Der Wahnsinn gehört dazu.

Gestern sang ein junger Mann an der Bushaltestelle. Er sang aus vollem Halse ein englisches Lied, und als er in den Bus einstieg, mit dem ich auch fahren wollte, erzählte er von den USA. Ich vermute, er kam gerade von der Arbeit, trug noch eine Kabeltrommel, einen Helm und schwere Arbeitskleidung. Er sang nicht besonders gut und auch, was er erzählte – das Halloween und „Fasching“ das gleiche wären war nicht erzählenswert. Aber er sprach mit einem Nachdruck in der Stimme, die man hier nur von Betrunkenen hört.

Grundsätzlich bin ich mit solchen Situationen überfordert.
Ich fahre unheimlich gerne mit dem Öffentlichen Nahverkehr, aber die Menschen, die darin sind, begegne ich zugerne mit Vorurteilen.

Da gibt es beispielsweise die Kinder mit Zigaretten und großer Klappe, die sich scheinbar ausschließlich von Fast Food ernähren und über irgendwelche Unanwesenden herziehen, als seien sie die Richter des jüngsten Gerichts. In fast jedem Bus gibt es eine alte Frau oder einen alten Mann, der sich sehr gut mit dem Busführer versteht. Machmal sieht man auch junge Eltern im Bus, die die kurze Fahrt nutzen, um Zeit mit ihrem Sprössling zu verbringen. Oft finden sich auch schweigsame Menschen mit Kopfhörern, die von der Arbeit oder Uni heimfahren und denen man ihr alltägliches Leben aus den Ohren quellen sehen kann. Praktisch alle teilen eine Eigenschaft: Sie sind gelangweilt.

Einer der Kinder beginnt mit seinem Mobiltelefon den erzählenden Mann zu filmen. Ich will eingreifen, aber ich weiß nicht, ob ich es darf. Ich weiß nicht, ob es angemessen ist, mit dem laut den ganzen Bus anredenden Mann ins Gespräch zu kommen, in zur Ruhe zu bringen. Nehme ich damit nicht den anderen das letzte bisschen, was ihren Alltag verändert?

Ich kenne ein paar aus dem Bus. Einer fährt weiter, obwohl er sonst mit mir aussteigen würde. Auch ich nehme die nächste Haltestelle, hauptsächlich, weil ich abwarte, bis der erzählende Mann Platz an der Tür gemacht hat. Ich steige aus. Ein junges Mädchen – es halb-regnet – rennt zum Bus, ruft, und erwischt ihn doch nicht mehr. Tropfen fallen. Ich nehme das kurze Stück durch einen Park und frage mich, was mehr wiegt. Die Ruhe oder die Ablenkung. Die Würde des Einzelnen oder der Alltagsausbruch der Vielen. Habe ich nicht eingegriffen, weil ich selbst aus meinem Alltag aussteigen wollte. Weil ich das Schauspiel genoss, welches mir die Realität des ÖPNV bot?

Oder habe ich mich einfach an die Oberste Direktive der Raumflotte gehalten? Bekanntermaßen behandelt die Oberste Direktive die Nichteinmischung in fremde (innere) Angelegenheiten. Vielleicht ist es ja so: Wir alle trotten in unserem Leben voran und jeder hat einmal – oder auch öfters – einen Augenblick, in dem er ausbricht. Und dieser Ausbruch hält die Gesellschaft zusammen. Dieses Druckablassen bewahrt uns vor ernsten Ereignissen.

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