Und jeder Tag ein neuer Weltuntergang.

1.
Wenn man sich aufregen möchte, dann liest man am besten, was der eine oder andere CSU-Mann in die Medienwelt herausgebrüllt hat. Alexander Dobrindt zum Beispiel – mir völlig unbekannt abseits dieses Zitats -, sagte: „Diejenigen, die gestern gegen Kernenergie, heute gegen Stuttgart 21 demonstrieren, agitieren, die müssen sich dann auch nicht wundern, wenn sie übermorgen irgendwann ein Minarett im Garten stehen haben!“ Dieser Satz ist auch soviele Weisen falsch, dass er nur als metaphorisch gelesen werden sollte.

2.
Im Moment geistert #Krakengate durch Twitter. Publikative.org veröffentlichte 2010 (!) Kritik an dem Stopp-ACTA-Logo der Piratenpartei, dass an die Karikaturen der „jüdischen Weltverschwörung“ erinnern würden. Ich persönlich finde das etwas weit hergeholt, sehe die Kritik aber durchaus als hörenwert an. Was weniger hörenswert ist, was aus dieser berechtigten Kritik gemacht wurde und wird. Nämlich eine Affäre.
Es reicht nicht, dass etwas kritisiert wird, sondern es wird der Umgang mit der Kritik kritisiert, die Kritiker werden kritisiert, alles verschoben, wieder aufgewärmt, der fade Beigeschmack bemängelt und dann erbricht man die Soße über Twitter und nennt es in Anlehnung an die Watergate-Affäre „Krakengate“.

3.
Auch die Medien sehen sich – zu Recht – Kritik ausgesetzt. Sie sei verblödend, aufmerksamkeitsheischend, würden Säue durchs Dorf treiben, auf jeden Zug aufspringen und Diskussionen unsinnig aufplustern. Egal, ob es nun um Wulff, Euro oder Zigaretten geht. Immer steht der Untergang direkt vor der Tür. Alles ist direkt schlimm und menschenverachtend und berichtenswert. So zeigt beispielsweise der ARD-Vorabend mit Brisant gefühlt – ich schaue diese Sendung nicht oft – nur menschliche Unglücke wie Brände, Kindstode und Autounfälle, und nahtlos angehängt irgendwelche Adels- und Promigeschichten. Schnell ist der Vorwurf im Raum, wir würden mit endloser Angst- und Banalitäten uns an den Schirmen fesseln wollen.

4.
Tatsächlich schockierend und verachtenswert ist jedoch, dass auch die Kritik pauschalisiert, übertreibt und in jeder Winzigkeit „den Untergang der Gesellschaft“ heraufprophezeit. So zumindest wirkt die heutige Ausgabe von Fernsehkritik.tv (Folge 86) auf mich. Holger tritt dabei Ranga Yogeshwar gegenüber und wirkt – zumindest für mich – ein wenig wie das Klischee des hüttenbewohnenden Verschwörungstheoretiker, der die ganze Welt gegen sich sieht und eine derart gefestigte Weltansicht hat, dass nicht einmal echte Veränderungen ihn aus seinem Verschwörungswahn reißen könnten. Wie gesagt: Es ist ein Gefühl, keine Kritik.
Irgendwo ist es beschämend für beide Seiten, dass Kritiker inzwischen gerade mit den Mittel Gehör finden, die sie bei anderen so verabscheuen.

5.
Genau das ist vielleicht, was man aus Alexander Dobrints Zitat herauslesen könnte. Wenn wir nicht aufhören, blind zu parolisieren und alles in Weltuntergängen zu beschreiben, dann sitzen wir irgendwann nur noch auf unseren W-Lan-Minaretten und brüllen unsere Ansichten in eine Welt heraus, die vergessen hat, dass zum Gespräch auch gehört, den anderen zu verstehen.

Und irgendwo kritisiere ich mich damit auch selbst. Weil ich auch nicht anders bin. Weil ich auch die Kirche nicht im Dorf lasse, die Säue durch die Straßen treibe, nicht zuhöre und zuviel rede. Und weil ich Minarette nicht als das beschreibe, was sie sind.

2 Antworten auf „Und jeder Tag ein neuer Weltuntergang.“

  1. 1. Schöne Gliederung des Artikels.

    2. Schwere Lücken in punkto „Wissen übers deutsche politische Personal“.

    3. So sind nun mal die Medien, so funktioniert nun mal Politik.

    4. Beschreibe doch im nächsten Artikel mal Minarette als das, was sie sind. Vielleicht sind es ja die WLAN-Antennen der Mullahs?

    5. Irgendwie gelingt es dir seit langem nicht mehr, die Leser zu Kommentaren zu verleiten. Vielleicht sind die Texte etwas zu kryptisch.

    1. 1. Danke.

      2. Ich weiß. Diese Lücken dienen aber vor allem Vermeidung von Wahnsinn, weil ich so nicht weiß, was für Leute Verantwortung in und für unser Land besitzen. Mir würde sonst ununterbochen das Blut kochen und die Hand vor lauter Facepalm-ing am Gesicht festwachsen.

      3. Ja. Aber muss sie das?

      4. Ich weiß nicht, was Minarette sind. Ich weiß nur, dass meine Metapher ihnen nicht gerecht werden wird. Außerdem widerspräche das Fünftens.

      5. Ich weiß. Nervt. Ich persönlich finde, dass die Texte meinem Denken entsprechen. Ich versuche eben, möglichst alle wichtigen Assoziationen zu einem Gedankengang einzubringen. Dass dies kryptisch wird, ist ärgerlich, aber nur durch ein nachlässigeres Denken zu beenden. Und das möchte ich nicht. Außerdem: Kommen auch wieder andere Zeiten.

      6. Schön, dass es dich noch gibt. Wollte schon eine Postkarte schicken, um zu fragen, ob es dich noch gibt.

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