Gekommen um zu Lachen

Malmö

Das politische Kabarett ist – zumindest in Deutschland – eine sehr komplizierte Sache. Nicht, weil man irgendwo neue Themen bräuchte oder tagesaktuell irgendwas erzählen müsste – Volker Pispers beispielsweise tourt seit gefühlt 20 Jahren mit dem gleichen Programm -, sondern weil es so ein schmaler Grad ist zwischen der Entfremdung von einem Thema durchs Lachen und dem eigentlichen Erzählen von Wahrheiten. Deutsche Kabarettisten tun sich teilweise recht leicht damit – sofern man derlei Hirnsülze wie die Mario Barths dem Kabarett unterschieben möchte -, teilweise haben diese (insbesondere wenn tatsächlich motiviert) aber auch massive Probleme mit diesem schmalen Gebirgspfad.

Wenn Pispers oder Georg Schramm in ihren großen Programmen gegen Ende etwas über die politischen Lager erzählen oder wie wenig Wahlen ändern oder vorrechnen, wie es in unserem Land aktuell aussieht, dann wird der Saal ganz ruhig. Vereinzelt hört man Husten. Bedächtiges, respektvolles Husten. Hier steht jemand, auf einer Bühne, und sagt, wie alle im Zuschauerraum wissen, dass es ist. Und niemand steht auf und ändert etwas daran.

Kabarett ist zugleich Heizkessel und Holzlöffel auf dem niemals überkochenden Revolutionswassertopf.

Leider hatte ich bisher noch nie die Gelegenheit einem Kabarett live beizuwohnen. Ich stelle es mir auch eher wie eine Veranstaltung für gebildete Menschen vor, die tief in sich drin fühlen, dass sie etwas ändern müssen, und dieses Gefühl dann mit den teuren Getränken (Wein) im Kabarett herunterspülen. Es muss unglaublich befreiend sein, diese Worte zu hören. So, wie es für die Menschen, die 1918 auf dem Platz vorm Reichstag Scheidemann lauschten, ein aufbrausenden Republik-Gefühl gewesen sein muss – obwohl diese Leute ja praktisch nix damit zu tun hatten. Ist Kabarett also nichts anderes als Revolutions-Pornografie? Etwas, worauf sich der Möchtegern-Weltveränderer einen runterholen kann, damit er keinen Druck mehr hat, endlich das System flach zu legen?

Dieses unfassbare Schweigen, dem Schweigen eines Gottesdienstes oder einer – herausragenden! – wissenschaftlichen Vorlesung gleich, will mir einfach nicht aus dem Kopf. Warum, verdammt, verändern wir nichts? Und ist ein solcher Eintrag nicht letztlich auch erotische Literatur eines Eunuchen? Darüber zu schreiben, was sein soll und was man will, aber es letztlich nicht zu tun / es nicht tun zu können?

Stellen Sie sich vor, alle, die wirklich unzufrieden sind, gehen demonstrieren. Stellen Sie sich vor, 1 Millionen Menschen protestieren rund um die Uhr vor dem Kanzleramt. (Wie Pispers es vorschlägt) Stellen Sie sich vor, alle Studenten, alle Arbeitslosengeld-II-Empfänger, alle Aufstocker und Niedriglöhner (oder auch nur jeder 100ste) treten in Hungerstreik? Stellen Sie sich vor, wir bestehen auf die bessere Welt.

Ab sofort ist die bessere Welt auch alternativlos. Und dann? Dann werden Sie und ich und alle, die auch nur leiseste Zustimmung geäußert haben als Kriminelle behandelt. Wir bekommen Gebühren aufgedrückt, uns wird vorgeworfen, wir würden Hausfriedensbruch begehen in einem Gebäude, welches nicht genutzt wird und das wir besetzen und sanieren. Stellen Sie sich vor, wir geben nicht nach. Wir würden verunglimpft werden, Nazibanden würden – mit Deckung des Verfassungsschutzes – auf uns Jagt machen. Man würde über uns lachen und uns danach… aufzukaufen versuchen. Gäben wir nach?

Insgeheim wollen wir die bessere Welt. Aber offen lachen wir nur darüber, wenn die lieben Kabarettisten uns auffordern, etwas zu ändern. Ist ja… alternativlos. Wir spielen die Weltverbesserungs-Eunuchen: Wir wissen wie mans macht, tuns dann aber nicht.

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