Abschalten.

Vermutlich muss ich ihn angesehen haben, als hätte er mir mitgeteilt, es gäbe dort, wo ich hingehe, keinen Sauerstoff, aber in Wirklichkeit sagte er nur, es werde kein Fernsehen geben.

KabelBW verlange, so meinte er, für den Kabelanschluss zusätzlich zur Internetflatrate satte vierzig Euro (das sind 23 % meines momentanen Einkommens) und man konnte förmlich spüren, wie es im Raum kälter wurde. „40 Euro?“ frage ich bestürzt. „40 Euro.“ „Ja, dann macht das keinen Sinn.“, sage ich und drifte in einen Tagtraum ab. Heute in 3 Monaten: Ich bin hochgebildet, sehr strebsam und verabscheue das Fernsehen mindestens so sehr, wie Peter Lustig Kinder*. Außerdem rieche ich gerne meine eigene Flatulenz (South Park) und versuche andere Leute davon zu überzeugen, die Flimmerkiste ebenfalls rauszuwerfen.

Erwacht aus meinem Tag-Albtraum erklärt mir mein Onkel/Vermieter, ich könne ja mit einer DVBT-Antenne Fernsehen. Ich fühle mich wie in einem Entwicklungsgebiet. Wie soll ich jetzt die Samstag-Abend-Tweets verstehen? Wie soll ich den Tatort genießen? Wie… eigentlich hält mich nichts besonders am Fernsehen. Ich sehe gerne gute Serien, am liebsten im Originalton – und das bietet mir das Fernsehen kaum noch -, sehe gerne gute Filme und Dokumentationen. Aber, wenn ich pro Woche wirklich nur die Zeit sehe, die ich vor dem Fernsehapparat sinnvoll verschwendet habe, dann bleiben da vielleicht 3 Stunden übrig. 3 Stunden pro Woche (maximal), gegenüber 5 und mehr Stunden täglich. Erschreckender Gedanke, den die durchaus kritikwürdigen Macher des Zeitgeist-Films auf Facebook aufwarfen: Wenn wir wie der durchschnittliche Amerikaner am Tag „nur“ 5:11 Stunden Fernsehen schauen, dann sind das im Jahr – gemessen an einem 16-Stunden-Tag (Schlaf ist also direkt rausgerechnet) – 118 Tage, also fast vier Monate!

Will ich wirklich vier Monate jedes Jahr mit Wiederholungen von Scrubs, Episoden von Family Guy und Schwiegertochter gesucht verbringen? In der Woche, bevor ich auszog, lag ich auf dem Sofa im Wohnzimmer meiner Eltern und schaute „Mieten, Wohnen, Kaufen“ auf VOX. Mir wurde gesagt, man hätte mich angesprochen und mit der Hand vor meinen Augen herum gewedelt. Ich habe nichts davon mitbekommen. Entweder habe ich offenen Auges geschlafen oder das Fernsehen hat mich derart aufgefressen, dass jede reale Welt wie ausgeblendet war.

Eigentlich sollte das ein Warnruf sein. Eigentlich sollte ich diese Gelegenheit nutzen, keinen Fernseher mehr anzuschaffen. Aber, ich werde es dennoch tun. Um Videospiele mit Freunden spielen zu können. Um Filme von DVDs sehen zu können. Um ein Gerät zu haben, bei dessen Nutzung ich nicht weiß, ob ich gerade spiele oder arbeite, sondern bei dem tatsächlich das Spiel, die Unterhaltung, das Nichts tun im Vordergrund steht. Und Serien kann ich immer noch im Netz oder auf DVD sehen. Oder – z. B. den Tatort – in einer der örtlichen Kneipen. Ist ja auch viel besser, als alleine daheim vor der Mattscheibe zu versauern.

Das einzige, was mir fehlen wird ist wohl die Ausweichmöglichkeit, die das Fernsehen einem bietet. Sitzt man nämlich Abends mit Freunden in der Wohnung, so lenkt der laufende Fernseher ausreichend davon ab, dass man nicht weiß, was man tun soll. Oder will.

Der Fernseher ist das Lagerfeuer, dass man anstarren kann, wenn man eigentlich nichts zu sagen oder zu denken hat. In meiner Wohnung werde ich diese Möglichkeit – aller Wahrscheinlichkeit nach – nicht haben. (Außer, DVBT funktioniert besser, als es die Empfangsprognose glaubend machen will.)

—–

*Dass Peter Lustig keine Kinder mag ist natürlich Unsinn. Einer der vielen Beispiele für die Wahrheiten verschleiernde Berichterstattung der Springer-Presse. Einen kurzen Artikel dazu findet sich beispielsweise hier. Allerdings gibt es auch diverse Kindheitserinnerungen von Menschen, die Peter als Kinderunfreundlich war nahmen, etwa auf gutefrage.de

16 Antworten auf „Abschalten.“

    1. Naja, 1. bin ich in einer viel vor dem Fernseher sitzenden Familie aufgewachsen, 2. war ich schon drauf und dran ein teures 10-m-Kabel zu kaufen und 3. muss ich halt auch über so unwichtiges Zeug schreiben, wenn es jeden Tag einen Eintrag geben soll. Dass das bestenfalls ein Fall für White Wine wäre ist mir auch klar.

  1. Er beschreibt völlig leicht und beiläufig fehlende Motivation, nicht richtig funktionierende Kommunikation und die daraus resultierende, beklemmende Enge zwischen nicht erfüllten Erwartungen und einem nicht konstanten Selbstbild.
    Zumindest dann, wenn ich ihn auf mein eigenes Leben beziehe. Bei dir mag das sicherlich ganz anders aussehen – und doch: Scheinbar bleibt die fehlende Motivation.

        1. Ist ne Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und guter Erziehung. Ich will mich nicht ständig vordrängen und hier zu allem etwas sagen. Ist ja schon „schlimm“ genug, dass ich hier die Einträge schreibe, dann muss ich doch nicht auch noch den Kommentarbereich dominieren. Oder hast du das Gefühl dass ich deine Kommentare nicht wertschätze, weil ich nicht darauf antworte? Mir geht es da genau umgekehrt: Ich äußere mich nicht, weil ich zu großen Respekt vor deinen Worten habe.

  2. Da haben wir was gemeinsam. Mein Minderwertigkeitsgefühl ist riesig, bloß bin ich mittlerweile recht gut darin, das ab und an zu verstecken. It’s hard to deal with sensibility.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.