Es darf wieder übers Fernsehen geredet werden.

Wir befinden uns seit gestern in einem Post-Analogen Fernsehzeitalter. Mindestens seit 1998 stand die Abschaltung des analogen Fernsehsignals fest. Im Land der Innovationen, der Dichter und Denker, braucht so eine Umstellung also gerade mal 14 Jahre, aber, nun gut. Die Digitalisierung bringt theoretisch viele Möglichkeiten – positive wie negative aus Zuschauersicht. Auf den gleichen Frequenzen können mehr und hochauflösendere Programme (sogenanntes „HD“) ausgestrahlt werden zusammen mit Zusatzinformationen.

fernsehenneindankeTheoretisch. Denn das Programm wird durch bessere Auflösung nicht gehaltvoller. Im Gegenteil: Die privaten Sender versuchen über den Weg der HD-Auflösung als Zusatzfeature weitreichender in die Wohnzimmer ihrer Zuschauer einzugreifen (vgl. Videokritik an HD+) und – selbstverständlich – ist durch die Digitalisierung Lafer! Lichter! Lecker! nicht plötzlich eine interessantere Sendung und Günther Jauch keine ergebnisoffene Talkrunde. Selbst die Geschichten im Tatort werden nicht (noch?) besser, nur, weil man nun höhere Auflösung, mehr Sender oder einen elektronischen Programmführer zur Verfügung hat. RTL sendet nicht weniger Müll und

Eigentlich hätte man also die Analogabschaltung dazu nutzen können, selbst auch abzuschalten. Ganz im Sinne von Peter Lustig.

Eigentlich. Denn die Digitalisierung mit ihrem Zusatz an Sendeplätzen und Möglichkeiten lässt zumindest im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so manchen Staub verwehen (meint auch die taz). Die je drei Digitalkanäle von ARD und ZDF bieten – leider zu großen Teilen nur im Abend- und Sonderprogramm – eine Vielzahl an großartigen Sendungen. Ein paar Beispiele aus den Spartenkanälen des ZDF (geordnet nach Sender) nach dem Klick.

Bambule (Donnerstags auf ZDF_neo) fühlt sich an wie eine Mischung aus „Sendung ohne Namen“ und „Sarah Kuttner – Die Show“. Das Stadtmagazin komplett ohne Studio nimmt sich jede Woche ein Thema zu Herzen und behandelt dieses zusammen mit Gästen, Experten und Otto-Normal-Bürgern. Dazu gibt es verschiedene Rubriken und die wirklich großartige Johanna Maria Knothe, die im Gegensatz zu Sarah Kuttner, welche die Themen eher emotional-persönlich betrachtet, das investigativ-politisch-awesome-e macht und dabei leicht an einen ernsten Herrn Wigge erinnert.
Selbiger Michael Wigge, nebebei erwähnt, reiste und tauschte sich ebenfalls für ZDF_neo vergangenes Jahr im Zuge von Wigges Tauschrausch durch die halbe Welt. (vgl. Wigges Blog)

Selber Sender, anderes Format: Großartige Late-Night-Shows hat(te) ZDF_neo gleich zwei: neoParadise mit Florian Silbereisen Joachim Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf wird von mir praktisch gar nicht mehr gesehen, obwohl das Konzept – was im Grunde die Weiterführung von MTV Home ist – und die Aktionen doch ganz interessant sind. Leider im Moment nicht ausgestahlt wird dagegen Stuckrad Late Night mit Benjamin von Stuckrad-Barre und wechselnden Gästen. Es wird geraucht, Unsinn gemacht und der Gast durchaus auch mal etwas grober angefasst. Vergleiche dazu beispielsweise diesen Ausschnitt aus der Sendung mit Christopher Lauer.

Und als ob das nicht schon genug wäre für diesen EINEN Spartenkanal gibt es auch noch die Eigenproduktionen Wild Germany und Herr Eppert sucht … sowie einen ganzen Haufen eingekaufte Serien, für die ich gerne GEZ-Gebühren zahle (z. B. The Middle, Einfach überirdisch (so ne Art x-Faktor mit – wait for it! – William Shatner!), Raumschiff Enterprise (nach gut 40 Jahren endlich in einer weniger verunstalteten Version als es seinerzeit im ZDF und auf Sat.1 lief), und Hustle. (für die ganzen Krimi-Sachen (Inspektor Barneby usw.) habe ich eher keine Vorliebe).)

Update: Beinahe hätte ich Leschs Kosmos übersehen, welches auch bei ZDF_neo ausgestrahlt wird – allerdings zu unmöglichen Sendezeiten (z. B. Montag Nachts um 1:30). Das Harald Lesch ne verdammt coole Sau ist muss man wahrscheinlich nicht mehr erwähnen.

Roche & Böhmermann (ZDF.kultur) ist die ansehbare Talkshowalternative am Sonntagabend zu „Günther Jauch“. Charlotte Roche und Jan Böhmermann sprechen in einem Retro-Studio mit verschiedenen Gästen, es gibt Zigaretten, Alkohol und zumindest die Chance, dass sich mal ein ehrliches, interessantes oder zumindest nicht völlig vorhersehbares Gespräch entwickelt. Dass ZDF.kultur es hier schafft, mich eine ganze Stunde einer „Gesprächssendung“ zuzusehen ist wirklich beeindruckend.

Regelmäßig von mir gesehen werde die meisten anderen ZDF.kultur-Sendungen zwar nicht, aber erwähnt werden sollten zumindest folgende: Die Unplugged-Reihe zdf@bauhaus und die Musiksendungen on Tape und Later with Jools Holland (von der BBC), TV Noir, das Themen-Remix-Format Der Marker sowie vormittags Wiederholungen alter ZDF-Sendungen (ZDFkult) wie Dalli Dalli oder Erkennen Sie die Melodie?.

ZDF.kultur schafft es dabei in einem Maß kulturell zu sein, dass nicht einschüchtert oder Normalbürger völlig irritiert (dank der ARTE-Sendung tracks fühle ich mich regelmäßig sehr sehr spießig und konservativ-zurückgeblieben).

ZDFinfo ist für mich der mit Abstand uninteressanteste der drei ZDF-Spartenkanäle, den es orientiert sich praktisch komplett am großen Bruder ZDF. So sieht man alle möglichen Wiederholungen von Wiso und irgendwelche Talkshows, sieht heute in 100 sec und ingesamt eher langweiliges Zeug. Außer, ja, nun, außer diese Formate:

Missing Link zeigt Verbindungen auf, wo es scheinbar gar keine gibt. Kein aufregendes Musste-gesehen-haben, aber doch interessant genug, um nicht sofort wegzuschalten.

log in ist der Versuch des ZDF, mal was mit Internet zu machen. Ganz ok und durchaus ein Thema, aber nichts, was man wirklich einschalten müsste. (vgl.)

Einziger Hammer – und das rettet den ganzen Sender – ist Mario Sixtus‘ Elektrischer Reporter. Darüber spricht nicht nur das Web (so der Untertitel des mitproduzierten Blogs „Hyperland“), sondern inzwischen auch meine direkte Umgebung. Allerdings, und daran kranken die Quoten von ZDFinfo, schaut sich niemand die Ausstrahlung des El Rep an. Die Mehrheit wird den Elektrischen Reporter im Internet ansehen.

fernseher

Eigentlich wären diese Sendungen Grund genug, sich mit dem Fernsehen wieder zu versöhnen, wenn da nicht solche Nachrichten wären wie bei der Süddeutschen Zeitung. Dort wird nämlich bereits wieder spekuliert, wann dieses Fernseh-Wunderland seine Experimentierflächen – die sowieso nur in Ansätzen existieren – wieder schließen muss.

(Es ist schon traurig, dass ich in einem Land lebe, dessen Bürger täglich (!) mindestens 130.681 Euro für die Bildzeitung rauswerfen (Auflage mal Mindestpreis, also Jährlich um die 50 Millionen Euro), aber 6 Millionen Euro für den Digitalsender Tagesschau24 (NDR-Intendant Lutz Marmor im verlinkten SZ-Artikel) als zu viel angesehen werden.)

Es lohnt sich also wieder, übers Fernsehen zu reden.
Eben, weil diese goldene Zeit vielleicht nicht mehr lange dauern wird.
(Yup, die richtigen Leute fangen da gerade erst an.)

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