"Ihr studiert und lest Bücher, ich kipp einen Altöl-Kanister auf das Grab von Georg Büchner."

Ich kann mit der meisten Musik nichts mehr anfangen. Laut Telepolis wird die populäre Musik eh immer gleichförmiger – und lauter.

Wie vermutlich das halbe Internet beginne auch ich diese Nachricht abzunicken und denke an den riesigen Haufen an völlig ununterscheidbaren Künstlern. Und all diese „Stars“ sind große Fans von Michael Jackson und alle lieben sie Witney Houston und jeden anderen „Namen“, der durch sein Ableben vom Feind- zum Vorbild mutiert.

Dem Nächsten der mir irgendwas von „Kunst“ und „Anspruch“ erzählt werfe ich eine Element-of-Crime-CD an den Kopf.

Es ist ein Geschäft. Popmusik, Popkultur, Fernsehen, Zeitungen, letztlich auch Blogs sind ein verdammtes Geschäft. Jeder, der sich damit befasst sollte klar sein, dass es nur zu einem Teil darum geht etwas zu „schaffen“. Der andere Teil ist „Ruhm“ (was auch immer das sein soll) und „Geld“. Die Anteile mögen unterschiedlich verteilt sein, aber letztlich geht es genau darum.

Für die Förderung der letztgenannten Aspekte des Kulturbetriebs haben sich Verlage, Labels, Vereine usw. gebildet. Das ist nicht verwerflich. Das hauptsächliche Problem daran ist, wenn ich von dem, was ich mache auch leben möchte – und die Nachfrage nicht höher ist als das Angebot -, dass ich sehr laut brüllen muss, um überhaupt gehört zu werden. Ich muss mich mit anderen Leuten anlegen, muss komische Klamotten tragen, Lieder covern, Skandale initiieren… Alles muss immer wieder neu aufgekocht werden. Wenn die Popmusik immer lauter plärrt und immer gleichartiger wird, dann ist das nur ein Ergebnis des Kostendrucks. Man macht das, was Erfolg verspricht. Punkt.

Die Problematik, die für mich in alle dem steckt, ist recht einfach: Auch die „Gegenseite“, all die Indiebands, alle Rapper, alle Deutschpopbands klingen – in bestimmte „Musikarten“ sortierbar – alle gleich. Und selbst das „ganz andere“ klingt nach dem dritten Lied alt und ausgelutscht. Das Zitat im Titel aus „Kol & the Gang“ ist letztlich auch nur Ergebnis dieses Anti-Mainstream-Versuchs, dass sich einer Parallelstraße gleich in die gleiche Richtung bewegt…

Vielleicht sind wir einfach überladen mit Einflüssen und der Durchschnitt dieser Einflüsse ist im Mainstream in kaltem Erbrochenem verfestigt.

Vielleicht ist es auch so, wie es Sascha Lobo einmal formulierte (sinngemäß): Irgendwer hat immer gerade das „Over 9000“-Meme entdeckt. Will sagen: Wir kommen in keiner Diskussion voran und es kann keine Weiterentwicklung geben weil die Masse des alten das neue so unglaublich überwiegt und durch seine Gravitation verändert, dass das „Neue“ nur etwas aufgekochtes sein kann oder ein Gegengericht. Man findet also immer wieder das alte und orientiert sich auch nur noch daran. (Und findet beim Kotzenden Einhorn nen weglaufenden Wecker. Aaaaaaaalt!). Das „Everything That Ever Was, Available Forever“ (ETEWAF) macht uns extrem schwerfällig und sorgt für die Instant-Kultur-Suppe, die überall gleich schmeckt. Ein Kulturmond, der nicht um diese „ETEWAF“-Sonne kreist, ist nicht mehr vorstell- oder gar auffindbar.

Patton Oswalt rief schon im Januar 2011 aus „Wake Up, Geek Culture. Time to Die.“. Ich glaube, wir alle sollten einen Kultursuizid begehen, ein Jahr lang nur Büroarbeit machen und dann von neuem beginnen. Werf eure CDs weg, boykottiert Radio und Fernsehen, verschenkt eure Bücher, löscht eure Blogs. Und dann probieren wir das nochmal, ok?

Und wer jetzt „Repost“ kommentiert, darf sich wirklich sehr kreativ fühlen.

6 Antworten auf „"Ihr studiert und lest Bücher, ich kipp einen Altöl-Kanister auf das Grab von Georg Büchner."“

  1. Klar ist es ein Geschäft und das war es schon immer. Auch Bach, Beethoven oder – und vor allem – Vivaldi waren nichts anderes als Mainstreammusiker.

    Was mich an der Diskussion stört ist das Mainstreambashing. Für mich ist das nichts anderes, als eine weitere Musikrichtung wie jede andere auch. Und wie in (fast) jeder anderen Musikrichtung gibt es dort Höhen und Tiefen, hörbares und nicht hörbares – aber das ist reine Geschmackssache.

    1. Die Frage ist doch eher: Orientieren sich andere Musikrichtungen nicht auch am Mainstream? Und ist in den Höhen und Tiefen nicht auch eine Abwärtsrichtung erkennbar?

      1. Tun sie und der Mainstream orientiert sich an den anderen Musikrichtungen. Der Mainstream, um sich ein bisschen cooler zu machen, die anderen Musikrichtungen, um ein größeres (zahlendes) Publikum zu erreichen. Ob das jetzt stärker wird, oder gar ein Trend nach unten erkennbar wird ist weniger eine Frage der Realität, als des Anteils des Kulturpessimisten in uns.

          1. Ich bin mir da nicht sicher. Ich denke aber, dass die Nischen immer überleben werden, auch wenn es da Höhen und Tiefen gibt. (Sprich, wenn sich der Mainstream mal eine Nische als „cool“ ausgemacht hat und ihr dadurch vielleicht eher schadet als nützt.)

            Das heute der Zugang zur Musik dank bezahlbarer Technik praktisch jedem möglich ist, davon profitiert sicher vor allem der Mainstream. Das sieht dann schon, zugegeben, nach einer unglaublichen Dominanz aus – aber wie gesagt, ich glaube doch, dass sich die Nischen nicht vertreiben lassen.

  2. Ich denke, dass Musik vielfältiger wird, je größer der Zugang zu ihr ist! Denn je mehr Menschen den Zugang zur Musik erreichen, desto mehr Einflüsse können durch sie wiedergespiegelt werden!

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