultur ist eine Bestandsbibliothek.

Exakt den selben Eintrag hatten wir hier übrigens schon vor drei Jahren. Mit anderen Beispielen. Und schon damals kommentierte niemand.

24 Antworten auf „Kultur ist eine Bestandsbibliothek.“

  1. Ich habe auch vor ein paar Wochen 2001: A Space Odyssey geguckt. Wir haben den Film im Musikunterricht geguckt, weil wir gerade Ligeti thematisieren. Ich mag den Film irgendwie. Ich mag es, wenn langsam erzählt wird. Neuere Actionfilme tun manchmal in meinen Augen weh, weil sich das Bild so schnell ändert. Ich mag die merkwürdige Musik und die Atmosphäre, die vermittelt wird. Und dass das Ende offen ist. Ich mag es, dass der Film zeigt, dass Fortschritt sowohl positive als auch negative Konsequenzen mit sich bringt. Ich mag es, dass man dazu aufgefordert wird, zu reflektieren.

    Ich möchte mich nicht durch Musik, die ich höre oder eben nicht höre, definieren.

        1. Über Klamotten vielleicht ein bisschen. Aber Klamotten sind nicht so wichtig, finde ich. Liedtexte sind aussagekräftiger als Kleidung, oder? Ich mag Mathe und Buchstaben. Und ich mag es, mich zuhause zu fühlen. Und Cosas De La Vida von Eros Ramazotti und Busfahren.

          1. Etwas unbeschreibbares, vages bleibt für Zweifler immer unexistent. Ich verweise auf die Gott-Diskussion, die wir an anderer Stelle führen. Ein höheres Wesen, das nicht sagt, es möge dies oder das oder habe diese oder jene Hautfarbe, Frisur, Kleidung, etc. bleibt für uns immer Glaubenssache. Wenn du dich nicht definierst, wirst du entweder von anderen definiert oder bleibst unwahr. Dann bist du eben nicht die nette junge Dame, die Bus fährt und Mathe liebt, sondern ein unbeschriebenes Blatt.

            Menschen können mit leeren Blättern nicht umgehen.

          2. Mein Spitzname im Gymnasium war „Der Dicke mit Bart“. Hier bin ich der Typ mit „le blog c’est moi“. Anderswo bin ich wieder ein anderer. Ein beschriebenes Blatt zu sein, heißt nicht, dass es eine Allgemeine Form gibt, es heißt nur, dass die Leute durch das Kennenlernen das Leere Blatt beschriften. Die Frage müsste ich also eher dir stellen: Wie definierst Du mich?

          3. Als jemand, der mir irgendwie vertraut und trotzdem fremd vorkommt. Ich kann Dich nicht so recht fassen. Du scheinst intelligent zu sein und magst Busfahren – das mag ich. Du bist müde, aber machst trotzdem weiter – das verstehe ich nicht.

          4. Warum sollte man aufhören, weil man müde ist? Hast du noch nie Durchgemacht und wurdest irgendwann wieder wach, ohne einen ersichtlichen Grund? Auf dieses Wach werden warte ich. Auf dieses… die Müdigkeit überstanden haben. Wenn ich daran kaputt gehe, soll es so sein. Ein Aufgeben kommt nicht in Frage.*

            (*Aufgeben im Sinne von Nicht mehr weitermachen. Ich gebe ständig auf. Habe alles längst aufgegeben. Und mache trotzdem – gerade deshalb – weiter.)

          5. Das ist nur ein Scheinargument. Nur, weil man nicht das Gegenteil beweisen kann, stimmt die These nicht. Beispiel: Ich behaupte es gibt eine Tasse, die den Jupiter umkreist. Beweise mir das Gegenteil! Los! …. Es geht halt einfach nicht. Außerhalb der Mathematik funktionieren solche „Beweise“ nur scheinbar.

  2. na ja, ich kommentiere zwar nicht, aber lese schon und denke darüber nach. meistens denke ich aber, dass du nicht ´über so viel kleinkram nachdenken solltest, so komplex meine ich, wobei das natürlich auch schon irgendwie für faulit steht.

    jede zeit, jede generation hat seine paar kulturpessimisten, darum denke ich auch nicht, dass das irgendwo ein zeitbedingtes, generationsabhängiges phänomen ist. die breite masse gibt sich einfach IMMER mit dem möglichst bequemsten zufrieden, solange sie nicht zu viel nachdenken muss. und da ist es wirklich egal, ob man letztes jahrhundert, vor 50 jahren oder heute gelebt hat oder lebt

  3. Warum sollte man auch einen so treffenden Artikel kommentieren? Ich kommentiere nur wegen der indirekten Aufforderung. Wie paradox!
    Ich stimme deiner Betrachtung zu. Ich möchte nur noch ergänzen, dass die Menge an kulturellen Dingen wächst, weil die bekannten Ideen an die aktuelle Technik und den aktuellen Zustand der Gesellschaft angepasst wird. Als Beispiel können hier ältere Bücher dienen, welche nun verfilmt werden oder zum Beispiel der Untergang der Titanic. In 20 Jahren wird es vielleicht mal wieder eine neue Verfilmung geben, dann in 3D oder vielleicht 4D.

    Viel mehr ärgert mich, dass man, ähnlich wie du es bei dem Beispiel mit Justin Bieber geschrieben hast, einigen neueren Werken die Tiefe abspricht oder sie einfach für nicht so voll nimmt, nur weil es halt nicht als Buch oder Essay veröffentlicht wurde. Aus meiner Sicht greift das zu kurz, wenn man Werke wie „Ghost in the Shell“, nur weil es ein Anime ist, oder die Matrix Trilogie, „nur“ als Aktionfilm sieht. Ignoriert man eine Vielzahl von philosophischen Problemen oder Themen, die angesprochen werden. Da würde ich mir etwas mehr Offenheit wünschen. „Alte“ Themen oder besser schon bekannte Themen werden einer neuen Generation auch in einer in bekannten Verpackung präsentiert. Das ist weder gut noch schlecht. Für unsere Generation ist es halt einfacher einen Film anzuschauen anstatt das entsprechende Buch zu lesen.

    Ich würde mich sehr freuen, wenn es eine Aufstellung geben würde, die darstellt, welche Werke sich mit den einzelnen Themen beschäftigen. Dabei sollte es nicht wichtig sein, mittels welchem Medien das Thema präsentiert wird oder aus welcher Zeit es stammt. Das würde vielleicht eine Hilfestellung bei der Filterung bieten.

    1. Zumindest für die Wissenschaft muss man Sachen einschränken, muss sagen: Als Grundlage wissenschaftlicher Texte können nur Wissenschaftliche Texte dienen. Das ist langweilig und alles, aber gerade die von dir genannten Filme sind eben schon längst mehr: Matrix beispielsweise ist bei uns an der Theologischen Fakultät ein wichtiger Film, der auf viele unterschiedliche Weisen theologische und philosophische Themen behandelt.

      Unabhängig davon darf man – finde ich – auch nicht den Fehler machen, alles als „gut“ wahrzunehmen. Nur, weil etwas kulturell ist oder von vielen Leuten gut gefunden wird, heißt das nicht, dass man es selbst auch gut finden müsste. Das Argument mit der Zeit finde ich dagegen – wie erwähnt – nicht mehr tragbar.

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