Erwachsene prügeln sich, weil sie unterschiedliche Kindheitserinnerungen haben.

Als Skandinavistik-Studierender kommt mir die Galle hoch – so sehr ich Mykke schätze -, wenn jemand Astrid Lindgrens Pippi Långstrump beleidigt. Man darf durchaus diskutieren und auch Sachen in Frage stellen und ich fühle mich überhaupt nicht in der Lage, wissenschaftlich nachzuweisen, dass Heidi weniger ein „starkes Mädchen“ ist als Pippi. Ich bleibe deshalb völlig subjektiv und stelle nicht die persönliche Bedeutung in Frage, die manche Figur für einen nun erwachsenen Menschen hatte und eventuell hat. Trotzdem mache ich mir jetzt gleich Feinde:

Kann ein angeblich verwahrlostes Randgruppenkind kein „starkes Mädchen“ sein?

Inger Nilsson als Pippi Långstrump. Nationaal Archief, Den Haag – CC-Lizenz

Im Gegenteil. Pippi Långstrump zeigt, wie eine Welt ausschauen könnte, die Kinder selbst gestalten. In dem Sinne ist Pippi eine Anarchistin, die in ihrer Villa Villekulla eine Welt propagiert, in der der Einzelne gestaltend Einfluss nimmt. Unabhängig von der Herkunft, den Familienverhältnissen und selbstverständlich dem Geschlecht. Sie macht ihre Welt, wie sie ihr gefällt. Ist nicht genau das ein Anzeichen für ein starkes Mädchen? Ist nicht Beweis genug, dass Pippi von Feministen weltweit zum Sinnbild genommen wird? Snip von Wikipedia:

    Pippi Langstrumpf gilt als literarisches Vorbild für die Frauenbewegung und den Feminismus, zeigt es doch entgegen tradierter Rollenbilder ein Mädchen, das mit ihrer gesellschaftlich vorgegebenen Geschlechterrolle bricht und „stark, verwegen, ungehemmt, lustig, rebellisch und unbeeindruckt von Autoritäten“ ist. So habe das Buch „Generationen von Mädchen ermuntert, Spaß zu haben und an die eigenen Fähigkeiten zu glauben.“

Pippi Långstrump als Handlungsanweisung im Umgang mit dem Wandel.

Viel interessanter aber finde ich die beiden Nachbarskinder Tommy und Annika Settergren. Sie hängen noch immer in ihren alten, von größtenteils männlich bestimmten Autoritäten geprägten Weltbild fest, respektieren Pippi aber trotz ihrer Andersartigkeit. Viel mehr nehmen sie sie in ihrer Welt mit auf, erleben mit ihr Abenteuer und nehmen das ihnen Fremde an. Tommy und Annika sind damit ein Gegenmodell zu der Erwachsenenwelt, die Pippi größtenteils kritisch gegenüber steht. Tommy und Annika sind aber auch die Vorbilder, wie eine von klassischen, vor-feministischen Rollenbildern geprägte Gesellschaft auf den Wandel durch und mit einer starken Frauenbewegung reagieren soll. Annika und Tommy treten der modernen, post-autoritären, post-aristokratischen Welt mutig entgegen – trotz ihrer vielen, eingetrichterten Vorurteile erleben sie Abenteuer und haben Spaß an dieser so anderen Welt, in die sie Pippi führt.

Astrid Lindgren hat lange vor der 68er Revolution und lange vor einer Frauenbewegung, die über „Wir wollen auch“ hinausging, eine Figur geschaffen, die eine Freiheit lebt und ein Lebensmodell entwirft, dass so abseits der männlich geprägten Traditionen ist, dass ich immer wieder erschüttert bin, dass Astrid ein erstes Manuskript mit Pippi Långstrump bereits 1944 verfasste. Es mag durchaus sein, dass ich vor allem durch die Serienadaption aus dem Jahr 1969 mit Inger Nilsson geprägt wurde und deshalb ich dazu neige, die Leistung Lindgrens zu überschätzen (andererseits spricht die Normalität, mit der Lindgren weibliche Erzählerinnen und post-aristokratische Verhältnisse schildert – genannt wäre z. B. die Bullerbü-Reihe, in denen die kleine Lisa die Ereignisse erzählt, vor allem aber auch Ronja Räubertochter – schon sehr für ein anteilig moderneres Frauenbild, als man es von anderen Kinderbüchern kennt. Gegen dieses Bild der Feministin Lindgren sprechen die Rassismusvorwürfe, die sich vor allem auf die Pippi-Geschichten beziehen).

Heidi kann brauchen, was es gelernt hat

«Heidi», Racher-Verlag 1952 – Urheber: Rudolf Münger (CC-Lizenz)

Noch ein paar Worte zu Heidi, bevor Du deine Gedanken in den Kommentaren niederschreibst (grundsätzlich gehen sich bei solchen Themen alle an die Gurgel): Heidi kann für mich niemals als starkes Mädchen gelten. Sie mag zwar durchaus Züge einer starken Frau haben, widersetzt sich auch den Autoritäten, die sie als ungerechtfertigt ansieht, letztlich referiert sie und hängt sie aber immer im klassischen Rollenbild fest: Ihr Großvater (der Alpöhi) ist ihre zentrale, männliche Bezugsperson, dann gibt es noch den Geissenpeter und diverse weibliche Autoritätspersonen, die allerdings eher negativ dargestellt werden. Heidi macht, was ihr von männlichen Bezugspersonen beigebracht wird. Ja, sie wird gar krank, weil sie ihre von alten Rollenbildern überfrachtete Alpenwelt vermisst. Ich sage nicht, bei Heidi handele es sich um eine schlechte Kinderserie oder die Lehren daraus wären falsch. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass dort Frauen nur als fehlbesetzte Autoritäten dargestellt werden, oder Bittstellerinnen, die ihre männlichen Entscheidungsträger (allen voran der Alpöhi) umzustimmen versuchen. Der Aufbau eines Selbstbild der Frau, unabhängig von Herkunft/Heimat oder Rollenbild, findet – soweit ich mich erinnern kann – nicht statt. Die weiblichen Hauptfiguren agieren nur innerhalb der Grenzen, die ihnen gesellschaftlich gegeben werden. Dass diese falsch sein oder durch eigene Kraft überwunden werden könnten steht nicht zur Debatte. Für mich ist das einfach keine starke, moderne Frauenfigur.

Eine Antwort auf „Erwachsene prügeln sich, weil sie unterschiedliche Kindheitserinnerungen haben.“

  1. Ich finde bei Heidi interessant, dass die Geschlechterrollen der Erwachsenen mal umgekehrt sind. Anstatt der fürsorglichen Mutter gibts den lieben Almöhi mit harter Schale, weichem Kern; und was in den meisten Geschichten männliche, herzlose, gemeine Autoritätspersonen sind wird in Heidi von Frauen verkörpert. Das ist zwar nicht feministisch, aber eine Art ausgleichende Gerechtigkeit. (Ich weiß, auf Heidi selbst bin ich jetzt gar nicht eingegangen – weil ich nicht mehr weiß, was das Mädchen alles macht.)

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