Der Bildschirm kennt nur Unterhaltung

Eigentlich hätte ich heute mit meine Vater streiten können. Er bot mir gleich zwei Vorlagen.

Ich saß, wie in letzter Zeit öfters – im Sessel vor dem aufgeklappten Notebook. Mein Vater sah das Fernsehsender-Vorabend-Allerlei. Ich sollte dazu sagen, dass mein Vater Gärtnermeister ist, seinen eigenen Betrieb mit Mitarbeitern führt und deshalb eine recht klare Trennung von Arbeit und Freizeit hat. Bei mir ist das anders, weil mein Begriff von Arbeit völlig anders ist.

Er fragte, ohne jedes Wort zuvor und in einem Befehlston, dem jedem preußischen General die Freudentränen ins Gesicht gespült hätte: „Machst du eigentlich gerade etwas fürs Studium?“ Ich fragte, völlig überrumpelt von dieser Frage, lediglich „Jetzt gerade? In dieser Sekunde?“. Ein wenig befehliger und mit der Enttäuschung, die ich in letzter Zeit häufiger aus seiner Stimme herauszuhören glaube, präzisierte er: „Wenn du vor dem Computer sitzt. Machst du dann etwas für dein Studium oder spielst du nur rum?“.

Äh?
Ich hatte keine Ahnung. Es gibt keine Trennung zwischen Arbeit und Privatleben für mich. Ich betrachte auch das Schreiben dieses Eintrags als eine Übung fürs Denken, fürs Durchschauen von Situationen und Aufgabenstellungen. Hätte er mich beim Putzen des Bads mit dieser Frage überrascht, hätte ich eine weniger komplette Antwort geben können, aber so stammelte ich etwas von Erfahrung, und dass ich im Moment zwar keine Hausarbeit schreibe aber die Geistesleistung ja dennoch da sein muss und ich diese durch das Beschäftigen mit Texten und Durchdenken neuer Reize mich ja auch indirekt vorbereite. Ich wurde dabei immer kleiner und kleiner und meine Fistelstimme formte Sätze, die verständlich machen sollten, dass man im Studium nicht genau trennen könne, wo denn etwas fürs Studium sei und wo nur „herumgespiele“.

Er antwortete, wie es neuerdings die Fernsehmoderatoren am Ende der Beiträge tun: „Hm.“ und fragte im gleichen Tonfall, wann denn mein Studium wieder beginne. Weil ich keinen Streit beginnen wollte, hörte ich einfach auf zu antworten.

Ich weiß nicht, wie ich meinem Vater begreifbar machen soll, was ich tue. Ich kann ihm schließlich keine Hausarbeiten vorlegen und rufen, ich hätte daran zwei Wochen hart gearbeitet. Ihm erschließt sich diese Arbeit nicht, ebenso, wie sich mir manche seiner Denk- und Vorgehensweisen nicht erschließen. Würde ich Löcher graben oder für mein Studium eine finanzielle Vergütung erhalten, hätte ich etwas in der Hand, das er sehen könnte. Aber Bildung, vor allem wenn so holistisch betrachtet wie ich es tue, ist nichts anfassbares. Man kann auf Bildung keinen Preiszettel kleben und ich befürchte zunehmend, dass man mit Bildung keine Familie ernähren kann.

Bildung macht nur alleine, traurig und einsam. Wieso sollte ich meinem Vater sagen, dass ich mich nur klüger, trauriger und einsamer mache. Das wird die Enttäuschung in seiner Stimme nicht wegnehmen. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht mehr, wie er stolz klingt. Vor allem nicht, wie er stolz auf mich klingt.

Nun. Werde ich mich ändern?

Ja. Und nein. Jedenfalls nicht in eine Richtung, die die Enttäuschung aus der Stimme meines Vaters nehmen könnte. Dazu müsste ich zaubern. Oder lügen. Beides kommt für mich nicht in Frage. So sehr ich meinen Vater liebe und so sehr ich möchte, dass er glücklich ist – das habe ich trotz höchster Anstrengungen nie geschafft -, so sehr wird mir bewusst, dass ich ihm nicht verständlich machen kann, was mir wichtig ist und was mich – vermutlich am ehesten – weiterbringen wird. Wir entspringen einfach zwei unterschiedlichen Denkwelten und vielleicht ist gerade das die notwendige Einbildung, die ein junger Mensch wie ich braucht, um endlich aus dem elterlichen Nest zu springen und die Flügel auszubreiten.

Und dann erstmal im verdammten Matsch zu landen.

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