Mängelexemplar

Gibt es eigentlich noch Menschen, die Bücher kaufen ohne Macken und Eselsohren? Selbst der Roman, welchen ich von meiner Dozentin ausgeliehen habe – sie ist ein „hohes Tier“ in unserem Fachbereich mit Dr.-Titel und allem -, selbst den ziert ein Stempel „Mängelexemplar“.

Ja, natürlich handelt es sich dabei nicht um einen aktuellen Roman. Die Erstausgabe erschien – in Schwedisch – 1933. Die mir vorliegende Übersetzung müsste von 2007 sein. An den Seiten hat das grüne Hardcover ein paar Macken – welche ich zuerst meinem Transport des Buches zuschrieb und mich schon exmatrikuliert auf der Flucht nach Sibirien wähnte, bis ich den Stempel „Mängelexemplar“ entdeckte -, es hat ein zwei winzige Flecken, aber die Seiten sind alle vorhanden in ihrer weißen Bleichheit. Das Buch riecht auch nicht irgendwie komisch. Röche es wie der Schlachthof in meiner Heimatstadt – so eine Mischung aus Exkrementen, Blut, Fleisch und Reinigungsmitteln -, würde ich verstehen, dass dies ein Mangel ist. Aber praktisch unsichtbare Macken und zwei, drei Verfärbungen des Buchcovers? Hm. Möglicherweise bin ich in einer anderen Generation aufgewachsen, in der man auch beschädigte Dinge noch wertschätze und nicht bei jeder Kleinigkeit sofort Preisnachlass forderte. Ich glaube aber, der Wind weht aus einer anderen Richtung.

Ich glaube, revolutionäre Buchhändlerinnen zerstören mutwillig ihre eigene Ware als Akt der Befreiung der großen literarischen Werke unserer Zeit. Die kleinen Macken und der einem zerschlagen der Ketten gleich Aufdrücken des „Mängel“-Stempels dient dem Guerillakampf gegen die in Teilen unberechtigt erscheinende Buchpreisbindung. Das diese zugleich nicht Fallen darf, sondern nur von diesen Freiheitskämpfern in speziellen Bereichen aufgeweicht werden soll, ergibt sich schon aus der Tatsache, dass gerade Neuauflagen und Erstauflagen (Ausnahme: Der Erstlingsroman von Sarah Kuttner) nicht als Mängelexemplare verkauft werden.

Möglicherweise ist es auch keine Verschwörung der Buchhändler schuld, möglicherweise kauft meine werte Dozentin auch schon direkt mit Stempel aus der Erfahrung heraus, dass an Studierende verliehene Bücher eben leiden.

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