Sexismus in „Radio brennt“.

[Triggerwahrnung!, Entwurfstatus.]

Sind die Ärzte übele Sexisten und „Radio brennt“ Teil der Rapculture?

Das einzige Album der großartigen Ärzte, welches den Weg in mein CD-Regal fand, bevor ich das Internet und solche Segnungen wie Spotify entdeckte, heißt „Das Beste von kurz nach früher bis jetze“ und ist eine „Best-of“, zu dessen Veröffentlichung sie gezwungen wurden (vgl.). Darauf findet sich eine Version von „Radio brennt“, die neben dem eigentlichen Lied auch einen Rap („Die Ärzte mit dem tierischen Rap-Schocker“) und ein weiteres Intro enthält. Farin Urlaub beschreibt das im Booklet von „Das Beste […]“ wie folgt:

F.U.: Der Text entstand auf Zypern, die Musik, glaube ich, im Übrungsraum; die Maxi an zwei schönen Tagen im Studio. Erstes Intro: Heftiges Geschmuse am Mikro. Zweites Intro: Das erste Mal gerappt (1987). Und dann die eigentliche Maxi mit Metal drin und allem, was das Herz begehrt. Der Schlußsatz stammt von Schwarzenegger – diese Maxi ist mein All-Time-Favorite von uns.

Ich habe dieses Lied heute von meinem Mobiltelefon kurzentschlossen gelöscht. Aufgrund der beiden Intros.

Heftiges Geschmuse am Mikro

[Schmatz-/Kussgeräusche] [Stöhnen] [Reißverschluss] [Frauenstimme:] Nein, nein. [Plop.] Warte, lass mich das Radio anmachen.

Nein heißt nein. Auch in einer Beziehung heißt „Nein“ eben „nein“. Natürlich ist eine solche Vorstellung der „die Frau von der männlichen Sexualität überzeugen“ ebenso falsch wie tief verwurzelt in unserer Kultur. Selbst Märchen wie „Der Froschkönig“ beziehen sich indirekt auf die weibliche Ablehnung von männlicher Sexualität und das Überwinden dieser Ablehnung. Weil dieses Verhalten, dieses „Plop“ nach dem „Nein“ in unserer Gesellschaft und Kultur usus ist, ja sogar von fehlgeleiteten Gerichten und Juristen verteidigt wird, fällt es nicht direkt auf. Ich begann das „Nein, nein“ aus dem Intro von Radio brennt ehrlich gesagt erst zu hören, als ich von Begriffen wie Rape culture bei der Mädchenmannschaft las. Dieses „Nein, nein“ mag vielleicht wie ein Teil eines Liebesspiels erscheinen, ist aber – ehrlich betrachtet – das Referieren auf eine Vergewaltigung. Und: Ein Mann, der auch nach dem „Nein“ einer Frau weiter macht – also gegen ihren Willen! -, ist ein Vergewaltiger. „Spielen“ die Ärzte also den Vergewaltiger?

Das erste Mal gerappt (1987).

Meine kleine Schwester ist ein ganz schönes Luder. […] Wir kriegen jede Tussi in jeder Disko […] Wir knutschen sie ab, wir legen sie flach.

Weil ich wie gesagt mit der Musik der Ärzte aufgewachsen bin möchte ich behaupten, sie würden mit diesen Versen auf diverse sexistische Rap-Stücke verweisen. Nichts desto trotz verwenden sie hier eine sexualisierte Sprache („Luder“) und preisen sich selbst mit ihrem (verfehlten) Männlichkeitsbild („wir legen sie flach“).

Wer sich ein eigenes Bild machen möchte kann Radio brennt inklusive der Intros auf YouTube finden.

Insgesamt muss davon ausgegangen werden, dass Die Ärzte in den Intros von „Radio brennt“ möglicherweise bewusst, nicht jedoch ausreichend reflektiert auf Rape culture referieren und in ihrer Absicht, humoristisch diese Themen zu behandeln, verharmlosen und beschönigen. Eine abschließende Betrachtung ist jedoch zu diesem Zeitpunkt in keinem Fall möglich. Insbesondere sollte die ebenfalls auf „Das Beste […]“ zu findende „Emanzenhymne“ hinzugezogen werden, um beurteilen zu können ob die Ärzte um die Zeit meiner Geburt sich über Sexismus lustig machten und zur Verharmlosung von sexueller Gewalt beitrugen.

Enden möchte ich mit dem Zitat aus „Emanzenhymne“ das nach 9 Minuten Liveaufnahme aus Aachen damit endet, dass sich Frauen und Männer gegenseitig anschreien. (Und ich hab da immer ne verdammte Gänsehaut). Schwanz ab! Schwanz ab! Runter mit dem Männlichkeitswahn!

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