Wir sagen Kultur, ihr sagt Kriminalität.

„Man fickt das System, bis man selbst Teil davon wird.“, sagen zumindest Systembefürworter.

Ich habe in meinem beschaulichen Kleinstadtleben schon deutlich mehr Menschen gesehen, die von legalen Stoffen – oder ganz ohne irgendwelche Rauschmittel – gewalttätig wurden als von illegalen Drogen. Von daher fällt es mir schwer nachzuvollziehen, warum in einem aufgeklärten Land wie dem unseren an Verboten festgehalten wird, die sich nur stammtischpolitisch, nicht jedoch wissenschaftlich und moralisch rechtfertigen lassen. Warum ein junger Mann, der im Suff die ganze Kneipe zusammenschreit normal ist, aber ein friedlicher Kiffer ein Verbrecher sei will mir einfach nicht einleuchten. Ebenso wenig, wie ich wirklich verstehen kann, warum Disney ein liebevoller, netter Konzert ist, aber jemand, der ein Lied auf seiner Gitarre nachspielt und es bei YouTube hochlädt am besten verbrannt werden müsse. Mit solcher – historisch oder politisch entstandener – Willkür habe ich so meine Probleme.

Gerade deshalb erfreute ich mich heute sehr an einem Interview mit einem Teilzeitdrogendealer bei The Billfold, das seit knapp ’ner Woche durch die Blogs geht. Nicht nur beleuchtet das Interview „The Economics of a Part-time Drug Dealer“ die im Titel versprochene Ökonomie inklusive Zahlen, Jeff Winkler konnte seinem Interviewpartner auch ein paar Worte zur Motivation abluchsen. So vergleicht der Namenlose die heutige Zeit mit der Prohibition, da es auch da nicht funktionierte, die Zahl der Alkoholkonsumenten durch drängen in Illegalität zu verkleinern.

„It’s sort of like smoking cigarettes. You’re saying you don’t want people to smoke cigarettes so you ban ashtrays? It doesn’t really work that way.“

Und weiter sagt der namenlose Drogenhändler: „So as long as it’s illegal, I’m probably going to take advantage of it, (A) Because I don’t think it should be illegal and it’s my small way of sticking it to the man without doing a whole lot while still making money and, (B) it’s kinda fun, I gotta say.“

Beide Bilder aus Wikipedia und hochgeladen bei ImageShack.us

Wir springen zum anderen Thema: Die andere eingangs erwähnte Problematik, nämlich die der veralteten Urheberrechte, wird in einem sehr schönen Video der Reihe „reasons.tv“ beschrieben. „Too much copyright“ ist ein ganz großartiges Video, woraus ich nur einen Satz zitieren möchte, den Ben Huh, Gründer des Cheezburger-Netzwerkes gesagt hat:

„This disconnect between the public’s view of copyright and fair use and what should and should not be prosecuted, versus the ‚copyright maximist‘ view of the law, is our generation’s Prohibition.“

Aus alledem heraus stellen sich drei Fragen: 1. Welchen Sinn hat eine Gesetzgebung, die sich gegen einen Teil oder gar eine Mehrheit der Bevölkerung richtet und nicht sinnvoll begründet werden kann? 2. Ist es moralisch vertretbar, etwas zu tun, was „unrechtens“ ist, solange es nicht als unrechtens betrachtet oder erkannt wird? (Ich nenne das mal die Luke-Leia-Kuss-Frage) 3. Kann etwas, das zu unserer Kultur gehört kriminell sein?

Insbesondere die letzte Frage hat eine Tragweite, die weit über den Gebrauch von legalen wie illegalen Rauschmitteln hinausgeht, das Urheberrecht hinter sich lässt, ebenso wie die Frage nach Streetart und menschlichen Beziehungen (Stichwort: Homoehe)… Also genug Material für 20 Kommentare und mehr…

Schließen möchte ich mit einem Verweis auf „Notorious B.I.G.’s Ten Crack Commandments“ enden, die im Interview in The Billfold Erwähnung fanden. Nicht, weil diese besonders interessant wären, sondern weil sie für mich ein Beispiel dafür sind, wie eine Anleitung zu einer Illegalen Aktivität sich anfühlt und -hört, wie etwas künstlerisches.

4 Antworten auf „Wir sagen Kultur, ihr sagt Kriminalität.“

    1. Erwischt. Und ich hoffte noch, ich käme damit durch. ;)

      Die grundsätzliche Frage, ob etwas kulturelles auch kriminell sein kann (oder umgekehrt) bleibt dabei natürlich bestehen.

    1. Und in wie weit glaubst du, dass das was ändern würde?

      (Ich nenn man spontan ohne zu überlegen drei Gründe, die dagegen sprechen: 1. Eine starke Piratenpartei führt zu vermehrter Abwehrreaktion. 2. Sorgen die freien Strukturen in der Partei (z.B., dass sich jeder beteiligen kann) dafür, dass sie sehr leicht manipulierbar sind. 3.Haben diese „Netzaktivisten“ von der echten Welt doch keine Ahnung.)

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