"Das Alternativlos ist auch ’ne Niete."

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Bild von Corey Matsumoto unter GNU-Lizenz, hochgeladen bei ImageShack.us

In den Geschichten meiner Kindheit stand die Welt manchmal am Abgrund. Häuser brannten, Menschen litten, alles wirkte hilf- und hoffnungslos. Fünf vor Zwölf. Aber eine Comicseite weiter kam ein Held und rettete. Eine Sendeminute später schlossen sich Menschen zusammen und schafften das Unmögliche: Eine bessere Welt. Ein paar Seiten weiter hieß es „Und wenn sie nicht gestorben sind…“. Ich bin mit dieser Sicherheit aufgewachsen. Alles wird gut. Es geht immer weiter.

Irgendwann wurde ich größer, beschäftigte mich mit Politik, mit Nachrichte, Medien, Kultur. Heute habe ich diese Gewissheit nicht mehr, dass die Welt nicht untergeht. Vielleicht beschäftige ich mich deshalb mit Religion (keine Angst, nur ein Nebengedanke, der Eintrag geht gleich weiter), weil ich meine Hoffnung auf etwas Außerweltliches verlagern musste, meine Hoffnung also weg vom Weiterbestehen unserer Welt hin zur Ewigkeit des Seins überhaupt.

Ich glaube, es geht nicht nur mir so. Irgendwie haben wir das Vertrauen verloren, dass doch noch alles gut werden kann. Alles scheint „Alternativlos“, sinnlos, ziellos. Wozu einen Beruf erlernen, wozu zum Mond fliegen, wenn doch jetzt gerade diese oder jene Bank pleite geht.

Wir sind genug damit beschäftigt den Status quo für wenigstens einen Teil der Bevölkerung aufrechtzuerhalten – und nicht mal das gelingt uns. In Spanien haben wir eine Arbeitslosenquoten um die 25 Prozent (Jugendarbeitslosigkeit ist noch wesentlich höher), Griechenland kommt langsam an die 22 Prozent heran und in Deutschland ist immerhin jeder 20ste Arbeitslos gemeldet (real haben deutlich mehr keine Anstellung). Dazu kommen immer weniger Festanstellungen, eine halb zerstörte Natur (ich laufe mindestens 30 Minuten, um sowas ähnliches wie eine Wiese sehen zu können. Freie Natur… kenne ich überhaupt nicht mehr.) und ein Konsum- und Gesellschaftssystem, das so ineinander verflochten ist und derart Fehleranfällig, dass man es alle paar Jahre mit irgendwelchen Rettungsaktionen „wiederbeleben“ muss.

Wir laufen immer wieder gegen die gleiche Wand, und anstatt den Weg zu ändern, anstatt das Ziel neu zu justieren kleben wir einfach Pflaster über unsere blutenden Wunden. Lange halten wir das nicht mehr aus.

Was tun wir, um unsere Situation zu ändern? Nichts. Ich fühle den Drang, etwas zu verändern, bin gleichzeitig aber so taub und frustriert, dass jede Kampfparole, jeder Protest und jeder Gedanke nur ein Gähnen bewirkt. Was soll sich den ändern? Mir fehlt der Mut, etwas zu ändern. Ich habe meine Hoffnung verloren. Ich werde nicht mehr sehen, wie die Welt gerettet wird.

Ich umgebe mich mit Kultur, schaue Filme welche meine Weltrettungsfrustration illustrieren und schreibe deprimierende Blogeinträge. Ich kuschele mich in eine Bettdecke aus Tumblr-Bildchen und Bildblog-Einträgen, die immer wieder sagen, wie schlecht die Welt doch ist, in der wir leben. Wie verkommen unsere Gesellschaft ist, wie dumm die Jugend und wie vegetierend die Alten.
Ich höre Kate Nash und versuche zwanghaft ein „Notizbuch der Liebe“ mit Diagrammen und Tanzanleitungen zu füllen. Ich schaue Idiocracy und glaube daran, dass die Welt nicht gerettet werden kann (auch wenn es natürlich Unsinn ist, dass die Menschheit immer dümmer wird durch Selektion. Statt dessen empfinden – auch die Intellektuellen – Lügen, Verdrehung und Klatsch über den Umweg der Ironie als etwas Gutes.. Das heutige sechzigjährige „Jubiläum“ der Bild-Zeitung wäre eigentlich ein Grund sich aufzuhängen, würde ich nicht wissen, dass diese Leute mit meinem Selbstmord noch Auflage machen würden.).

In meiner Kindheit haben mutige Helden wie Welt zu einem besseren Ort gemacht. In meiner Kindheit haben wir die Welt gerettet. Gemeinsam. Heute töten in Super mit Rainn Wilson und Ellen Page selbsternannte „Superhelden“ mit Schusswaffen alles, was sie als „unmoralisch“ ansehen. In eine ähnliche Schiene fällt God bless America von Bobcat Goldthwait. Ein Duo tötet unfreundlichen Menschen und verkommenen Kreaturen, ist dabei aber nicht weniger verkommen. Besonders interessant ist dabei die Schlussszene, in der sich offenbart, dass es Menschen gibt, die sich gerne von der Öffentlichkeit demütigen lassen. Von Dokumentationen wie The Age of Stupid muss ich gar nicht erst anfangen. Kulturpessimisten werden an diesen Filmen sicherlich ihre Freude haben.

Ich nicht mehr. Ich will wieder eine Hoffnung, wieder einen Strohhalm an den ich mich klammern kann. Ich will mich nicht ins Private flüchten müssen und einen neuen Biedermeier beginnen. Ich will nicht, dass ich mich vor lauter Hoffnungslosigkeit in religiösen Spinnereien verliere. Ich will nicht mehr jeden Tag in den Nachrichten sehen müssen, dass alles immer noch schlimmer wird. Das ist schon seit über 30 Jahren so. Ich will nicht jeden Tag Alkohol in mich hinein schütten, damit ich nicht mehr spüre, wie alles kaputt geht und niemand etwas tut, weil niemand weiß, was zu tun ist.

Es stört mich nicht, dass meine Zukunft so unsicher ist. Es stört mich nicht, dass ich nicht weiß, was ich machen will und wie das funktionieren soll. Es stört mich nicht einmal, dass ich so frustriert bin. Ich wäre nur gerne wieder Hoffnungsvoll frustriert.

Ich schließe mit den Worten Patrick Batemans (die auch schon gut 20 Jahre alt sind):

My pain is constant and sharp and I do not hope for a better world for anyone, in fact I want my pain to be inflicted on others. I want no one to escape, but even after admitting this there is no catharsis, my punishment continues to elude me and I gain no deeper knowledge of myself; no new knowledge can be extracted from my telling. This confession has meant nothing.

5 Antworten auf „"Das Alternativlos ist auch ’ne Niete."“

  1. Hallo nach Rottenburg. Die Jugend ist nicht dumm und die Alten sind nicht vegetierend, dass habe ich in meinen 56 Lebensjahren anders erfahren. Mit 21 wollte ich die Welt verändern, mit 56 will ich das immer noch. Ich ärgere mich nur, dass ich in den Jahren dazwischen viel für meinen privaten Lebensbereich, aber zu wenig für das Gemeinwohl getan habe. Aber noch habe ich, so hoffe ich, einige Jahre Zeit und genug Kraft das zu tun, was nötig ist. Deine Zukunft ist nicht unsicher, wenn du immer machst, was du für richtig hälst, bist du auf einem guten Weg.

    1. Hallo vorwald,

      ich weiß, dass die Jugend eigentlich nicht dumm ist und die Alten eigentlich nicht vegetieren, auch, wenn mir beides diese Woche begegnete (die völlig weltfremden Ansichten von jungen Menschen haben mich ebenso erschrocken, wie die scheinbare Hoffnungslosigkeit alter Menschen im Pflegeheim).

      Ich hab versucht meinem Gefühl der Weltrettungsresignation hier Ausdruck zu verleihen, eben weil ich nicht mehr sicher bin, ob es überhaupt irgendetwas richtiges gibt. Mir erscheinen Gerechtigkeit, Liebe, Gemeinschaft und letztlich auch „auf einem guten Weg sein“ mehr und mehr als Märchen. Möglicherweise bin ich verbittert oder habe einfach nur eine schlechte Woche… aber, so fühlt es sich eben gerade an. Und selbst das Gute, was man immer wieder sieht, – Menschen, die menschlich sind – erscheint mir so sinnlos und bedeutungsleer verglichen mit all dem schlechten in der Welt.

      Danke schön für den Kommentar.

  2. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass es aber meist zutrifft, dass die Jugend dumm ist.
    Dumm…nicht als Beleidung sehend, sondern als Ausdruck des Bedarfs an Bildung.
    Richtiger Bildung natürlich und nicht die vom TV-Programm oder der Bild…
    Das ist alles eine Strategie des Systems, damit die jungen Menschen ja nicht beginnen zu begreifen, dass etwas schief läuft.
    Jeden Tag aufs Neue gehe ich in dieses “Gymnasium“, höre mir irgendwelche sinnfreien oder fehlerhaften Beiträge der Lehrer an, doch sobald man kritisieren oder korregieren möchte, wird einem das Wort abgeschnürt.
    Grüße aus der Sekundarstufe II…

    1. Hej Linda,

      danke für deinen Kommentar. (Das Blog ist eigentlich geschlossen, aber da der Kommentarbereich offen bleibt und ich nur an anderer Stelle weitermache will ich noch auf deinen Kommentar antworten.) Hier meine Antwort:

      Natürlich ist die Jugend dumm. Wie soll denn bitte jemand, der seit 20 Jahren auf diesem Planeten rumläuft soviel wissen können, wie jemand, der 50 Jahre Zeit hatte, hier zu lernen. Ich bin auch dumm verglichen mit den allermeisten anderen Leuten. Mir ist neulich erst aufgefallen, dass der Geschichtsunterricht in meiner Grundschule – irgendwas mit Mittelalter – kein falsches Bild vermittelt hat, weil er irgendwie mir etwas böses wöllte. Ich habe als Kind nicht gelernt, dass die Leute im Mittelalter „dumm“ waren, weil die Leute wirklich dumm gewesen wären, sondern weil ich als Kind einfach noch nicht so weit war, ausreichend differenziert diese Zeit zu verstehen. Sie waren dumm, weil wir dumm waren, als wir von ihnen hörten.

      Allerdings muss ich jetzt auch deine Lehrerinnen (generisches Femininum!) in Schutz nehmen: Eine ausreichend kritische und „richtige“ Lehre ist einfach nicht möglich unter den gegebenen Bedingungen. Um das Mittelalter in Deutschland wirklich zu versehen müsste man schon drei oder vier Jahre sich ausschließlich damit (und mit den damit zusammenhängenden Bereichen) beschäftigen. Das geht aber halt einfach nicht. Außerdem sind die Lehrpläne bisweilen sehr veraltet. (Ich erinnere mich noch gelernt zu haben, dass Menschen glaubten die Erde wäre eine Scheibe gewesen, was nachweislich zu keiner Zeit eine anerkannte Lehrmeinung war.) Die Kritik daran wurde aber schon von unserem Lehrer angesprochen, jedoch nicht niedergeschrieben.

      Die Welt muss erstmal einfach sein, damit du sie verstehen kannst. Und dann kann man beginnen eine Vereinfachung nach der anderen zu beseitigen.

      Die Lehrerinnen in deinem Gymnasium spinnen ein sehr sehr grobes Netz, das alle anwesenden verstehen können müssen. Dass dabei auch scheinbar sinnfreie oder fehlerhaften Beiträge mit eingewoben werden, ist nunmal so und auch sinnvoll. Zum einen sind Lehrerinnen auch nur Menschen, zum anderen muss die Generation die vor dir kommt – vor allem eben Lehrerinnen und Eltern – dich dazu bringen, selbst nachzudenken, zu kritisieren und zu korrigieren. Was ja offenbar bei dir geglückt ist. Das abgeschnürt werden mag frustrierend sein, aus diesem Frust heraus wirst du aber mehr lernen und mehr an deinen Argumenten arbeiten, als du es tun würdest, würde man jedes deiner Worte hofieren.
      Ob das für deine Klassengenossen auch gilt, weiß ich nicht.

      Die Sekundarstufe II geht auch vorrüber. Viel Erfolg! :)

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