Die Lücke im Lebenslauf für die Weltrettung kann sich niemand leisten.

Die Netzneutralität stirbt gerade. Damit gibts – weil für die Drosselung ja Verbindungsdaten gebraucht werden – auch wieder Rechnungen und damit faktisch eine Vorratsdatenspeicherung. Yay. Das Internet macht dazu den Patrick Star. Bei Daniel gibts ein paar Links.

Außerdem geht gerade das EU-Verbotsvorhaben für den Anbau von Obst und Gemüse (Achtung, Bullshit-Verlagslink!) rum. Wenn das Internet also zur Monatsmitte aufgebraucht ist, können wir nichtmal im Garten unsere Lieblingssorten anpflanzen. Aber bei den örtlichen Mietpreisen kann ich mir eh keinen Garten leisten…

Manchmal frage ich mich, warum eigentlich niemand demonstriert. Warum belagern keine Menschenmassen Atomkraftwerke, sobald solche Bilder auftauchen? (Verlag, tote Ratte!). Warum fahren wir nicht alle nach Brüssel und beenden die „zuvielen Fahnen“ zugunsten einer echten europäischen Gemeinschaft? Warum beschweren sich alle, aber niemand ändert was? Es gibt eine ganze Menge an unzufriedenen Menschen und es gibt Milliarden an Texten und Gedankengängen wie diesen. Dass du diesen Text ließt, heißt, dass vielleicht auch du unzufrieden bist. Dir eine andere Welt wünscht. Eine bessere Welt.

Es reicht ja nicht, wenn ein Bahnhof stehen bleibt. Oder der Castor-Transport recht teuer wird (am Ende zahlen ja eh wir die Zeche). Oder ACTA verhindert wird. Es ist ja eine Richtung in dem Handeln zu erkennen. Keine Verschwörung, nein. Nur eine grobe Stoßrichtung. Ein Alternativlos. Nur ein paar Leute, für die es gut läuft und die deshalb dafür sorgen wollen, dass es so weiter geht. Nur wir gehören halt nicht dazu.
Wir können uns anstrengen wie wir wollen. Können abstimmen, können bürgerbegehren, klagen… Es nützt nichts. Man wählt einfach nochmal bis es passt.
Klar gibt es Teilerfolge, aber was nützen die gegen die Übermacht? Wir sind Spartacus und irren ziellos durch Italien.

Es gibt Hunderte, Tausende unzufriedene Menschen. Leute, die Videos auf Youtube stellen von Volker Pispers und Georg Schramm, die seit Jahrzehnten den Wechsel sich wünschen. Kabarett-Karten, meinte ersterer einmal bei einem Auftritt, solle man aufbewahren, um beweisen zu können, man wäre im Widerstand gewesen. Doch wann kommt die Revolution?
Es gibt haufenweise Leute, die sich in Parteien engagieren. Leute, die Montagabends mit Megaphon durch die Straße ziehen. In Tübingen gibt es sie noch immer. Ich habe während der Montagsdemo immer ein Seminar. Wenn nicht würde ich vermutlich auch eine andere Ausrede finden. Es sind immer gefühlt 40 Leute und nächsten Montag findet die vierhunderteinundzwanzigste Kundgebung statt. Motto: „Ob in Arbeit ob Hartz IV, solidarisch kämpfen wir!“ Ich frage mich langsam: Tun wir das wirklich?

Die Älteren unter uns erinnern sich noch an die Generalstreiks zu Zeiten Weimars. Warum gehen wir noch in die Uni jeden Tag? Warum bemühen wir uns nicht endlich, unsere Situation zu ändern? Was hat „Uni brennt“ genützt? Die Lage ist genauso mies wie zuvor. Eher wird sie noch schlechter. Aber was beschwere ich mich? 40 Jahre hat es gedauert, bis die DDR ein Ende fand. Vierzig Jahre. Muss ich wirklich noch 17 Jahre warten, bis unsere Unzufriedenheit einen Wandel bewirkt? Und dann wird es doch nur schlimmer? Warum brennt hier nichts? Warum organisieren wir uns nicht? Warum hat noch niemand die BP-Verantwortlichen ordentlich gehauen? (Verlagslink!)

Nun. Weil wir längst im Dienste des jetzigen Systems stehen. Weil die Masken, hinter denen wir die Konzernwelt kritisieren, von Time Warner kommen. Weil wir verhungern, wenn man uns noch mehr wegnimmt. Weil wir uns die Lücke im Lebenslauf nicht leisten können oder das bei Google steht, wir seien radikal oder dumm oder unzufrieden. Unser Führungszeugnis muss tadellos sein für die Stelle, mit der wir gerade so unsere Kinder ernähren können. Wir haben halt Angst vor dem Hungerwinter. Vor den Trümmern, die das alte System zurücklässt, wenn wir uns endlich davon befreien. Wir haben Angst, dass es uns ohne Hartz IV noch schlechter gehen könnte. Wir wissen, dass wir jetzt einen Arbeitsplatz und Lohn brauchen, ob es morgen noch eine Welt geben muss ist uns dagegen egal. Lieber weiter die Prügel ertragen, wenn die Hoffnung kein Triple-A-Rating hat. Wir haben Angst, dass wenn wir die Gefängnisgitter der Zugangsprovider zu stark rütteln unser W-Lan ausfallen könnte. Lass mir zumindest den Bachelor, lass mir Wikipedia, dann beschwere ich mich auch nicht.

Eigentlich wollte ich schreiben, wann wir endlich aufwachen. Aber daran glaube ich nicht. Ich würde mich gerne in eine Biedermaier-Welt zurückziehen. Politik Lügen sein lassen und mich mit Kunst, Gemüse und guten Büchern beschäftigen. Ich würde gerne in eine Stuga ziehen. Weg von der Welt. Weg von diesen Problemen. Aber es gibt kein Entkommen.
Es gibt nur ewige Rückzugsgefechte oder die Kapitulation. Zu letzterem bin ich noch nicht bereit.

Und die Zukunft wurde gerade runtergestuft.

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