Es gibt keinen Frieden zwischen Frühaufstehern und Wachbleibern, weil einer der beiden den Friedensschluss immer verschläft.

Dies Diskussion gibt es zurecht immer wieder: Nutze ich den Tag besser, wenn ich früh aufstehe oder lange wach bleibe? Beides hat seine Vor- und Nachteile. Vor allen Dingen wird eines der beiden Alternativen gesellschaftlich besser anerkannt.

Die lange Nacht hat ein Imageproblem
Niemand würde auf sein Straßenschild schreiben „Land der Wachbleiber“, ein Werbespruch wie „Land der Frühaufsteher“ wird aber tatsächlich von Sachsen-Anhalt verwendet. Weil diese Umfragen zufolge schon um 06:39 Uhr aufstehen. Der Durchschnittsbundesbürger ist 9 Minuten ausgeschlafener.
Mit frühem Aufstehen wird Arbeitsamkeit assoziiert, während Menschen, die lange wach sind als seltsam dastehen. Der Schlaf nach Tageswechsel, behauptet der Volksglaube, sei ungesünder. Mir ist keine wissenschaftliche Studie bekannt, die das bestätigen könnte. Meines Erachtens nach ist der Hass auf die Wachbleiber eine unsinnige und unnötige Diskriminierung. Ob ich besser tagsüber arbeite oder in den Abend und Nachtstunden hängt vor allen Dingen an mir. Keins von beidem ist von vornherein besser und jemand, der bewusst, weil von gesellschaftlichen Normen gezwungen, dann zu arbeiten versucht, wenn er eigentlich besser im Bett läge, ist alles andere als produktiv oder gesund.

Auch in meinem Freundeskreis erklärte mir jemand voller Stolz, was er heute schon alles geleistet habe und betete zugleich runter, wo er überall schon gewesen sei. Ich, da ich bin um die Mittagszeit schlief, nuckelte an meinem Tee und hörte nur so halb zu. Nun – Null Uhr Zweiundzwanzig – bin ich sehr motiviert, diesen Text zu schreiben. Sehr motiviert, E-Mails zu beantworten. Mein Kopf arbeitet ausgerechnet dann gut, wenn andere schlafen.

Größter Vorteil davon: Niemand stört. Versuche ich tagsüber zu Schreiben oder irgendetwas zu erledigen, kommt ständig irgendjemand und möchte etwas von mir. Erst jetzt, wenn die anderen das Bett hüten, habe ich Zeit und Muse, einen Text nach dem anderen zu verfassen, Blogeinträge anderer zu lesen, meine Uniwochen zu planen. Wenn auch der öffentliche Nahverkehr ruht, dann werde ich präsent. Schreibe Hausarbeiten, denke nach und schaffe mehr, als andere oft den ganzen Tag lang.

Ist das falsch?
Nein. Ich kann nichts dafür, wann ich gut arbeiten kann.

Ist das für mich dennoch problematisch?
Ja. Unsere Gesellschaft belächelt nicht nur die Wachbleibenden, sondern zwingt ihnen ihre unsinnigen Regel auf. Die Öffnungszeiten mancher Behörden sind dafür symptomatisch („Mittwochs 8 bis 10 Uhr“). Gerade traditionsreichere Institutionen (wie Universitäten und Schulen) neigen zu einer gewissen Verachtung des Wachbleibens, so, wie sie einst Linkshänder als „falsch“ wahrnahmen. Inzwischen setzen allerdings langsam Verbesserungen ein. Etwa ein langer Donnerstag in vielen Behörden.

Weil wir aber immer noch eine Minderheit sind und die Vorteile der Arbeitsteilung zwischen Tag- und Nachtmenschen noch nicht erkannt wurden, stehen wir noch am Anfang. Zwar fängt der frühe Vogel den Wurm, aber der faule Wurm lebt noch, wenn der fette Vogel schon von der ausgeschlafenen Katze gefangen wird (Frei nach Volker Pispers).

Ob man lieber lange schläft oder früher zu Bett geht, ist einem selbst überlassen. (An dieser Stelle bitte das „Why can’t we have both“-Meme vorstellen. Danke.)

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