kino.to ist mein Wohnzimmer

Wir sind eine Generation von Digitalen Flüchtlingen. Seit über 10 Jahren bin auch ich Teil dieses langen Marsches. Wann kommen wir endlich an?

Schon 2008 fanden Medien praktisch ausschließlich am Bildschirm statt. (Eigenes Foto)

Vor einigen Jahren kursierte ein kleiner Comic durchs Netz, der aufzuzeigen versuchte, dass unser Leben heute gleichförmig hauptsächlich vor dem Bildschirm stattfinden würde. Ist dem so? Wahr ist: Heute verbringe ich sehr viel Zeit mit dem Internet. Eigentlich ist das Netz nie weg. Wahr ist aber auch, dass eine gute Serie auch am Computer gut ist. Wahr ist auch, dass ich die Internetfreiheit nun deutlich intensiver erlebe. Ein Kinogang oder eine DVD sind heute ein anderes Erlebnis und deutlich aufgewertet verglichen mit den gleichen Medien vor einigen Jahren. (Außerdem kostet eine Kinokarte heute auch gefühlt doppelt so viel wie noch vor drei Wochen.)
Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, die Freiheit und Sicherheit, die mir das Internet gibt, aufgeben zu müssen. Kleist beschrieb schon 1808 einen Mann, der aufgrund seiner nachvollziehbaren Wünschen zu einem Verbrecher wurde:

Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. […] Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.
(Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas)

Natürlich ist es ein bisschen übertrieben, Leute, die gerne eine Serie schauen wollen, mit einem Mann gleichzusetzen, der gegen Vetternwirtschaft und für sein Recht alles tut. Andererseits steht der Bruch des Urheberrechts – zumindest meinem Rechtsgefühl nach – nicht ganz so hoch wie das Niederbrennen von Städten und Morden von Unschuldigen.

Weil wir in der Kohlenstoff-Welt nicht bekommen, was wir wollen, flüchten wir ins Digitale, in Graubereiche und schließen uns zweifelhaften Geschäftemachern an. Nicht, weil wir schlechte Menschen wären, sondern weil wir dazu getrieben werden. Die große Majorität dieser Menschen, dieser digitalen Flüchtlinge, sind regelrechte Musterbilder guter Demokraten. Der aufgeteilte Entertainment-Markt macht sie aber zu Räubern und Verbrechern.

Vor gut 15 Monaten wies die Kriminalpolizei darauf hin, dass sie uns auf den Fersen ist unseren Graubereiche austrocknen möchte (siehe auch: Der Postillon). Erinnerst Du dich noch, wie Du damals von der Schließung erfahren hast?
Heute gibt es – gefühlt – deutlich mehr solcher Seiten, die Serien- und Film-Streams verlinken. Ohne groß nachzudenken fielen mir auf der Stelle vier Stück ein. Wie geht man dagegen vor?

Die Musikindustrie hat einen anderen Weg gefunden: Dienste wie Spotify bieten – werbefinanziert oder als Abo – eine sehr große Auswahl an Musik an. Plötzlich gibt es überhaupt keinen Bedarf mehr, Musik irgendwo illegal herunterzuladen.
Warum, verdammt, geht das nicht auch mit Serien? Warum muss ich mich immer noch ins Flüchtlingslager begeben, nur weil ich gerne eine Serie sehen will? Und selbst, wenn ich bereit wäre 3 Euro für eine Serienfolge zu bezahlen (weil ich im Lotto gewonnen habe), dann wären Dienste wie Maxdome immer noch viel zu kompliziert und gängeld, um es auch nur ansatzweise sinnvoll zu nutzen. Ich will eine Serie nicht nur zwei Wochen vor Ausstrahlung ansehen. Ich möchte die ganze Staffel nachts um halb 3 ansehen und das am besten in Originalton. Und wenn ich das darf, dann will ich keine 150 Euro pro Staffel dafür bezahlen müssen.

Die Zukunft lautet: Legalisieren statt Flüchtlingsverfolgung. Werbeeinnahmen statt Abmahnungen. Zufriedene Kunden statt kriminalisierte Nutzerschaft. South Park schafft’s doch auch. Und die Amerikaner mit Hulu. Und bei uns werden alte Beiträge der Öffentlich-Rechtlichen aus den Online-Archiven gelöscht.

Wir digitalen Flüchtlinge werden wohl noch eine Weile weiterziehen müssen, bevor uns Asyl gewährt wird.

(Eintragstitel von Danger Dan geklaut. Spotify-Link)

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