Wenn ich sie besuche, ist es, als wäre keiner von uns beiden da.

Neulich saß ich bei meiner Großmutter. Ich saß in ihrer kleinen, holzgelben Küche, sie zeigte mir die kalte Schulter und füllte einen unglaublichen langen Fragebogen aus. Wer ihre Lieblingskomponisten seien. Ob sie Nachts Angst hätte. Was der schlimmste Moment für sie gewesen wäre. Ich wusste nicht was ich mit ihr reden sollte. Und ihr ging es wohl ähnlich. Ich will keine Gespräche mit ihr führen, so, als würde sie bald sterben. Ich ertrage es nicht, wenn sie zu weinen anfängt und jammert, dass sie keine Urenkel mehr kennen lernen würde. Ich will nicht wahrhaben, dass sie – vielleicht bald – sterben könnte. Aber diesen Gedanken bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf.

Als ich da in ihrer kleinen Küche saß und sie ihren Fragebogen ausfüllte – mit mittlerweile dem vierten Kugelschreiber -, und sie mich nach einem Komponisten fragte, dessen Namen ihr nicht mehr einfalle, googelte ich ihn für sie. Irgendwann ging ich, weil ich den Zug kriegen müsse. Es war so unwirklich.

Und ich hatte das Gefühl, meine Großmutter nun zum letzten mal zu sehen. Oder, mehr noch, als wäre sie schon längst verschwunden. Ich nahm mir vor, mir diese Gefühle zu merken (weshalb ich sie auch hier öffentlich notiere), weil ich es schon nicht geschafft hatte, mir zu merken, wie es war, vor diesem Tag. Wie sie als Großmutter war und ich als Enkel. Außer der alten „Du bist die größte Enttäuschung meines Lebens“-Geschichte erinnere ich mich angeblich an nichts mehr. An kein Gesicht, keine Nase, keine Haarspitze.

Der Tod gehört zum Leben dazu, das kann ich akzeptieren. Mit der eigenen Sterblichkeit komme ich klar. Auf den eigenen Tod tritt man mit jedem neuen Tag zu. Das andere das auch tun (müssen) ist dabei schwerer anzunehmen. Mit dem Hinterbleiben muss ich noch klarkommen lernen.

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