Doch nein, jetzt kommt keine Rechtfertigung.

[Triggerwarnung]

Als Kind sah ich in einer Zeitschrift eine Modestrecke, die berühmte Bilder nachstellte. Darunter auch ein Pärchen, welches sich überschwänglich küsst. Daneben in Kleiner war das Originalfoto abgebildet. „Kissing Sailor“ heißt dieses berühmte Schwarz-Weiß-Foto. Ein junger Mann in Matrosen-Uniform küsst am New Yorker Times Square am Tag, an dem der zweite Weltkrieg endete, seine Frau. Nahm ich an. Ich hielt das Bild für romantisch, hoffte in meiner kindlichen Naivität, irgendwann das Mädchen meiner Träume auch so küssen zu können.

Ein Artikel bei der Mädchenmannschaft hat mir gezeigt, dass ich niemals auf diese Weise ein Mädchen küssen möchte. Niemals.

Das Bild, was in meiner Kindheit stets „Romantik“ darstellte, ist in Wirklichkeit ein sexueller Übergriff. Einer, den Greta, die Frau auf dem Bild, nicht negativ bewertet – schließlich hat sie dieses Bild berühmt gemacht -, aber George, der Matrose auf dem Foto, war betrunken (und just davor mit einer anderen Frau auf einem Date, vgl.), hat sich die junge Frau einfach gegriffen und sie geküsst. Ein Fotograf, Zeuge des ganzen, fotografiert diese Vergewaltigung und das Bild lässt kleine, naive, einsame 12-jährige Jungs wie mich glauben, dort sei etwas romantisches abgebildet.

Ich will das nicht rechtfertigen, will nicht darüber schreiben, dass ich selbst bei genauem Betrachten nicht unterscheiden kann, ob es sich hierbei um ein Paar handelt, bei dem der Mann sich etwas zu sehr freut und die Frau ihn deshalb – liebevoll – wegdrückt, oder ob es ein ungewollter, unvorhergesehener Kuss eines Fremden ist. Ich bin in einer Rape-Culture aufgewachsen. Und natürlich hänge ich auch mit drin, mit verinnerlichtem Männer- und Frauenbild. (Koljah. In: Panik und Koljah: „Rechtfertigung“)

Es gibt Leute, die sind aus solchen Gründen wütend auf Feministen. Sie meinen, Leute, die das durchdenken, die schauen wie unsere „Rollenbilder“ konstruiert werden und dekonstruiert werden könnten, die dazu auffordern offen miteinander zu reden und – eine solche Unterhaltung führte ich tatsächlich schon einmal mit einer Freundin – es Unsinnig finden, wenn nur der Mann den „ersten Schritt“ machen darf (jajaja, Derailing, ich weiß), solche Leute würden die „Romantik“ kaputt machen. Es gibt Menschen, die wollen immer noch den Prinzen/die Prinzessin. Es gibt Menschen, die nicht verstehen können, was falsch ist an einem aufgezwengten Kuss. Es gibt Menschen, die begrüßen die veralteten Rollenbilder und können den Gedanken einer Gleichberechtigung nicht ertragen.

Ist das nicht kindisch? Jemanden zu verabscheuen, jemanden den Mund zu verbieten, weil er/sie erklärt, dass es den Weihnachtsmann nicht wirklich gibt, sondern dieser nur erfunden wurde um dieses oder jenes zu leisten. Den Boten nicht einzulassen, weil er eine unbequeme Wahrheit zu erzählen hat, ihn gar zu verabscheuen, weil er etwas berichtet, was das Weltbild des Empfängers stört.

Dennoch frage ich mich manchmal, wie sehr ich selbst Täter bin. Habe ich ein Mädchen in einer Beziehung jemals zu etwas überredet, habe etwas gemacht, was sie nicht wollte? Habe ich vielleicht etwas zugelassen, was ich nicht wollte? Haben wir genug miteinander geredet? Oder hat letztlich mein Mangel an Romantik das Ende eingeläutet? Ich würde sie gerne fragen. Würde gerne alle Mädchen fragen, mit denen ich zu tun hatte, ob ich sie verletzt habe, ob ich mich falsch verhielt… aber das wäre wieder nur eine Fortsetzung meines vom falschen Rollenbild geprägtes Fehlverhaltens.

5 Antworten auf „Doch nein, jetzt kommt keine Rechtfertigung.“

    1. Ich weiß ja nicht so recht, ob es mir hilft, zu lesen was letztlich ja ein Mann (jener Theodor Fontane, so hoch ich ihn schätze) an Lebensgeschichte und Gefühlen einer jungen Frau erdacht hat. Ich befürchte eher, dass das nur eine – wenn auch gut versteckte – Bestärkung des Rollenbilds bedeutet. Will sagen: Beim Lesen von Effi Briest – vor Jahren hatte ich mal ein paar Seiten gelesen – frage ich mich immer, in wie weit dies nicht auch Ausdrucks des Patriarchat ist. Also, dass ich nur die Gefühle, die Erfahrungen und das Leben einer Frau begreifen kann, wenn diese durch einen Mann erdacht wurde.

  1. Ich empfehle dir die Verfilmung von Hermine Huntgeburth aus dem Jahr 2009. Zum einen, da sie die Gefühlswelt Effis zum Teil neu interpretiert, neu darstellt und ihre Handlungen gar verändert – Effi erdacht durch eine Frau also – zum anderen, weil der Film meiner Meinung nach grundsätzlich sehr gelungen ist. Mich hat sowohl der Inhalt als auch das ästhetische Bild beeindruckt; alles zwar ein bisschen kitschig, aber zum Glück mag ich Kitsch und du vielleicht auch, beziehe ich mich an dieser Stelle auf deinen letzten Eintrag. ;-)

    1. Gut gemachter Film. Ich kann jetzt natürlich nicht beurteilen, wie der Film zum Buch steht, dennoch habe ich zumindest das Gefühl, ein wenig von den Gefühlen der Hauptfigur verstanden zu haben… Mich stört zwar immer diese Zwang zum Brüste-Zeigen in neueren deutschen Filmen, aber… seis drum. (Nichts gegen Brust allgemein, ich fühl mich dann nur immer verarscht, weil ich im Hinterkopf habe, wie ein Drehbuchautor/Regisseur/Produzent da steht und sagt „HEY, DU, ZEIG DOCH MAL DEINE …“. (Ich bin halt auch in einer sehr prüden Fernsehwelt aufgewachsen.)

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