Der Weihnachtsmann ist keine Lüge, sondern eine Ideologie.

Eigentlich führe ich gerade mit einer Freundin eine sehr hitzige Diskussion um Heiratsanträge und auf welcher Grundlage diese zu machen seien. Ich kritisiere unter anderem, dass sie der Meinung ist, einen Mann unterschwellig zum Heiratsantrag bringen zu dürfen, was ich als Lügen auffasse. Sie wiederum entgegnete, dass die Welt nun mal voller Lügen und Intrigen sei, angefangen beim Weihnachtsmann und dem Klapperstorch. Ich will hier das Antragsthema gar nicht weiter austreten, sondern direkt auf eine Frage kommen, die sie an dieser Diskussion als Randerscheinung ergeben hat. Zunächst:

Warum erzählen wir Kindern Märchen?

Eine aufgeklärte, der „Wahrheit“ verschriebene Gesellschaft sollte ihren Kindern eigentlich nur das weitergeben, was sie nach wissenschaftlichen, ethischen und moralischen Maßstäben als sinnvoll und richtig wahrnimmt. Folglich sollten offensichtlich fiktive Werke wie Märchen auf keinen Fall an die nächste Generation weitergegeben werden. In unserer Erwachsenenwelt ist der Begriff „Märchen“ inzwischen ja auch Synonym für „Erlogen“. Warum also unsere Kinder belügen? Einerseits dient die Lüge als Schutzmechanismus. Die heile Welt, die wir unseren Kindern vorleben, die Phantasievorstellungen, die wir bewusst zulassen und fördern („Erzähl mal.“) und auch die Fremderklärungen („Der Storch bringt die Kinder“) dienen letztlich der Erhaltung einer friedlichen, sicheren und angstfreien Welt für das Kind. Wenn Störche nicht irgendwelche Vögel sind, die uns Nahrung nehmen, sondern als Teil unserer Welt wahrgenommen werden, die mit uns in Verbindung stehen, dann nimmt das Kind die Welt viel mehr als Ganzes wahr. Ein Kind mit Phantasie ist bereiter Zusammenhänge zu erkennen und zu konstruieren und nicht nur das ihm bereits bekannte zu referieren. (Alles reine Spekulation, wissenschaftliche Studien, die dies belegen liegen mir nicht vor).

Der Weihnachtsmann ist eine Ideologie.

Ich glaube aber, das Märchen und auch die Lüge vom „Weihnachtsmann“ vor allem einen anderen Ursprung haben. Konzentrieren wir uns auf den Weihnachtsmann (oder in Süddeutschland: „Das Christkind“): Da ist jemand, der dich ebenso beschenkt wie die Nachbarskinder und der kein Geld, keine Arbeitszeit oder eine andere Gegenleistung von dir erwartet (außer einer gewissen moralischen Gesinnung, die man dann als „Wart ihr auch alle brav?“ referiert). Im selbstlosen Handeln des fiktiven „Weihnachtsmann“ steckt ein Haufen Ideologie, die Kinder aufnehmen sollen: 1. Man muss keine Gegenleistung verlangen, dafür, dass man etwas Gutes / Selbstloses tut. 2. Im Handeln muss kein eigenes Interesse liegen (Vorteile für eigene Gruppe, etc.). Der Weihnachtsmann besucht „die ganze Welt“. 3. In dem das Handeln der Eltern (also die Geschenke der Eltern) einem fiktiven Dritten zugedichtet werden soll das Kind lernen, gutes Verhalten nicht nur gegenüber denen zu zeigen, die ihm etwas gutes tun. Es geht bei Weihnachten also nicht um ein Handel, ein Geben und Nehmen, sondern primär um ein Geben. 4. Die Möglichkeit des strafenden Weihnachtsmanns (bei uns meist verkörpert durch „Knecht Ruprecht“ als Begleiter des Nikolaus) bietet zudem einen ersten Ansatz einer unabhängigen, gesamtgesellschaftlichen Instanz der Rechtsprechung. Der strafende, ebenso wie der belohnende Weihnachtsmann, sind also eine Verbindung aus Judikative/Exekutive (unterschiedlich, je nachdem wie der Weihnachtsmann den Kindern durch die Eltern vermittelt wird). Zumindest mir wurde als Kind über ein Buch berichtet, in dem alles Gute und alles Schlimme, was ich tat, verzeichnet wäre und auf Grund dessen würde ich durch den Weihnachtsmann belohnt/bestraft werden.

Sich bei der Diskussion um Märchen, dem Weihnachtsmann und Klapperstorch allein darauf zu versteifen, dass dies letztlich „Lügen“ seien, ist zu kurz gedacht. Viel mehr müssen wir hinterfragen, warum gelogen wird.

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