"Es wird immer ein paar Trottel geben und einer wird zum Opfer bestimmt"

In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich?

Umweltminister Röttgen (Wer?) brachte den Begriff “Gegenwartsegoismus” in die Diskussion ein. Er meint damit das ignorante Verhalten unserer Zeit allen anderen Zeiten gegenüber – insbesondere in Bezug auf unseren Rohstoffverbrauch. Zu diesem Thema gibt es einen wirklich interessante Artikel-Übersetzung bei Konsumpf, die auf intelligente Weise einen Bogen spannt von unserem Werbeangetriebenen Kapitalismus über die Entfremdung hin zu – aktuell im vierte Teil – den Notwendigkeit, etwas zu ändern. Der Text stammt wohl bemerkt von 1999 – ist also über ein Jahrzehnt alt -, aber traurigerweise wirkt er deshalb nicht weniger aktuell. Wer sind wir, uns über alle anderen zu stellen?

Die Frage, die sich mir stellt, ist deprimierend einfach: Muss es in unserer Welt immer Verlierer geben, damit andere „gewinnen“ können?

Betrachten wir die Endlichkeit als geben, so muss die Frage klar bejaht werden. Scheinbar grenzenloser Reichtum Weniger ist nur mit der ebenso grenzenlosen Armut Vieler erkaufbar. Dabei ergeben Untersuchen immer wieder, dass Menschen eigentlich Gesellschaftswesen sind, die einen Drang zur Gerechtigkeit besitzen. Wer gewinnt und dabei andere verlieren sehen muss, ist diesen Menschen gegenüber freundlicher, hilft ihnen eher. Ein antisoziales Verhalten, also etwa das bewusste Ausbeuten von Fremden, kann nur mit einer Entfremdung – oder der Falschannahme, wir seien alle Homo oeconomicusse und es sei daher richtig, unsere Aufgaben automatisiert von Maschinen erledigen zu lassen (vgl. Leschs Kosmos vom 23.01.2012) – erklärt werden.

Rucksack

Eine solche Zwangs-Ungleichheit begegnet mir auch im Bildungsbereich. Anstatt uns allen die Chance zu geben, anstatt uns objektive Ziele zu setzen und deren Erreichen zu überprüfen, arbeitet man praktisch überall mit Normalverteilungen. So, dass es gute Schüler gibt, durchschnittliche und schlechte. Oder, wie es der Düsseldorfer „Künstler“ Koljah Kolerikah in Motto Mobbing rappt: „Es wird immer ein paar Trottel geben und einer wird zum Opfer bestimmt“. Unser System basiert darauf, dass ein Teil – nicht einmal ein wirklich geringer – zu „Versagern“ deklariert wird. Auch Georg Schramm kritisierte einmal sehr treffend die Notwendigkeit, Kinder zu differenzieren (vgl. YouTube-Video). Er schließt seinen sehr hörenswerten Vortrag mit den Worten: „Nach uns ist Sintflut nämlich gar nicht, sie ist schon da, wir sind die Sintflut.“

Man kann und sollte mir Angst oder Faulheit vorwerfen – insbesondere bezüglich meiner bevorstehenden Prüfungen -, aus denen sich meine Abneigung gegen Wertungen und Überprüfungen schöpfen könnte. Vielleicht könnte man aber auch hinterfragen, ob es mit den eigenen Lebenszielen – sowohl persönlich als auch gesellschaftlich – tatsächlich vereinbar ist, dass es viele Verlierer geben muss; ob uns die Aussicht selbst einmal Oben sein zu können wert ist, dass so viele Unten bleiben müssen.

Letztlich sind wir aber längst keine Gesellschaft mehr, die bereit oder auch nur fähig wäre, sich oder „die Zukunft“ zu retten. Das selbstzerstörerische System wird als naturgegeben angenommen und jeder Versuch, eine bessere Welt zu schaffen, muss unterdrückt werden – weil Leiden nunmal gut ist für die Wirtschaft. Aus dem Gegenwartsegoismus kann demnach nur ein Zukunftspessimismus entstehen.

Eine Antwort auf „"Es wird immer ein paar Trottel geben und einer wird zum Opfer bestimmt"“

  1. Herzlichen Glückwunsch. Liest man deine aktuellen Einträge, sieht man, dass du Gedanklich immer noch auf dem gleichen Stand bist wie hier (vor über zwei Jahren). Sogar die Beispiele sind die gleichen.

    Bedauerlich.

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