Es ist meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld.

Mein Großvater verstarb vergangenes Jahr. Ich erinnere mich nicht mehr genau an die Nacht. Nur noch Bruchstücke: Meine Familie hatte sich bereits verabschiedet, da es absehbar war, dass er wohl nur noch wenige Stunden unter uns weilen würde. Er lag so unwirklich in seinem Bett, mit Schleuchen im Leib, hustete, und war zu schwach um noch zu reden. Er atmete nur noch mit Hilfe. Mein bester Freund war damals über Nacht bei mir. Wir spielten „Risiko“ – damit ich nicht immer nur mir Sorgen um meinen Großvater machte. Oberste Regel für uns: Es wird kein Spiel abgebrochen. Das Spiel zog sich über 8 Stunden hinein bis in die tiefste Nacht. Ich hasste es. Am Tag zuvor hatte ich eine CD der Gruppe „Kreisky“ erhalten. In einem Lied (Glitzer) heißt es: „Es ist meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld“. Am frühen Morgen klingelte das Telefon. Ich ging nicht ran. Ich lag auf dem Sofa und hasste mein Leben und die Erfinder von „Riskio“. Später klingelte es erneut. Meine Schuld… Und dann wieder. Die Kreisky-Songzeile lag mir im Ohr, als ich doch aufstand, den Anruf entgegennahm und erschrocken meinen Vater weckte.

Am frühen Morgen verstarb mein Großvater. Meine Tante – sein erstes Kind – war bei ihm. Sie rief an. Mehrfach. Um uns an sein Bett zu rufen. Meine Schuld, meine Schuld… Wir anderen konnten nur noch seinen Körper antreffen. Ich rede mir ein, mein Großvater hätte nicht gewollt, dass wir ihm beim Sterben zusehen. Ich rede mir auch ein, es sei besser so, weil sein jahrelanges Leiden ein Ende habe.

Seit dieser Nacht hat sich die Beziehung zu meinem Vater verändert.

Vor einer Weile hatten wir hier bei LBCM mal ein Video über die unterschiedlichen Arten, auf die man seinen Vater sieht, wenn man aufwächst (dort). Bevor mein Großvater starb, kritisierte mein Vater ihn manchmal. Er habe zu lange gearbeitet und hätte auch dann nicht aufgehört, als es nicht mehr ging. Wenn ich jetzt mit meinem Vater über meinen Großvater rede, schwebt immer ein Satz aus Lessings Nathan durch meinen Kopf: „Wie kann ich meinen Vätern weniger als du den deinen glauben? Oder umgekehrt.—“ (Projekt Guthenberg) Sinngemäß also: Wer bin ich, anzuzweifeln, was mir meine Vorfahren gesagt haben?

Mein Vater sagt, mein Großvater sei ein guter Mann gewesen. Wer bin ich, das anzuzweifeln? Ich erinnere mich noch gut, wie mein Vater ihn kritisierte, über ihn schimpfte und fluchte. Die Tatsache, dass der eigene Vater verstorben ist, scheint diesen zu einem guten Menschen zu deklarieren – egal was man zuvor dachte. Ich kritisiere damit weniger meinen Vater, als dass ich mich frage, wie sich meine Meinung über meinen Vater postum wandeln wird – allerdings bin ich alles andere als ungeduldig dies herauszufinden (mein Vater möge bitte noch lange und vor allem glücklich leben) -, und wie meine möglichen Nachkommen dann von mir und meiner Vatersituation denken werden.

Der polnische Autor Stanislaw Lem fasste diesen Rollenwechsel in der Siebten Reise Ijon Tichys (vgl. Stanislaw Lem: Sterntagebücher. ZDF-Seher kennen eventuelle die Serie „Ijon Tichy“, welche darauf basiert.) in Perfektion zusammen. Über verschiedene Zeitschleifen erlebt der Raumfahrer Tichy sich selbst und die Konfrontation mit seinen späteren und früheren Ich aus den verschiedenen Rollen. Er prügelt sich mit zukünftigen Ichs und bekommt dann selbst auf die Nase. Ebenso, nur in viel größerem Abstand und noch dazu mit verschieden Personen werde auch ich – hoffentlich? – diesen Rollenwechsel durchleben. Vom Kind eines Vaters zum Vater eines Kindes, zum Großvater und schließlich zur vagen Figur des Verblichenen. Ein Rollenwechsel.

Vielleicht kommt es aber auch anders. Vielleicht – einfach, weil ich sehr viel notiere -, wird keine Verklärung meine Person passieren können. Niemand wird sagen können: Er war ein guter Mensch, oder auch, er war ein schlechter. Man wird anderes denken. Differenzierter, als hohle Begriffe wie „gut“ und „schlecht“. Vielleicht wird mein Sohn nie auf den Gedanken kommen, ich sei ein guter Mensch gewesen, allenfalls – so hoffe ich -, fühlt er, ich sei ihm ein guter Vater gewesen, wahrscheinlich denkt er aber bei Lektüre meiner Kritzeleien: Ich hab ihn erst jetzt ganz kennenlernen dürfen.

Sein Sohn, der Sohn meines Sohns, wird dann auch das feststellen, was ich feststellen musste: Wenn der Vater des Vaters stirbt, ändert das vieles.

6 Antworten auf „Es ist meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld.“

  1. Dazu war es zu diffus, oder zu unkonkret. Mehr so ein Denkanstoß, darüber nachzudenken, wie es in der Beziehung zwischen mir und meinem eigenen Vater aussieht – oder aussehen sollte – oder ganz okay ist – oder zumindest nicht unokay.

  2. ich sage dir es kommt nicht anders, nur weil du dein leben aufschreibst. es ist zwar schwer das über die eigene zukunft zu sagen, aber hinterher ist man immer klüger (oder glaubt das zumindest) und deine nachkommen werden bloß sehen das du dich verändert hast.

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