Er schimpft auf die egale Generation. Ich sag: "Du hast ja recht, doch was ändert das schon?"

Ein Freund – auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich ihn tatsächlich so bezeichnen sollte – war neulich zu Besuch. Er ist Berliner, aber irgendwie dann wieder nicht, war also eher einer, aber dann auch irgendwie wieder ‚ist‘, weil man letztlich wohl ‚das Kiez nicht mehr aus dem Jungen‘ bekommt, wie es eine Redewendung beschreibt.

Mein Freund meint, es gehe uns hier im Süden zu gut. Nicht, dass er uns die Butterbrote streitig machen will, er meine nur, dass wir aus unserem relativen Wohlstand heraus zwischenmenschliche Beziehungen nicht mehr allzu schätzen wüssten. Er erzählte mir dann, wie er sich immer noch mit alten Freunden treffe und praktisch jede Bindung – mag sie auch noch so klein sein – aufrecht erhalte. Das sind einerseits seine Vorstellungen von Freundschaft, von Zwischenmenschlichkeit, andererseits hat dieses Pflegen des Bekanntenkreises einen weiteren Zweck: Vielleicht braucht man ja mal was. Wenn ein Freund beispielsweise in der Personalabteilung VWs unterkomme, so könne man diese Verbindung nutzen, um ebenfalls einen so begehrten Job zu bekommen.

Dies traf mich verständlicherweise tief. Menschliche Bindungen sind bekanntermaßen meine Schwäche – eine unter vielen gutgepflegten Schwächen -,  und wenn ich ehrlich zu mir bin möchte ich mit weiten Teilen meiner Vergangenheit – und Teilen meiner Gegenwart – nichts zu tun haben. Ein kleiner, dafür aber sehr schätzenswerter Freundes- und Bekanntenkreis schaare ich um mich. Ich bin niemand, der alle kennt – und eigentlich schätze ich diese Eigenschaft an mir.

Bezogen auf die Zukunft, bezogen auf Berufschancen, bezogen auf Hobbies aber auch ‚Schicksalsschläge‘ bin ich bei weitem schlechter gerüstet als der Durchschnittsbürger. Wenn es hoch kommt habe ich mit 30 Leuten regelmäßig Kontakt. Mir genügt das – ist fast schon zuviel -, aber es wäre intelligenter, ein stärkeres, größeres Netz zu spannen.

Heute morgen  schlug mir dann die Erkenntnis ihren nassen, müffelnden Waschlappen ins Gesicht. Erstens: Ich will in Freundschaften kein wirtschaftliches oder zukunftsgerichtetes ‚Investment‘ sehen. Freunde sollen Freunde bleiben und nicht zu ‚Vitamin B‘ mutieren. Zweitens: Wer bin ich dann für meinen Freund aus Berlin? Welchen zukünftigen Vorteil könnte ich ihm bringen? Letztlich: Wird sich die Zeit, die er in mich investiert hat, rentieren?

Andererseits komme ich gerne mit Menschen aus meiner Vergangenheit ins Reden. Ich akzeptiere aber auch, wenn ich jemandem nichts zu sagen habe und unterlasse es dann einfach. Und von Vetternwirtschaft und ‚Vitamin B‘ halte ich wenig. Auch, wenn ich möglicherweise in naher Zukunft von ebendiesem provitieren könnte.

8 Antworten auf „Er schimpft auf die egale Generation. Ich sag: "Du hast ja recht, doch was ändert das schon?"“

  1. Das sehe ich genauso. Und die Leute, mit denen ich regelmäßig Kontakt habe, kann ich an meinen Händen abzählen. Ich finde das nicht schlimm, im Gegenteil, ich habe es mir so ausgesucht.

          1. Wenn man konkrete Zahlen nennt, dann führt das nur dazu, dass man Leute ausschließt, die eigentlich auch „Freunde“ sind. Definieren wir das anders: Wenn man nur Leute sieht, die man bewusst wöchentlich kontaktiert, um mit ihnen zu kommunizieren und sich zu treffen, dann sind es vielleicht 2. Andere Freundschaften pflege ich langfrisitiger (monatlich, etc.) und ich glaube auch, dass ich mehr Freunde habe als diese 2.

            Was definierst du als „Freunde“?

  2. Geht mir ähnlich, hab auch nur zu wenigen Leuten regelmäßigen Kontakt, Kommunikation ist auch nicht gerade meine Stärke. Finds aber auch schwer, zu vielen Leuten den Kontakt aufrecht zu erhalten, kostet halt auch Zeit und wenn von denen auch nichts kommt, verliere ich schnell die Bindung zu denen. Man sollte den Vorteil von vielen Freunden aber auch nicht unterschätzen. Klar sollen Freunde nicht einfach nur seelenlose Vitamin B’s sein, aber es ist nun mal so: Leute, die gut kommunizieren können, haben automatisch viele Leute um sich herum und sind im Leben meist besser gestellt, als Leute bei denen das nicht der Fall ist. Weil es eben viele Vorteile mit sich bringt, gut vernetzt zu sein.

    1. Wobei man jetzt durchaus einwenden könnte, dass Du über dein Dasein als Blogger genug (lose?) soziale Kontakte hast, um beispielsweise auch nahe Tübingen einen Schlafplatz zu kriegen. Und ich gehe davon aus, dass Du mich auch durch Köln lotsen würdest, falls es mich – rein hypothetisch – mal in die Ecke verschlagen würde. Man könnte von Opt-in-Freundschaften sprechen (weil Du jederzeit aus und einsteigen könntest ohne dass ich es tatsächlich merken würde), die gerade auch durch nicht individuellen, nicht persönlichen Kontakt gepflegt werden. Also durch öffentliche Blogeinträge oder Tweets. Solche Kontakte wären auch für Kommunikationsschwache haltbar.

      Vielleicht ist es ja das was mich von meinem berliner Freund unterscheidet. Sein Netz liegt offline, meines ist zu einem Teil auch hier beheimatet. „Zuhause“, meinte er am selben Abend noch, sei weniger ein Ort sondern eine Gruppe von Menschen.

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