Das Stars Hollow des Neckartals.

„Ich liebe meine Stadt. Nein, ich hasse meine Stadt.“
(NMZS: Düsseldorf)

Einer der Runninggags in der strukturell anti-feministischen Serie „Gilmore Girls“ war, dass in dem kleinen Örtchen ständig größtenteils sinnfreie Veranstaltungen zelebriert wurden. Dies hat in der Folge „Those Lazy-Hazy-Crazy Days“ einen Höhepunkt, als der Bürgermeister Taylor endlich eine Veranstaltung findet für die Lücke im Herbst. Das „Stars Hollow End of Summer Madness Festival“ ist der Inbegriff des Profilierungsversuchs für eine Kleinstadt, die nicht zur Ruhe kommen darf, weil auch den Stadtoberhäupter_innen klar ist, dass Stillstand das Ende des Städtchens bedeuten würde. Nichts darf zur Ruhe kommen, weil sonst die Erkenntnis reifen könnte, dass alles nur aufgesetzt war. Das man eben keine „Provinz auf Weltniveau“ (wie Würzburg) ist und das es keinen echten Grund gibt für Touristen, dort hin zu kommen.

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Vor einer gefühlten Ewigkeit zog ich aus meinem Heimatort Rottenburg ins 15 Minuten entfernte Tübingen. Je länger ich weg bin, desto mehr fühlt sich alles nach einem „Rottenburg am Neckar Sommer-Verrückten-Fest“ an.

himmel

Vergangenen Mittwoch aß ich in einem Lokal am Marktplatz mit Bruder und zwei guten Freunden zu Abend. Wer marschiert auf und flötet über den ganzen Platz? Die Stadtkapelle (oder war es doch die Bürgerwache?). Freitag dann eine andere Kapelle, die – so schien es mir – Fasnachtslieder spielte und in einem kleinen Umzug durch die Straße zog, aus der meine Eltern gerade ausziehen. Auf der einen Seite freut es mich, dass die Musiker öffentlich üben und nicht sich irgendwo verstecken. Trotzdem irritiert es, denn in meiner Kindheit sah man sie nur zu drei Ereignissen: Zur Fasnet, zu Frohenleichnahm und bei ganz besonderen Begräbnissen. Heute, so scheint es mir, geht nichts mehr ohne Klamauk, ohne Krach, ohne Daueranwesenheit, ohne Brüllen. Hey! Wir existieren noch! Und jeder Verein versucht die anderen zu übertönen.

Die spinnen, die Rottenburger.

Am Wochenende war dann die „Mission Olympic“, eine Veranstaltung bei der an verschiedenen Stationen „Bewegungspunkte“ gesammelt werden konnten, um im Falle eines Sieges – gegen Ibbenbüren in Nordrhein-Westfalen – sich einen weiteren sinnlosen Titel geben zu dürfen. Nach Fair-Trade-Stadt und Stadt des Kopp-Verlags

„Mission Olympic“… Hm, das ist die Veranstaltung, die, so finalstadt-rottenburg.de „initiiert [wird] vom Deutschen Olympischen Sportbund“ – letztlich also auch einem Sport-Lobbyverband – „und Coca-Cola Deutschland.“. Oh, cool, unsere Stadt lässt sich also vor den Werbezug des Zucker-Brause-Riesen spannen? Cool cool. Gleichmal ne Bonaqua trinken. Dementsprechend war die Stadt mit unauffälligen Brause-Werbungen durchzogen.

Dieses Wochenende ist dann „Baden-Württemberg schwätzt“, eine Veranstaltungssammlung rund um den schwäbischen Dialekt. Das maßt man sich an, weil ein Mundartdichter namens „Sebastian Blau“ aus diesem Städtchen kommt. Und nächstes Wochenende? Da ist „Rottenburg künstlerisch“ – mit Skulpturenausstellungen und … Zeugs.

Und wo wir grad dabei sind: Zwischen 9. und 11. August kommen Dieter Thomas Kuhn, Silbermond und Andy Borg (und andere Schlagerkünstler) auf eine Rottenburger Konzertreihe. Höhepunkt des ganzen Klamauks sind die „Landesfesttage“ Anfang September mit „Landesfestumzug“ und zusammenkonstruierter Heimat.

„Fuck it, das ist nicht mehr das was es mal war. Irgendwie ist es mutiert, diese Stadt ist in Gefahr.“ (NMZS: Düsseldorf)

Und auf dem Neckarfest (letztlich dem hiesigen Stadtfest) rappten die „Flowristen“ – oder wars „Kinderzimmer Recordz“? – auch einen Text über ihre Heimatstadt, der mir nun partout nicht mehr einfallen will. Irgendein krummer heimatverklärender Reim auf „Rottenburg“. Wobei man durchaus verzerrt weiterzitieren muss: „Doch der Untergrund brodelt, es ist Untergrund-Dopeness*. Wer zum Teufel hat behauptet das der Untergrund tot ist? […] Überall ist [Rottenburg Rottendope]*, Ehrenwort.“. (*Dope in diesem Fall als Ersatz für „Cool“.)

Einerseits will ich mein Heimatstädtchen lieb haben, andererseits irritiert mich all die Veränderung und letztlich die Veranstaltungsfülle (Beachvolleyball-Turnier? Klar, machen wir auch!). Freute ich mich als Kind auf Fasnet, Neckarfest und Weihnachten, jagt nun ein Event das Nächste. Wer da noch einen Überblick bewahren soll – und nicht vor lauter Feier erbricht – … nun, ich weiß ja nicht.

Vielleicht war der Rap ja auch: „Welche Stadt ist voll durch? – Rottenburch.“

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